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Karrierefrauen erobern das Macholand

Von Stefanie Müller, Handelsblatt
In Deutschland fast undenkbar, in Spanien nur ein Beispiel von vielen. Ana Patricia Botín hat drei Kinder und ist gleichzeitig Präsidentin der spanischen Bank Banesto und hat damit neben ihrer Familie fast 10 000 Angestellte unter sich.
Kinder müssen keine Karrieren-Hemmnis sein
?Die Großeltern sind enorm wichtig,? sagt die 43-Jährige. Sie holen mit Begeisterung die Kinder von der Schule ab und unternehmen auch am Wochenende gerne etwas mit ihren Enkeln. Aber auch die moderne spanische Gesellschaft sei wichtig, die Mütter wie sie, die ihre Familie und ihre Unternehmen gleichermaßen gut führen wollen, inzwischen voll unterstütze.?Im heutigen Spanien ist es nicht gut angesehen, wenn eine Frau zu Hause bleibt ? auch wenn sie Mutter ist,? erklärt Nuria Chinchilla, Organisationsexpertin bei der Businesschule IESE in Barcelona und Autorin des gerade veröffentlichten Buches ?La ambición feminina? (?Der weibliche Ehrgeiz?). Während der Franco-Diktatur wurden Frauen noch unterdrückt. Kinder bekommen war ihre Hauptpflicht, an Studium oder Arbeit war nicht zu denken. ?Heute ist die arbeitende Spanierin ein Inbegriff für Demokratie und Modernität,? sagt Chinchilla. Wer nicht arbeite, gelte als antiquiert ? auf solche Frauen werde herabgesehen. So ergab auch Chinchillas Befragung unter weiblichen Führungskräften, dass nur 15 Prozent ihren Job für die Kinder aufgeben würden. Das bedeute aber nicht, dass sie keine Familie haben wollten.

Die besten Jobs von allen

Die mehrfache Mutter Isabel Aguilera, Direktorin der größten spanischen Geschäftshotelkette NH Hoteles, hält Kinder als Ausgleich für enorm wichtig: ?Ich brauchte damals beides, eine Familie und eine erfolgreiche Arbeit. Das eine schien mir ohne das andere unmöglich.? Wer diese optimistische 43-jährige Spanierin anschaut, hat keine Zweifel, dass sie mit ihrer Wahl glücklich ist, ?auch wenn ich abends völlig kaputt ins Bett falle?. Chinchillas Untersuchung unterstreicht zudem die Bedeutung des Mannes, der der Mehrheit der befragten Frauen als wesentliche Stütze diene.Während die Zahl der Frauen in der Wirtschaft sich nicht groß von Deutschland unterscheidet, fällt jedoch die starke weibliche Besetzung in der öffentlichen Verwaltung und Justiz auf, wo mittlerweile die Frauen überwiegen. Sie besetzen 57 Prozent aller Richterämter. Bei den Staatsanwälten machen sie knapp 40 Prozent aus. Das ist wesentlich mehr als in Großbritannien oder Deutschland. Wie progressiv das als Macholand bekannte Spanien ist, zeigt auch, dass gerade mit María Emilia Casas eine Frau dem nationalen Verfassungsgericht vorsteht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mütter können sehr viele Dinge gleichzeitig machenDer neue spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero hat angekündigt, dass er diesen zunehmenden Einfluss der spanischen Frauen voll unterstützen wolle und hat gleich die Hälfte seines Kabinetts mit ihnen besetzt.Zwar gebe es keine genauen Zahlen darüber, wie viele der Frauen, die arbeiten, tatsächlich Mütter sind, ?aber wir wissen, dass die meisten weiblichen Führungskräfte anders als zum Beispiel in den USA auch eine Familie haben?, sagt Celia de Anca, Expertin für Diversität im globalen Management bei der Madrider Business-Schule Instituto de Empresa. Am einfachsten ist das im IT-Sektor, wo die Unternehmen am meisten in die Vereinbarung von Familie und Arbeit investieren. Karriere machen Spanierinnen zudem im Finanzsektor und bei allem, was mit Kommunikation zu tun hat. ?Dort werden ihre diplomatischen und sehr guten analytischen Fähigkeiten geschätzt,? sagt de Anca. Im Gegensatz zum nüchtern und oft einsam entscheidenden Mann, suchten sie zudem Kooperation und zeigten einen außerordentlich hohen Grad an emotionaler Intelligenz, was eine komplementäre Funktion zum eher nüchternen männlichen Management hätte. An Müttern schätze man insbesondere, dass sie sehr viele Dinge gleichzeitig machen könnten.Ein gutes Beispiel dafür ist auch Rosa García, CEO der iberischen Niederlassung von Microsoft und ehemalige rechte Hand von Steve Ballmer. Die 39-jährige Mathematikerin verantwortet einen Umsatz von 320 Millionen Euro im Jahr und hat dennoch Zeit und Nerven für die Erziehung ihrer zwei Kinder. Dabei hilft natürlich auch eine sehr professionelle Betreuung in Spanien. Diese ist zwar für Kinder unter drei Jahren durchweg privat und mit rund 350 Euro im Monat nicht gerade billig, aber sie nimmt auch mehr Verantwortung ab als öffentliche deutsche Einrichtungen. Die meist von 8 bis 20 Uhr geöffneten Horte akzeptieren nicht nur Kinder ab einem Monat, sondern verfügen neben universitär ausgebildeten Pädagogen auch über Ärzte und Psychologen, die regelmäßig mit den Eltern kommunizieren.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Hauspersonal ist wesentlich billiger zu haben Kinder gehen in Spanien zudem ab drei Jahre in die ? kostenlose ? öffentliche Vorschule. Von 9.30 bis 16.30 Uhr sind sie damit inklusive Mittagessen versorgt. Das kommt auch den Kindern zugute, die lernen nämlich schon mit vier Jahren Englisch und können mit fünf Jahren schon etwas schreiben und lesen. In den Sommerferien organisieren die Schulen Reisen für die Kinder.Ein wichtiger Grund, warum in Spanien mehr Mütter arbeiten als in anderen Ländern, ist aber auch die Tatsache, dass Hauspersonal wesentlich billiger zu haben ist. Die vielen Immigranten aus Lateinamerika betreuen die Kleinen rund um die Uhr gegen ein monatliches Taschengeld von 500 Euro, Verpflegung und ein kleines Zimmer im Haus. Im Preis drin: Kochen und Putzen.Einzige Nachteile sind die Arbeitszeiten und wenig steuerlichen Erleichterungen für Familien. Eine Mittagspause von mehr als zwei Stunden macht den Arbeitstag lang. Und Aufbegehren hiergegen hat keinen Sinn, erfuhr die 34jährige Laura Revuelta, die ihre Arbeitsstelle bei einem französischen Broker im Sommer verloren hat, weil sie auf die Mittagspause verzichten wollte. Doch Spanierinnen lassen sich nicht so schnell aus dem Arbeitsleben drängen. Lieber gründen sie ihr eigenes Unternehmen. Chinchilla: ?Ein Drittel der neu gegründeten Unternehmen in Spanien sind von Frauen, die Zahl steigt täglich.?
Dieser Artikel ist erschienen am 25.06.2004