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Karriere in Hosen

Von Ruth Reichstein
Martine de Rouck hat oft erfahren müssen, dass bestimmte Posten bei gleicher Qualifikation eher an Männer vergeben werden. Die 50-Jährige hat es dennoch nach oben geschafft, denn als Chefin der belgischen Postbank gehört de Rouck heute zu den einflussreichsten Frauen Flanderns.
BRÜSSEL. Von klein auf wollte Martine De Rouck lieber ein Junge sein. Sie spielte Fußball, zog sich Hosen an und studierte nach ihrem Abitur 1974 Wirtschaftsmathematik in Brüssel. ?Ich hatte immer das Gefühl, die Natur hätte sich bei mir getäuscht. Alles erschien mir leichter als Mann?, sagt die heute 50 Jahre alte Chefin der belgischen Postbank.Und das gilt auch für ihre Karriere. Mehrmals habe man ihr zu verstehen gegeben, dass sie für einen bestimmten Posten eigentlich geeignet wäre, ihn aber auf Grund ihres Geschlechts nicht bekommen könne, sagt die Managerin.

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Sie hat es trotzdem weit nach oben geschafft. Weiter als die meisten Frauen in der belgischen Finanzwelt. In der Fortis-Gruppe, der die belgische Postbank zu 50 Prozent gehört, gebe es auf ihrem Niveau höchstens noch zwei andere Frauen, meint De Rouck, die laut der belgischen Wirtschaftszeitschrift ?Trends? zu den 30 mächtigsten Frauen Flanderns gehört.Zu Beginn ihrer Karriere vor 28 Jahren sei sie praktisch die Einzige in dieser reinen Männerwelt gewesen, erinnert sich De Rouck. ?Ich habe mir damals fest vorgenommen, für meine Rechte und meine Karriere zu kämpfen.? Und das ist der resoluten Bankchefin gelungen. Stetig kletterte sie die Karriereleiter bei Fortis nach oben. Sie leitete das Marketing für die Großregion Brüssel, war Chefin von mehreren Filialen und schließlich für die Buchhaltung der Gruppe in Belgien verantwortlich.Überall ist sie erfolgreich ? außer mit dem E-Banking in Frankreich. Das Projekt übernahm De Rouck vor fünfeinhalb Jahren von einem Kollegen. Die wachsende Konkurrenz und die einkrachenden Börsen brachten das Vorhaben zu Fall. Aber auch davon ließ sich De Rouck nicht einschüchtern. ?Ich musste eine ganze Abteilung abwickeln ? immerhin 40 Personen. Das hat mir nicht viel Ehre eingebracht, aber es gab auch keinen Karriereknick.?Seit nunmehr vier Jahren steht die Flämin an der Spitze der 1995 von Fortis und der belgischen Post gegründeten Postbank, wieder mit Erfolg. Mittlerweile zählt das Institut rund 1,2 Millionen Kunden mit knapp einer Millionen Konten und 600 000 Sparbüchern. Der Marktanteil der Postbank bei den Sparbüchern wuchs in den vergangenen vier Jahren von zwei auf drei Prozent. Und das, obwohl sich die Postbank gegen zahlreiche Großbanken wie ING, KBC und eben auch Fortis durchsetzen muss.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Es ist nicht normal, dass Männer immer noch verhältnismäßig mehr verdienen.?Martine De Rouck gefällt die Philosophie ihrer Bank: ?Zu uns kommen Leute, die einfache Lösungen suchen. Bei der Post haben sie das Gefühl, dass sie nicht über den Tisch gezogen werden. Sie haben Vertrauen in die Institution.? Die Organisation funktioniert wie folgt: Fortis stellt Produkte und Know-how. Die Post kümmert sich um den Vertrieb in ihren Filialen. Davon gibt es immerhin 1 200 in dem relativ kleinen Belgien.Für De Rouck hat das Prinzip Postbank Zukunft. Gerade hat sie Fortis beim Aufbau einer Postbank in Irland geholfen. Dort ist die irische Post der Partner. Sie kann sich vorstellen, dass andere Länder ? zum Beispiel in Mitteleuropa ? folgen.Auch auf dem Heimatmarkt rackert sie weiter. Gemeinsam mit der Post sollen ab diesem Jahr die Verkaufsräume moderner gestaltet und die Wartezeiten für die Kunden verkürzt werden. Dazu gehören auch mehr Geldautomaten in den Filialen. Außerdem will De Rouck die Kontoführungsgebühren senken, um mehr Kunden zu gewinnen.Die Flämin fühlt sich wohl mit der, so sagt sie, ?menschennahen? Bank. Die Chefin von 175 Angestellten ? 71 davon sind Frauen ? sagt: ?Männer wollen ihre Macht zeigen. Sie versuchen ständig, sich gut zu verkaufen. Wir Frauen kümmern uns lieber um unsere Mitarbeiter, die tägliche Arbeit?, meint die 50-Jährige.Aber so manches müssten die Frauen eben auch noch lernen, meint De Rouck ? zum Beispiel das Aushandeln von Gehaltserhöhungen. ?Es ist nicht normal, dass Männer immer noch verhältnismäßig mehr verdienen. Aber wir müssen eben auch danach fragen.?Sie wirkt so gar nicht wie eine verkniffene Bankfrau, wenn sie lässig zurückgelehnt in ihrem Bürosessel sitzt. Ein Bein hat sie angewinkelt. Sie trägt kein Kostüm, sondern eine schwarze Stoffhose und ein eng anliegendes, weißes Baumwoll-Oberteil mit glitzernden Pailletten. Auf ihrem Schreibtisch stehen Bilder von ihren Kindern. Ihr Sohn ist 18 Jahre alt, ihre Tochter 21. Diese studiert Ingenieurswissenschaften. ?Auch kein typischer Frauenberuf?, bemerkt De Rouck und lacht.Sie selbst hat in der Männerwelt ihren Weg schon gemacht. Und nach den Schwangerschaften ist ihr klar geworden, dass sie doch lieber eine Frau ist.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Geld von der PostGeld von der PostJoint Venture: Die belgische Banque de la Poste/Bank van de Post wurde 1995 gegründet und gehört zu jeweils 50 Prozent der belgisch-niederländischen Finanzgruppe Fortis und der belgischen Post. Sie bietet den üblichen Service und die gängigen Produkte ? vom simplen Girokonto über Sparbücher bis hin zu Krediten und Versicherungen. Auch einige Fonds hat die Postbank in ihrem Angebot. Seit 2005 offeriert die Bank auch Hypothekenkredite.Aufgabenteilung: Fortis stellt die Produkte zur Verfügung und kümmert sich hinter den Kulissen ums Marketing. Die Post übernimmt in ihren landesweit 1 200 Filialen den Vertrieb und den direkten Kontakt zu den rund 1,2 Millionen Kunden. Dieses dichte Filialnetz garantiert eine große Kundennähe.Geschäft: Die Postbank hat 170 Mitarbeiter. Mit einem Marktanteil von 2,5 Prozent der Sparbucheinlagen rangierte sie Ende 2005 auf dem neunten Platz auf dem belgischen Bankenmarkt. Die Bilanzsumme betrug 6,3 Milliarden Euro, die Gesamterträge summierten sich auf 266 Millionen Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.01.2007