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Katalanische Marionette

Von Stefanie Müller
Gas-Natural-Chef Rafael Villaseca ist in einer ungemütlichen Lage: Einerseits muss er bei der Übernahme von Endesa abwarten, was die Behörden sagen ? andererseits muss er um seinen Ruf kämpfen. Ihm wird vorgeworfen, im Auftrag der katalanischen Regierung die besten Unternehmen des Landes nach Barcelona abziehen zu wollen. Im September hatte er ein feindliches Übernahmeangebot für Endesa abgegeben, den größten Versorger Spaniens.
MADRID. Das traf Rafael Villaseca mitten ins Herz. ?Die spanische Regierung sollte die Finger davonlassen, Übernahmen zu initiieren?, forderte der Chef des spanischen Unternehmerverbandes CEOE, José María Cuevas, vor wenigen Tagen ? und degradierte damit Villaseca indirekt zur Marionette der Politiker. Denn Cuevas zielte auf die Verbindungen des in Barcelona ansässigen Versorgers Gas Natural, an dessen Spitze Villaseca steht, mit der katalanischen Regionalregierung ab: ?Die Fusion mit Endesa macht wirtschaftlich doch gar keinen Sinn?, legte Cuevas nach.Es sind schwere Tage für den Gas-Natural-Lenker. Im September hatte er ein feindliches Übernahmeangebot für Endesa abgegeben, den größten Versorger Spaniens. 22,1 Milliarden Euro ist er bereit zu zahlen. Nun kann er nur noch warten, denn ihm ist Wulf Bernotat in die Parade gefahren: Der Eon-Chef bietet 29 Milliarden. Und jetzt müssen die spanischen und europäischen Behörden zunächst über das höhere Gebot entscheiden, das von Eon.

