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Kasernenton macht keine Musik

Ursula Neumann
Sie haben es geschafft: Studium, Traineeprogramm, ein Jahr erfolgreich in einem wichtigen Projekt mitgearbeitet und jetzt Abteilungsleiter.
Sie haben es geschafft: Studium, Traineeprogramm, ein Jahr erfolgreich in einem wichtigen Projekt mitgearbeitet und jetzt Abteilungsleiter.

Zugegeben, es ist eine kleine Abteilung, aber zum Beginn Ihrer Karriere sind ein Sachbearbeiter, eine Sekretärin und eine Auszubildende nicht schlecht. Sie tragen Führungsverantwortung, haben neben "Kollegen" nun auch "Mitarbeiter", denen Sie ein guter Chef sein wollen - und müssen. Denn für die Leistung Ihrer Mitarbeiter stehen letztlich Sie gerade.

Die besten Jobs von allen


Wer sind diese Menschen, denen Sie "vorgesetzt" wurden?

  • Ihre Sekretärin macht den Job seit 15 Jahren. Die Zusammenarbeit mit dem alten Chef war nicht traumhaft, funktionierte aber. Ob das mit Ihnen, der Sie 20 Jahre jünger sind, auch klappt? Da ist sie skeptisch.


  • Der Sachbearbeiter hatte sich auch auf Ihre Stelle beworben. "Was da gefordert ist, bringe ich leicht - und noch einiges mehr", findet er. Unter uns gesagt: Er hat Recht. Den Job haben Sie nur bekommen, weil die Firmenleitung immer noch glaubt, ohne Studium gehe es nicht.


  • Der Auszubildenden ist alles egal, weil sie gerade heftigen Liebeskummer hat.
Sie starten mit Schwung, hängen sich voll rein. Doch die anderen ziehen nicht mit. Die Sekretärin ist muffig und macht Dienst nach Vorschrift. Der Sachbearbeiter arbeitet ganz klar gegen Sie. Und die Auszubildende kann man eh in der Pfeife rauchen.

Doch wozu sind Sie der Chef? Sie werden neue Seiten aufziehen! Und das geht so: Als Sie merken, dass die PC-Kenntnisse Ihrer Sekretärin steinzeitlich sind, erklären Sie ihr: "Wenn Ihr Vorgänger das geduldet hat - bitte. Aber nicht mit mir!" Sie solle sich weiterbilden, und zwar pronto. Am nächsten Tag meldet sich Ihre Sekretärin für den Rest der Woche krank.

Als der Sachbearbeiter, der nach Höherem strebt, eine kleine organisatorische Veränderung vorschlägt, ist das für Sie eine willkommene Gelegenheit, ihn mal gehörig runterzuputzen. Sie zerpflücken seine Idee vor versammeltem Team und meinen zum Schluss jovial: "Es ist schön, wenn Mitarbeiter mitdenken, das empfinde ich als positiv. Aber ich denke, es ist nicht Ihre Aufgabe, sich meinen Kopf zu zerbrechen."

Die Auszubildende schließlich bricht Ihnen fast das Genick, weil sich ihre Eltern bei der Unternehmensleitung beschwert haben. Ob sich denn niemand um das Mädchen kümmere - das Berichtsheft sei eine einzige Katastrophe. Mein Gott, sagen Sie den Eltern am Telefon, sollen Sie denn mit Disco-Gänschen Schönschreibübungen machen?!

Gratuliere: In nur sechs Wochen haben Sie Ihre Mitarbeiter gründlich vor den Kopf gestoßen. Machen Sie weiter so, und der Laden fliegt Ihnen in einem Monat um die Ohren. Doch Sie haben Glück. Eine gute Fee schenkt Ihnen das Goldene Buch der Mitarbeiterführung. Und da lesen Sie:

  • Andere Leute sehen eine Situation nicht unbedingt so wie Sie. Dafür haben sie gute Gründe.


  • Andere Leute haben andere Interessen als Sie, und die sind genauso berechtigt.


  • Sie können eine Menge und eine Menge noch nicht. Beides ist Ihnen stets bewusst.


  • Auch andere Leute können oder könnten eine Menge. Als Chef/Chefin sollte Sie das freuen und nicht ängstigen.


  • Weil Sie nicht auf Ihren Vorurteilen beharren, trägt bei Ihnen jeder erste Eindruck den Vermerk "zur Wiedervorlage".


  • Wenn Sie souverän sind, können Sie zuhören, bevor Sie reden, und hinschauen, bevor Sie handeln. Wenn Sie noch nicht souverän sind, müssen Sie beides erst recht tun.
Endlich sehen Sie klarer - und handeln entsprechend. Sie plaudern mit Ihrer Sekretärin und erfahren dabei, dass sie ihren vorigen Chef mit Engelszungen um eine PC-Schulung gebeten hatte, aber der hielt das für Schnickschnack. Inzwischen traut sie sich nicht mehr zu, etwas Neues zu lernen. Sie erzählen, wovor Sie sich bei Ihrem ersten PC-Kurs fürchteten. Andererseits: Sie wisse ja selber, wie notwendig ein Update wäre. Sie würden sich auch bemühen, dass der Betrieb die Kursgebühren übernimmt.

Der Sachbearbeiter ist eine härtere Nuss. Er schwankt zwischen dem Bedürfnis, Sie auflaufen zu lassen, und dem Wunsch, gute Arbeit zu leisten. Nur wenn Sie ihm beharrlich Wertschätzung entgegenbringen und seine Lust an der Arbeit mit anspruchsvollen Aufgaben fördern, können Sie ihn auf Ihre Seite ziehen. Das heißt nicht, dass Sie devot werden. Schließlich wollen Sie nicht Watschenmann für das sein, was die Unternehmensleitung verbockt hat.

Dagegen ist die Sache mit der Auszubildenden ein Kinderspiel: Auf eine kritische Bemerkung von Ihnen bricht sie in Tränen aus, und da Sie sich ein paar Minuten Zeit nehmen, erfahren Sie, dass alles sinnlos sei, weil ihr Freund Schluss gemacht habe. Schnell erfinden Sie die Geschichte von einer Ex, wegen der Sie um ein Haar in der Schule sitzen geblieben wären. Aber dann hätten Sie sich gesagt: Wegen der drehe ich keine Ehrenrunde!

Da die Auszubildende Vorsitzende eines Fan-Clubs für irgendeinen US-Sänger ist, erkundigen Sie sich nach den Amerikanisch-Kenntnissen der jungen Dame und merken, dass sie einiges draufhat. Mit etwas List bringen Sie sie in einem unternehmenseigenen Kurs für Wirtschaftsenglisch unter. Bald berichtet sie, dass sie sich besser als mancher Abteilungsleiter verständigen könne.

Jetzt haben Sie Ihren Laden im Griff. Aber Sie wissen auch: Nicht immer klappt das so. Manchmal gerät man an eine Stelle, die ist Schlangengrube und Himmelfahrtskommando in einem. Da hilft nur die Einsicht: Bloß weg!
Dieser Artikel ist erschienen am 31.10.2001