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Karriere mit grauen Mäusen

Von Holger Alich
Das Handelsblatt stellt in seiner Serie Frauen vor, die es weltweit ins Topmanagement geschafft haben. Dieses Mal: Isabel Marey-Semper. Die promovierte Neurologin hat sich erfolgreich in der Männerwelt von Peugeot-Citroën durchgesetzt. Seit September 2007 ist sie Finanz- und Strategiechefin des französischen Autoriesen.
Weil Isabel Marey-Semper gerne unter Leuten ist, hat sie nach ihrer Promotion noch einen MBA gemacht. Illustration: Stefan Bachmann
PARIS. Die Luft ist stickig. Die Klimaanlage müht sich in dem kleinen, fensterlosen Raum vergeblich. Dreißig Wirtschaftsjournalisten schwitzen und kämpfen nach zwölf Stunden Flug gegen die Müdigkeit.Konzernchef Christian Streiff versucht, im Konferenzraum der Südamerika-Zentrale von PSA Peugeot für frischen Wind zu sorgen. Er redet über das Wachstum des französischen Autoriesen: "Allein im Jahr 2007 haben wir hier unseren Absatz um 30 Prozent gesteigert."

Die besten Jobs von allen

Aber nur eine Person verfolgt an diesem Dezembertag den Vortrag in Rio de Janeiro hellwach: Isabel Marey-Semper, die junge Finanz- und Strategiechefin. Ihre dunkelbraunen Augen fixieren Streiff, kein Detail scheint ihr zu entgehen. Als ein Journalist fragt, ob denn die Produktionskapazitäten in Südamerika für die Wachstumsziele reichen, übergibt Streiff kurzerhand an Marey-Semper."Wir überlegen in der Tat, ob wir weitere Kapazitäten in Mexiko aufbauen", antwortet sie mit fester, klarer Stimme - und reißt spätestens damit den letzten Kollegen aus dem Halbschlaf. Denn von einem neuen PSA-Werk in Mexiko war bislang nie die Rede.In Frankreichs Großindustrie sind Frauen in Führungspositionen eine Seltenheit. Und von den wenigen, die es geschafft haben, hebt sich Isabel Marey-Semper nochmals ab: Sie ist gerade mal 40 Jahre alt. Und statt mit Autos oder Ingenieurskunst hat sie sich in ihrem Studium an der École Normale Supérieure mit Mäusen beschäftigt. "Genauer gesagt mit der Analyse von Mäusen, die an der Nervenkrankheit Parkinson erkrankt sind", erklärt sie.Heute sitzt die Doktorin der Neurologie im Nervenzentrum von Europas zweitgrößtem Autokonzern und hat Premiere: Sie legt an diesem Mittwoch die erste Jahresbilanz vor, die sie mit verantwortet. Marey-Semper kümmert sich nicht nur um die Finanzen, sondern auch die Strategie. Sie ist damit eine der engsten Mitarbeiter von Konzernchef Streiff, der sie von Saint Gobain mitgenommen hat. Sie hat zum Beispiel Streiffs Strategieplan "Cap 2010" größtenteils mitgestaltet, mit dem der Auto-Konzern seine Marge auf sechs Prozent anheben will.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Es ist klar, dass Frauen doppelt so hart arbeiten müssen wie Männer, um akzeptiert zu werden."Ihr Aufstieg hat bei den Mitarbeitern des traditionsreichen Autobauers nicht nur Begeisterung ausgelöst. "Sie personifiziert den Schock der Kulturen, den derzeit der Konzern durchlebt", urteilt ein leitender Angestellter. Marey-Semper habe nichts mit dem alten Machbarkeitsdenken der 80er-Jahre am Hut, nach dem Autos immer größer und schneller werden müssen."Die junge Generation ist nicht mehr so autoverliebt und verlangt umweltfreundlichere, zeitgemäßere Autos", so der Manager aus ihrem Umfeld. Dies habe die junge Strategie-Chefin, die sich dezent kleidet, verstanden und müsse nun oft gegen die alte Garde ankämpfen. "Ein Großteil ihrer Mitarbeiter ist schließlich deutlich älter als sie."Sie selbst macht sich nichts vor: "Es ist klar, dass Frauen doppelt so hart arbeiten müssen wie Männer, um akzeptiert zu werden." Doch sie betont, dass sie "sehr herzlich bei PSA aufgenommen worden ist".Beim Autoriesen PSA Peugeot Citroën arbeitet sie nun rund ein Jahr - in der kurzen Zeit hat die Topmanagerin schon wichtige Entscheidungen mitgeprägt. So verantwortete sie den Auswahlprozess für den neuen Produktionsstandort in Russland: Ihre Wahl fiel auf Kaluga, rund 200 Kilometer südwestlich von Moskau.Es war auch die junge Strategie-Chefin, die Konzernlenker Streiff empfahl, in Malaysia auf eine Zusammenarbeit mit dem Konzern Proton zu verzichten. "Die Produktionsbasis erschien uns nicht wettbewerbsfähig genug", begründet sie dies. Dass wenig später auch der deutsche Volkswagen -Konzern Proton einen Korb gab und ihr damit