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Karriereplanung zwischen Flugsimulator und Arbeitsamt

Silke Doering & Dominik Schöneberg
Es ist Freitag Morgen, neun Uhr, das Wochenende steht vor der Tür. Für die meisten Schüler ist der Besuch auf der Messe in Köln keine Pflichtveranstaltung, dennoch tummeln sich Hunderte in den Hallen eins und zwei. Rund 290 Aussteller informieren am 21. und 22. März im Rahmen der Einstieg Abi die jungen Besuchern darüber, welche Ausbildungsmöglichkeiten sie zu bieten haben.
In der Eingangshalle liegen Messeplaner aus. Darin können sich die Besucher über das Vortragsprogramm und die Aussteller informieren. Eine Gruppe von Schülern fährt mit der Rolltreppe zum Ausstellergelände in die erste Etage und schaut sich eingeschüchtert um. "Es ist ein bisschen unübersichtlich hier. Wir müssen uns erst mal zurechtfinden," sagt ein Mädchen, das einen Schreibblock in der Hand hält


Pfadfinder vom Arbeitsamt

Direkt gegenüber von der Rolltreppe liegt der Stand vom Arbeitsamt. Dort empfängt Gerhard Seidl vom Arbeitsamt Bonn orientierungslose Schüler: "Ich sehe mich selber als Pfadfinder, der den jungen Leuten hilft, sich zurechtzufinden." Viele junge Leute überfordert das Angebot auf dem Ausbildungsmarkt. Das Arbeitsamt will mit seinem Stand Orientierungshilfe im Ausbildungsdschungel bieten. "Die Schüler kommen zu uns und fragen: Das Angebot ist groß, aber was ist das richtige für mich?", erzählt Seidl. Er erarbeite dann mit den Jugendlichen Kriterien, die ihnen bei ihrer Ausbildung wichtig sind. Manchmal könne er sie dann auf einen Aussteller auf der Einstieg-Abi verweisen.


Kurz nach der Eröffnung der Messe herrscht ein wildes Gewusel von Teenagern zwischen den Ständen. Erwachsene fallen hier auf wie bunte Hunde. Meistens sind es Lehrer, die ihre Klasse begleiten. "Die Schüler nehmen mit Sicherheit viel mit. Wir haben uns in der Schule vorbereitet und werden auch im Nachhinein noch mal drüber sprechen", erzählt ein Lehrer aus Wiesbaden. Die Schüler durften entscheiden, ob sie die Messe besuchen wollten; auch die meisten anderen Besucher sind freiwillig hier. Zum Beispiel Matthias: "Ich möchte Ingenieur werden. Gerade habe ich mich bei den Hochschulen über Studiengänge informiert." Der 12-Klässler ist auf eigene Initiative mit seinen Freunden aus Trier angereist. Er sei durch einen Hinweis in der Lokalzeitung auf die Messe aufmerksam geworden. So wie Matthias wissen bereits viele, in welche Richtung sie sich beruflich entwickeln möchten. Die Messe wollen sie dazu nutzen, um mit den Ausbildern in Kontakt zu treten. Eine Schülerin der Jahrgangsstufe 11 erzählt: "Ich möchte mal was mit Touristik machen. Bisher habe ich alle Stände abgeklappert, an denen es um Touristik geht. Jetzt habe ich schon viel Infomaterial gesammelt."

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Weizenbier und Gummibärchen

Ein Schüler läuft über einen Gang zwischen Hochschulständen, ein volles Weizenbierglas in der Hand. Er nimmt einen tiefen Schluck, gibt einen Laut voll Wohlbehagen von sich und wischt sich den Bierschaum aus seinem Oberlippenflaum. Andere Schüler blicken ihm neidisch hinterher und schauen sich dann suchend um. Nebenan blockiert vor dem Stand der Technischen Universität München eine große Menschentraube den Gang. Hier gibt es Freibier für alle.

Viele Aussteller locken die Messebesucher mit kleinen Aufmerksamkeiten an ihre Stände. Auf vielen Tischen stehen Becher mit Kugelschreibern und Schüsseln voller Gummibärchen . "Der Mensch ist Jäger und Sammler", sagt Claus Dieter Herde von Siemens. Sein Unternehmen verzichte jedoch auf Werbegeschenke. "Es bringt uns ja nichts, wenn die Jugendlichen an unseren Stand kommen, sich die Kulis schnappen, und wieder abziehen."