Die besten Jobs von allen

Manch einer in Spanien wird dies Villaseca gönnen. Sein Angriff auf Endesa hatte außerhalb der autonomen spanischen Region Katalonien für großen Wirbel gesorgt. Ihm wird vorgeworfen, im Auftrag der katalanischen Regierung die besten Unternehmen des Landes nach Barcelona abziehen zu wollen.Folgerichtig ist der Katalane, der fast während seiner ganzen beruflichen Karriere als rechte Hand der Regionalregierung fungierte, in seiner Heimat ein Held. Deswegen drohten katalanische Unternehmer nach Cuevas Äußerungen mit dem Austritt aus dem Verband, wenn er das Gesagte nicht zurücknehme. Und der erzürnte Villaseca ließ die Öffentlichkeit per Pressemitteilung wissen, dass es einem ?Vertreter aller spanischen Unternehmer? nicht zustehe, sich derart zu äußern. Cuevas entschuldigte sich, katalanische Sensibilitäten berührt zu haben ? nahm aber nichts zurück.Seitdem ist die Stimmung in Spaniens Wirtschaft gespannter denn je, und der Druck auf Villaseca steigt täglich. Der schnell, aber bedacht redende Industrieingenieur plante die feindliche Übernahme, wie es seine Art ist, mit Liebe zum Detail. Der drittgrößte Versorger der Welt sollte entstehen ? mit Firmensitz Barcelona. Nur einen hatte er nicht auf der Rechnung: Wulf Bernotat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eon provoziert Gegenwehr.Am 21. Februar, kurz nachdem Villaseca alle politischen Genehmigungen für seinen Deal durchgeboxt hat, präsentiert Eon ein wesentlich attraktiveres Gegenangebot.Zusammen mit Gas-Natural-Präsident Salvador Gabarró entwickelt Villaseca noch am selben Tag eine Strategie, wie er den Deutschen die Stirn zeigen will. Gabarró, der Villaseca im Januar 2005 an die Spitze des operativen Geschäfts gerufen hat, kämpft an der Öffentlichkeitsfront, während Villaseca im Hintergrund Zahlen analysiert. ?Das kann er am besten?, sagt Antoni Subirà, Villasecas Lehrer an der renommierten Business-Schule Iese in Barcelona.Erst überlegt Villaseca, das Gas-Natural-Angebot von 21,3 Euro zu verbessern. Immerhin sind die Deutschen bereit, 27,5 Euro pro Aktie auf den Tisch zu legen. Dann aber wartet er lieber ab: ?Solange Eon nicht alle Genehmigungsprozesse passiert hat, gibt es nur ein Angebot auf dem Markt.?Die Politik hat er bei seiner Schlacht von Anfang an auf seiner Seite. Industrieminister José Montilla will einen Energieriesen mit Sitz in Katalonien. Er versucht, den deutschen Angriff mit einer Erweiterung der Kompetenzen der heimischen Energieaufsichtsbehörde zu verhindern.Im verzweifelten Kampf um Endesa stört es weder Montilla noch Villaseca, dass Gas Natural viel kleiner ist als der Übernahmekandidat. ?Wir schaffen das finanziell, und da gibt es viele Synergien?, sagt Villaseca: ?Diese Fusion eine Stromkonzerns mit einem Gasdienstleister macht absolut Sinn. Energie wird in Zukunft immer wichtiger, vor allem Gas als Alternative zum Öl. Zusammen sind wir schlagkräftiger.?Seinen bisher untadeligen Ruf als Manager verdankt er vor allem seiner Zeit als Generaldirektor des spanischen Lebensmittelunternehmens Panrico. Als er dort 1997 begann, kriselte es kräftig beim Donuts-Hersteller. Heute ist er die Nummer eins der Gebäckbranche in Spanien.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Katalanischer Nationalismus.Ähnliches hat Villaseca mit Gas Natural vor. Aber die Integration von Strom und Gas reicht nach Meinung von Manuel Romera, Finanzexperte bei der Madrider Business-Schule Instituto de Empresa, nicht aus, um das gewagte Projekt wirtschaftlich zu rechtfertigen: ?Sein Gegenspieler bei Eon, Wulf Bernotat, hat dieselbe Vision. Und der will mit dem Kauf von Endesa weltweit die Nummer eins werden.?Auch die Tatsache, dass Villaseca bereits im Vorfeld mit dem zweitgrößten Versorger des Landes, Iberdrola, einen Pakt abgeschlossen hat, nach dem dieser bei einer erfolgreichen Fusion mit Endesa Aktiva in Höhe von sieben Milliarden Euro von dem neuen Konzern kaufen kann, macht ihm nicht viele Freunde.Endesa-Chef Manuel Pizarro fuchst dabei der katalanische Nationalismus, den er hinter dem ganzen feindlichen Übernahmeversuch vermutet: ?Zahlen können da nicht mehr zu Grunde liegen.? Da werde doch nur ein unternehmerisch funktionierendes Projekt zerschlagen, damit Spaniens größter Versorger demnächst an der Costa Brava und nicht mehr in Madrid residiere.Iese-Professor Subirà ist wohl einer der wenigen, die Villaseca in diesen stürmischen Tagen noch blind vertrauen: ?Wenn er hinter dieser Übernahme steht, dann kann sie keine Dummheit sein. Er zählt noch immer zu den überragendsten Gestalten, die ich in meinem Unterricht hatte.?
Rafael Villaseca1951 wird er in Barcelona geboren. Seine Abstammung soll ihm später zum Verhängnis werden.1976 erhält er von der Technischen Universität Barcelona den Titel des Industrieingenieurs und erwirbt anschließend einen MBA an der Business-Schule Iese.1981 beginnt er seine Karriere im Dienste der Katalanen. Er wird Vorstandsvorsitzender des Autobahn-Managementunternehmens Túnel del Cadí, an dem die katalanische Regionalregierung beteiligt ist.1990 beruft ihn die katalanische Regionalregierung zum Chef des teilstaatlichen Infrastrukturunternehmens Gisa.2005wird er CEO des katalanischen Versorgers Gas Natural.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.03.2006