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Karstadt kassiert Absage aus Paris

Bei der Suche nach einem Nachfolger für den zurückgetretenen Karstadt-Quelle-Chef Christoph Achenbach hat Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff eine Niederlage einstecken müssen.
HB DÜSSELDORF. Sein Wunschkandidat für das Spitzenamt in Essen, der frühere Carrefour-Chef Daniel Bernard, erteilte ihm gestern offiziell eine Absage. Karstadt-Quelle habe bei Bernard angefragt, bestätigte ein Sprecher des Franzosen in Paris eine entsprechende Meldung des Handelsblatts. Der 59-Jährige habe sich aber dagegen entschieden, in Essen das Steuer zu übernehmen. Nach Informationen der französischen Handelsblatt-Partnerzeitung ?La Tribune? will Bernard lieber als China-Berater arbeiten. Middelhoff kommt die Absage des erstklassigen Handelsexperten ungelegen: Die Neubesetzung der Konzernspitze werten Insider als Bewährungsprobe für den Aufsichtsratschef.Der Franzose gehörte zu den vier Kandidaten, die der Aufsichtsratschef von Karstadt-Quelle, Thomas Middelhoff, als Nachfolger für Ex-Konzernchef Christoph Achenbach favorisiert.

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Der 59-Jährige hätte für einen Wechsel sofort zur Verfügung gestanden, denn Anfang Februar hatte der langjährige Carrefour-Chef sein Spitzenamt beim weltweit zweitgrößten Einzelhändler in Paris an José Luis Duran abgeben müssen.Schon vor einer Woche hatte Middelhoff angedeutet, von den vier Topkandidaten auf seiner Liste stamme einer aus dem Ausland. ?Der Neue muss kein Deutscher sein, aber deutschsprachig?, erklärte er dem ?Spiegel?. Diese Eigenschaft erfüllt Bernard ohne weiteres: Der ehemalige Frankreich-Statthalter des Metro-Konzerns spricht gut Deutsch.Auch im Einzelhandel selbst galt er als erste Wahl. Die Branche feierte den Supermarktexperten nicht nur lange Zeit als ?den Handelsmanager der 90-er Jahre?. Als einziger Franzose im Verwaltungsrat der damaligen Metro International AG war er sogar von Metro-Lenker Erwin Conradi als dessen möglicher Nachfolger ins Gespräch gebracht worden ? bis er 1992 den Konzern in Richtung Carrefour verließ.Dort fiel er nun, wie Brancheninsider berichten, einem Rachefeldzug von Aufsichtsratschef Luc Vandevelde zum Opfer. Der 53-jährige Belgier und ehemalige Carrefour-Vizechef hatte sich 1999 selbst Hoffnungen auf die Konzernleitung in Paris gemacht, war jedoch gegen Bernard gescheitert. Im vergangenen Jahr holte ihn Carrefour-Großaktionär Halley zurück in den Aufsichtsrat, wo er seinem einstigen Vorgesetzten Bernard nun ein rasches Ende bereitete.Spätestens im Mai oder Juni will Karstadt-Quelles Aufsichtsratschef Middelhoff entschieden haben, wer in Essen die verwaiste Unternehmensspitze übernehmen soll. Weil ihm der Aufsichtsrat den Vertrag als Vorstandschef nicht verlängern wollte, hatte Achenbach nach nur zehn Monaten sein Amt vorzeitig zur Verfügung gestellt. Seither führt Finanzvorstand Harald Pinger interimsweise die Geschäfte.Ob auch Klaus Eierhoff noch zu den Favoriten zählt, ist ungewiss. Gestern überraschte dessen Arbeitgeber Thiel Logistik mit der Meldung, der ehemalige Karstadt-Vorstand und Middelhoff-Vertraute habe den Vorstandsvorsitz bei der luxemburgischen Logistik-Gruppe niedergelegt. Ein Thiel-Sprecher begründete den Rücktritt mit unterschiedlichen Auffassungen über die Weiterentwicklung der Firma.?Es sieht nun ziemlich danach aus, als ob er zu Karstadt-Quelle geht?, bewertete ein dem Essener Konzern nahe stehender Unternehmensberater den Vorgang. Personalberater berichten, Eierhoff habe das Interesse verloren, weil zu befürchten sei, dass der Konzern demnächst in Einzelteile zerschlagen werde. Auch Aufsichtsratschef Middelhoff selbst hatte zuletzt erklärt, auf der Liste der vier Topkandidaten sei Eierhoff nicht vertreten.Middelhoffs einstiger Vorstandskollege bei Bertelsmann hatte vor zwei Jahren die Führung des Luxemburger Logistikers Thiel übernommen und das Unternehmen wieder in die schwarzen Zahlen geführt. In der vergangenen Woche musste er jedoch die optimistischen Ertragsprognosen nach unten korrigieren.Doch die wenig zufrieden stellenden Zahlen sind es offenbar nicht, die den Rückzug Eierhoffs veranlasst haben. Der von dem BMW-Erben Stefan Quandt kontrollierte Verwaltungsrat habe Anstoß daran genommen, dass Eierhoff die Gerüchte um eine angebliche Bewerbung als Chef bei Karstadt-Quelle lange Zeit nur halbherzig dementiert habe, berichten Insider.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.04.2005