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Kassierer, Kunde, Kevin

Von Thomas Nonnast
Kevin Turner, Ex-Kunde, als Chief Operating Officer (COO) jetzt drittmächtigster Mann bei Microsoft, soll dem Softwareriesen Beine machen. Schnelles Arbeiten hat er von der Pike auf gelernt: Seine Karriere begann bei Wal-Mart an der Kasse. Microsoft, einst für seine Turbo-Kultur bei Produktentwicklung und Marktangang gerühmt, zeigt im operativen Geschäft seit mehreren Jahren Schwächen. Wiederholte Verschiebungen bei neuen Produkten verärgern Kunden und Aktienanalysten.
FRANKFURT. Wer hat nicht schon einmal in einem Geschäft gestanden und sich innerlich danach gesehnt, statt Kunde Chef zu sein, um für etwas mehr Dynamik hinter dem Tresen zu sorgen. Kevin Turner hat eine solche Gelegenheit, und zwar beim größten Softwarekonzern der Welt. Als IT-Verantwortlicher des Einzelhandelsriesen Wal-Mart war er lange Jahre einer der Großkunden von Microsoft. Seit einem Jahr ist er nun dessen Chief Operating Officer (COO) ? und soll dem Softwareriesen Beine machen. Noch ist von seiner viel gerühmten Dynamik aber wenig zu spüren.Microsoft, einst für seine Turbo-Kultur bei Produktentwicklung und Marktangang gerühmt, zeigt im operativen Geschäft seit mehreren Jahren Schwächen. Wiederholte Verschiebungen bei neuen Produkten verärgern Kunden und Aktienanalysten. So wurde etwa die für Herbst geplante Einführung des Windows-XP-Nachfolgers, Windows Vista, inzwischen zum zweiten Mal verschoben, ebenso die nächste Version von Microsoft Office, der zweiten Cash-Cow des Softwarekonzerns.

Die besten Jobs von allen

Gründe für diese Probleme gibt es viele: immer mehr und kompliziertere Produkte, überbordende Firmen-Bürokratie und endlose Rechtsstreitigkeiten etwa mit der Europäischen Union. Gleichzeitig steigt der Wettbewerbsdruck, vor allem in den neuen Märkten wie dem Internet oder bei mobilen Endgeräten. Deshalb lautet die Devise: Microsoft muss einfacher, schneller und gleichzeitig verlässlicher werden. Und genau diese scheinbare Quadratur des Kreises soll Kevin Turner als COO schaffen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Machtfülle in den HändenDie notwendige Machtfülle, um das operative Geschäft des Softwarekonzerns vom Kopf auf die Füße zu stellen, hat ihm Microsoft-Chef Steve Ballmer mit auf den Weg gegeben: Turner ist verantwortlich für die Produkte, den Vertrieb, das Marketing sowie das Service-Geschäft von Microsoft. Insgesamt ist er der Chef von 32 000 Mitarbeitern, mehr als der Hälfte des Konzerns. Zusammen mit Bill Gates, Steve Ballmer und den Technologie-Gurus Craig Mundie und Ray Ozzie gehört Turner zum innersten Führungskreis des Softwareimperiums.Dabei passt der 41-jährige Amerikaner vom Erscheinungsbild mit Anzug, Schnauzbart und Stirnglatze eigentlich nicht in die traditionell etwas lässigere Softwarebranche.Kein Wunder, denn Turner hat bis zu seinem Wechsel zu Microsoft seine gesamte berufliche Laufbahn beim Einzelhandelsriesen Wal-Mart verbracht. Schnelles Arbeiten hat er dort gelernt. Sein BWL-Studium finanzierte sich Turner als Teilzeitkassierer. Insgesamt 13 Jahre arbeitete er nach dem Abschluss des Studiums in der IT-Abteilung des Konzerns, zuerst als ?mittelmäßiger Programmierer?, wie er einräumt, später verantwortete er als Manager und CIO die gesamten IT-Aktivitäten.In seine Anfangsjahre als Programmierer fällt auch eine folgenreiche Begegnung. Einmal musste er ?einen Typen namens Steve? vom Flughafen zur Wal-Mart-Zentrale bringen, wie Turner erzählt. Dieser Steve hieß mit Nachnamen Ballmer. Beide trafen sich in den Folgejahren häufiger ? Turner als Kunde und Ballmer als Chef-Verkäufer von Microsoft.1998 wechselte Turner dann auf den Posten des CEO von Sam's Club. Wer dahinter eine Reihe schummriger Bars an einem der endlosen Highways der Vereinigten Staaten vermutet, irrt gewaltig. Sam?s Club ist eine US-weite Discount-Kette und Wal-Mart-Tochter. Rund 46 Millionen registrierte Mitglieder kaufen dort von Cola-Dosen über Medikamente bis zur Heim-Sauna so ziemlich alles, was das amerikanische Herz begehrt. Und das ist eine ganze Menge ? der Umsatz belief sich im vergangenen Jahr auf 37 Milliarden US-Dollar.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vom Microsoft-Kunden zum Microsoft-ManagerDoch offensichtlich war der Reiz der schnelllebigen Softwarebranche größer als ein Chefposten bei Wal Mart: ? Ich habe fast 20 Jahre bei Wal-Mart verbracht und dort eine ganze Menge verschiedener Jobs gehabt?, sagt Turner. Er habe alle Möglichkeiten, die ihm Wal-Mart habe bieten können, genutzt. Microsoft eröffne ihm aber ?unbegrenzte Möglichkeiten.? Im Gegensatz zu Wal-Mart sei Microsoft ?ein wirklich globales Unternehmen?, zieht Turner den Vergleich.Steve Ballmer wird solche Sätze gerne hören. Als er vor einem Jahr eine Lösung für die wachsenden Probleme des Softwareriesen im operativen Geschäft suchte, kam er auf seinen damaligen Kunden Kevin Turner. Seither haben sich die Rollen verändert. Das langjährige gute Verhältnis und der Umgang miteinander haben durch den Wechsel aber nicht gelitten, versichert Turner. Doch wie für alle Manager bei Microsoft liegt auch für ihn die Latte hoch.Turner muss vor allen Dingen die Softwareentwicklung des Konzerns wieder berechenbar machen. Denn die vielen Verspätungen bei den Kernprodukten sind inzwischen mehr als peinlich. Auch vielen Geschäftspartnern geht allmählich die Geduld aus. ?Ich meine, dass wir hier noch nicht so gut sind, wie wir es einmal sein werden?, sagte Turner kürzlich. Und schon die Wortwahl demonstriert den zur schau getragenen unerschütterlichen Glauben an die Stärken und die Zukunft von Microsoft, den auch Turner bereits nach wenigen Monaten verinnerlicht hat.Mittelfristig muss er jedoch zumindest nach innen erklären, wie konkret der Umbau des Konzerns vonstatten gehen soll, um die Marktmacht von heute in den Märkten von morgen abzusichern. Denn Microsofts Macht ist nicht nur durch Google und seine Software aus dem Internet gefährdet. Immer rasanter wandern auch Computerfunktionalitäten vom PC auf Mobiltelefone. Dort hat Microsoft aber längst nicht die Position wie bei PCs.Allein mit seinen wortreichen Allgemeinplätzen wie ?Innovation?, ?Kreativität? und ?Nutzen für den Kunden? dürfte Turner seine Mitarbeiter jedenfalls nicht überzeugen ? und ihnen die nötige Dynamik verleihen.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.08.2006