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Karriere mit Kant

Die Fragen stellte Simone Fuchs
Über 100 Berufsinitiativen und so genannte Career Center gibt es an deutschen Hochschulen. Sie richten sich überwiegend an Absolventen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Was bringen universitäre Berufsinitiativen für Geisteswissenschaftler? Fragen an Harro Honolka, Gründer der Initiative "Student und Arbeitsmarkt" in München.
Über 100 Berufsinitiativen und so genannte Career Center gibt es an deutschen Hochschulen. Sie richten sich überwiegend an Absolventen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Einst gestartet als Praktikumsbörsen, informieren sie heute Studenten im Hauptstudium über Jobs und Einstiegsmöglichkeiten. An größeren Unis wird noch mehr für die Berufs-Fitness geboten: Kurse in Diskussions- und Präsentationstechniken, EDV, Marketing und Rechnungswesen. Die älteste universitäre Berufsinitiative in Deutschland ist "Student und Arbeitsmarkt" in München.

An deutschen Universitäten steht die wissenschaftlich-theoretische Ausbildung im Vordergrund. Müssen Berufsinitiativen nachholen, was Hochschulen nicht leisten?

Die besten Jobs von allen


Harro Honolka: Ich denke, dass es keinen Sinn macht, universitäre Lehrinhalte auf einzelne Berufe zu beziehen. Der Arbeitsmarkt verändert sich so schnell, dass man ständig am Bedarf vorbei ausbilden würde. Außerdem lernen die Studenten im deutschen Ausbildungssystem doch etwas ganz Wesentliches: eigenständig denken und arbeiten - das ist eine Goldgrube. In den Hochschulgesetzen Bayerns und Baden-Württembergs ist allerdings die Berufsvorbereitung als eine Aufgabe der Unis verankert. Mit unserem Angebot an Zusatzqualifikationen übernehmen wir diese Aufgabe.

Sind Geisteswissenschaftler tatsächlich schwerer vermittelbar als andere Absolventen?
Nein. Sie müssen sich nur sehr viel stärker in fachfremde Berufsfelder einarbeiten als die Absolventen naturwissenschaftlicher oder technischer Studiengänge, die eher auf ein bestimmtes Berufsziel hin ausgebildet werden. Das heißt aber nicht, dass Naturwissenschaftler, BWLer und Mediziner keine Hilfe beim Berufseinstieg benötigen. Manche sind vom Büffeln so in Anspruch genommen, dass sie andere Fähigkeiten nicht entwickeln - zum Beispiel kreativ formulieren und präsentieren. Die Berufsinitiativen dürfen sich langfristig nicht auf einen Fachbereich beschränken.

Ein breiteres Angebot bringt auch mehr Unübersichtlichkeit. Überschneidet sich Ihr Programm nicht jetzt schon mit anderen Karriere-Initiativen?
Ja, das kann vorkommen. Die Hochschulteams der Arbeitsämter, Sprachzentren oder studentische Initiativen wie Aiesec vermitteln ebenfalls Praktika und organisieren Fortbildungsprogramme. In München sprechen wir uns ab und verteilen die Aufgaben. Im Arbeitsamt werden die Studenten zum Beispiel individuell beraten, bei uns nicht. Studierende, denen mit einem persönlichen Gespräch besser geholfen ist, schicken wir dann gleich zum Arbeitsamt oder zur psychosozialen Beratungsstelle. Umgekehrt weisen die anderen Institutionen auf unsere Angebote hin. Außerdem bündeln wir sämtliche Seminarangebote in einer gemeinsamen Broschüre. Die Studenten sollen nicht die Übersicht verlieren.

Wie können die Berufsinitiativen Ihre Position an der Schwelle zwischen Geist und Wirtschaft stärken?

Das Wichtigste: Wir brauchen genug Mittel, um personelle Kontinuität zu gewährleisten. Viele Job-Programme müssen mit einer halben ABM-Stelle arbeiten. Alle 18 Monate kommt jemand Neues, mal fließen die Mittel, mal nicht. So engagiert die Mitarbeiter sind: Das kann nicht funktionieren. Job-Programme arbeiten an der Schnittstelle zwischen Studierenden, Instituten, Firmen, Ministerien, da sind persönliche Kontakte entscheidend. Und die entstehen über Jahre.

Und wer soll das bezahlen?

Wie sind ein Verein, können Geld einnehmen und Drittmittel einwerben. Für unser Kursprogramm verlangen wir 100 Euro. Auch Unternehmen bitten wir zur Kasse, wenn sie auf unseren Messen ausstellen. Nur ein kleiner Teil unseres Budgets kommt von der Universität. Der Rest sind Eigeneinnahmen, Gelder der bayerischen Wirtschaftsvereinigung, vom Arbeitsministerium und Hilfen aus Brüssel. Berufsinitiativen, die an einem bestimmten Fachbereich angesiedelt sind, sind da weniger flexibel.

Wie wirkt sich das Budget auf den Erfolg der Programme aus?

Im Extremfall dramatisch: Ein gut operierendes Programm wie das an der Universität Saarbrücken wurde so wenig gefördert, dass es schließen musste; andere kommen nicht aus den Startlöchern. Die meisten Initiativen und Career Center sind allerdings erst in den 90er Jahren entstanden und daher noch zu neu, als dass wir etwas über ihren quantitativen Erfolg sagen können.

Gibt es überhaupt eine Erfolgskontrolle?

Die meisten großen Initiativen haben schon mal Absolventen befragt - nach Einkommen, Zufriedenheit und Dauer der Jobsuche. Es geht schließlich nicht darum, ob einer den Einstieg geschafft hat, sondern wie. Weil es "Student und Arbeitsmarkt" schon seit 1985 gibt, konnte das Institut der deutschen Wirtschaft sogar eine breit angelegte Verbleibsstudie durchführen. Um nur ein Ergebnis zu nennen: Münchener Geisteswissenschaftler, die sich durch uns zusätzlich qualifiziert haben, verdienen im ersten Job kaum weniger als BWLer.

Welche zusätzlichen Möglichkeiten haben die Hochschulen, um die Jobchancen ihrer Absolventen zu verbessern?

Der Trend geht zum Netzwerk. Die Hochschulen versuchen, Kontakt zu ihren Ehemaligen zu halten: Einige haben angefangen, Absolventen-Bücher zu führen, es gründen sich Alumni-Clubs. Mentoring ist eine andere Form. Ehemalige der Uni coachen jeweils einen Studenten. Bei uns gibt es 80 solcher Paare, 500 sollen es werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.12.2002