indirekt recht gab, erfüllt sie mit ein "bisschen Stolz", sagt sie mit einem Lächeln.Auch die Skeptiker im Konzern erkennen "ihre hohe Intelligenz und Lernfähigkeit" an. "Dazu ist sie im Umgang sehr unkompliziert", lobt einer ihrer Mitarbeiter, "sie hat überhaupt kein Statusdenken." Das ist auch im persönlichen Gespräch zu spüren: Sie zeigt sich zugänglich, weicht keiner Frage aus, antwortet ohne Umschweife.Zum Beispiel auf die Frage, wie es die promovierte Neurologin in die französische Industrie verschlagen hat. "Ich habe fünf Jahre an meiner Doktorarbeit geforscht", erzählt sie, "und am Ende hab ich gemerkt, dass das Forscherdasein doch eine sehr einsame Sache ist. Ich brauche aber Menschen um mich herum."Lesen Sie weiter auf Seite 3: "Sie ist die Beste"Also hing sie nach der Doktorarbeit noch einen MBA dran und ging zur Beratungsfirma Telesis. "Meine Eltern waren alles andere als begeistert", erzählt sie und lacht. Schließlich sind beide Eltern Professoren. Isabel Marey-Semper hatte aber ihr Ding gefunden. "Die Beratungsarbeit hat mir viel Spaß gemacht, wir haben viel an Übernahmen gearbeitet, und ich kam oft ins Ausland." Mitte der 90er-Jahre arbeitete Telesis für den Baustoffriesen Saint Gobain. Dort traf sie auf Christian Streiff. "Er sagte zu mir: Wenn du eines Tages genug von der Beratung hast, ruf mich an." Das tat sie im Oktober 2001.Saint Gobain gilt als das Heiligtum der französischen Industrie. Der Konzern wurde vom legendären Colbert gegründet, Finanzminister von Louis XIV. Das Traditionsbewusstsein bekam denn auch die junge Quereinsteigerin zu spüren. "Die ersten sechs Monate waren sehr hart", gibt sie zu. Streiff machte sie zu seiner Strategie-Direktorin in der Sparte Hochleistungswerkstoffe. "Das war sehr kompliziert, schließlich umfasst die Sparte 80 Spezialbereiche."Was treibt sie an, sich solche Jobs anzutun? "Ich mag es, etwas aufzubauen", sagt sie und fügt hinzu: "Und ich habe in der Tat die Macht, um Dinge zu tun. Und das finde ich gut."Doch wie bei Streiff endet auch ihre Karriere bei Saint Gobain abrupt: Zunächst wird Streiff die Nummer zwei des Baustoffriesen, sie steigt zur Strategie-Chefin auf. Dann überwirft sich Streiff mit Konzern-Übervater Jean-Louis Beffa und wird gefeuert. Marey-Semper geht freiwillig und macht eine neue Erfahrung: Arbeitslosigkeit, neun Monate lang. Für Arbeitstiere wie sie ist das die Höchststrafe. Sie kümmert sich intensiv um ihre zwölfjährige Tochter und treibt mehr Sport und denkt nach. "Ich habe gelernt, selbst schwache Zeichen von politischen Spielchen zu erkennen", sagt sie vieldeutig.Wenn man Streiff fragt, warum er so große Stücke auf Marey-Semper hält, guckt er verdutzt und antwortet dann mit einem breiten Lächeln: "Weil sie die Beste ist." Da stört es ihn nicht mal, dass Isabel Marey-Semper keinen Führerschein besitzt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Isabel Marey-Sempers Weg zu PSA Peugeot-Ctroën Die Managerin
1967 Isabel Marey-Semper wird am 12. September geboren.
1995 Sie schließt die École Normale Supérieure ab, macht ihren Doktor in Neuro-Pharmakologie und fügt noch den Abschluss MBA am Collège des Ingenieurs, Paris, an. Sie geht 1997 zur Unternehmensberatung Telesis.2002 Sie wird Direktor Strategie der Sparte Hochleistungswerkstoffe bei Saint Gobain und zwei Jahre später Strategie-Chefin des Konzerns Saint Gobain. Sie übernimmt 2005 die Leitung der Sparte Lizenzen/Patente bei Thomson.2007 Sie wird im September Strategie- und Finanzchefin von PSA Peugeot-Citroën.Das Unternehmen
PSA Peugeot Citroën ist nach Volkswagen Europas zweitgrößter Autohersteller. Der Konzern verkaufte im Jahr 2007 rund 3,2 Millionen Autos weltweit (plus 3,8 Prozent). Im Kernmarkt Westeuropa hat die Konzernmarke Peugeot einen Marktanteil von 7,3 Prozent, Citroën von 6,6 Prozent.
Das Unternehmen beschäftigt rund 212 000 Mitarbeiter, 140 000 davon in der Automobilproduktion. Daneben gehört zum Konzern der Autozulieferer Faurecia sowie die Logistiktochter Gefco, die Bank PSA Finance sowie die Motorroller-Produktion der Marke Peugeot.Im Jahr 2006 verdiente der Konzern 170 Millionen Euro bei einem Umsatz von 56,5 Milliarden Euro.Der Konzern wird von der Gründerfamilie Peugeot kontrolliert, die rund 30 Prozent der Stimmrechte besitzt.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.02.2008