Es ist 9:30 Uhr. Eine Airbus-Passagierflugzeug befindet sich im Landeanflug. Der Pilot verliert die Kontrolle über seine Maschine und verfehlt die Landbahn um 50 Meter. Alle Passagiere sind tot. Glücklicherweise war der Flug nur simuliert. Der Pilot ist noch im Teenager-Alter und verlässt verschämt lächelnd das Cockpit. Die Lufthansa hat als Attraktion einen Flugsimulator aufgebaut. Die Rechnung geht auf: Viele Schaulustige drängeln sich um die Pilotenkanzel. Direkt nebenan können sich die Bruchpiloten dann am Infostand schlau machen, wie sie die Lufthansa doch noch zu echten Flugzeugkapitänen ausbilden kann.


Aussteller aus aller Welt

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl vor einem kleinen, runden Tisch. Vor ihm ausgebreitet liegen Anmeldeformulare und Infobroschüren. Über dem Kopf des Mannes hängt ein T-Shirt mit der Aufschrift "I love New York". Er sieht sehr zufrieden aus. Der Mann heißt Thomas Shea und kommt aus New York von der Farleigh Dickinson University. Sein Stand befindet sich im internationalen Pavillon. Universitäten aus aller Welt stellen hier unter einem Dach ihre Studienangebote vor. Trotz des spartanisch konzipierten Standes war sein Messeauftritt bisher erfolgreich. Viele Jugendliche interessieren sich für ein Studium in New York

Doch auch 130 deutsche Hochschulen wollen mit ihrem Messeauftritt neue Studenten gewinnen. Und 50 Unternehmen fahnden nach Bewerbern für ihre Ausbildungsplätze. Christian Brackelmanns von der Deutschen Bank ist von der Wirksamkeit des Messeauftritts überzeugt: "Wir haben festgestellt, dass die Bewerberzahlen nach den Einstieg-Messen deutlich ansteigen." Viele Aussteller scheinen vom Erfolg einer Messe-Präsenz in Köln überzeugt zu sein: Über die Hälfte der Aussteller des vergangen Jahres ist wiedergekommen

Vorträge am laufenden Band

Einige Aussteller informieren zusätzlich auf fünf Bühnen in Vorträgen über ihr Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten. Gemeinsam mit Branchenvertretern füllen sie das Programm mit Beiträgen zu Ausbildungsinhalten, Ausbildungsdauer und Berufsaussichten. In einer Diskussionsrunde können die Schüler Fragen stellen.

Es ist zehn Uhr: Auf Bühne eins schließt Peek & Cloppenburg mit einer Modenschau den Beitrag zum Thema "Mode Management und mehr". Die Models räumen die Bühne und die Zuhörer ihre Plätze. Doch die Reihen bleiben nicht lange leer: Langsam füllen sich die Ränge wieder für den nächsten Vortrag: "Lehrer werden". Rund 50 Jugendliche, überwiegend Mädchen, nehmen Platz und blättern in Infobroschüren. Ein paar Lehrer sind auch dabei, die sich ein Bild davon machen wollen, was sich an der Lehrerausbildung verändert hat.

"Lehrer müssen weitaus mehr leisten, als Wissen vermitteln. Einfühlungsvermögen, Geduld und Verständnis sind ebenso wichtige Vorraussetzungen," eröffnet Herr Steuwe vom Philologenverband seine Präsentation. Die Besucher verfolgen den Vortrag aufmerksam, einige schreiben mit. Nach etwa einer halben Stunde haben die Zuhörer das wichtigste zum Studiumsverlauf und den Berufsaussichten erfahren. Ein Schüler eröffnet die Fragerunde: "Gibt es die Möglichkeit auch im Ausland zu studieren? Und kann ich mit meinem Deutschen Abschluss im Ausland arbeiten?" Steuwe weiß Bescheid: "Ja, auch das ist möglich."


Tine, 17, und ihre Freundinnen verlassen den Zuhörerraum. Die Präsentation finden sie gelungen, wenn auch ein wenig zu schnell. Tine interessiert sich schon seit längerem für das Berufsbild Lehrer und hat sich schon im Voraus informiert. Am meisten reizt sie der Bereich Sonderpädagogik: "Leider war davon in dem Vortrag nicht die Rede. Aber ich habe trotzdem viele wichtige Punkte erfahren. In meinem Berufswunsch fühle ich mich weiterhin bestärkt."

Es ist jetzt zwölf Uhr Mittags. Auf den Gängen der Einstieg-Abi herrscht ein reges Treiben. Die jungen Mädchen schlängeln sich zwischen den Ständen hindurch in Richtung Ausgang. Für heute haben sie genug erfahren. Draußen erwartet sie ein strahlend schöner Frühlingstag. Ein bisschen kann der Ernst des Leben ja noch warten

Dieser Artikel ist erschienen am 04.04.2003