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Kantiger Patriarch

Von Markus Fasse und Eberhard Krummheuer
Einfach mal zurückschalten. So wie andere Menschen, die kurz vor ihrem 65. Geburtstag stehen und schon immer von einem Leben nach der Arbeit geträumt haben. Heinz Hermann Thiele hat Knorr-Bremse zu seinem Lebenswerk gemacht. Aus einem kränkelnden Mittelstandsunternehmen formte er einen Global Player. 12.000 Mitarbeiter und mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz sprechen für ihn. Jetzt sucht er einen Nachfolger.
HB MÜNCHEN. Er kann sich jetzt auch etwas anderes vorstellen. Bergwandern zum Beispiel in den nahen Alpen. Oder Avocados und Mangos in Südafrika züchten, die eigene Plantage hat er ja schon. Heinz Hermann Thiele, Vorstandsvorsitzender und Haupteigentümer der Knorr-Bremse hat solche Pläne. Vor 37 Jahren trat er in das Münchener Traditionsunternehmen ein, seit 20 Jahren gehört es ihm. Aus einem siechenden Mittelständler formte er den global führenden Anbieter von Bremssystemen für LKWs und Eisenbahnen. 12 000 Mitarbeiter mit einem Umsatz von 2,7 Milliarden Euro, das ist Thieles Lebenswerk. Jetzt sucht er einen Nachfolger.


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Der würde ein gemachtes Nest vorfinden ? wenn er denn kommt. ?Das Suchfeld war der größere Mittelstand, weniger die Großindustrie?, sagt Thiele, ohne verraten zu wollen, ob er tatsächlich einen Kandidaten gefunden hat. Im April, auf der Bilanzpressekonfernz, will Thiele mehr dazu sagen.Die Knorr-Bremse ist sein Unternehmen, und Thiele verkörpert die Firma. Besucher empfängt er gerne unter dem Ölgemälde des Firmengründers Georg Knorr. Den Platz unter dem Bild füllt der stattliche, beinahe barock wirkende Thiele aus, als sei er in direkter Nachfolge ein Ahn des alten Knorr. Er ist kein glatt gebügelter, funktionierender Manager, sondern ein eher kantiger Patriarch. Ihn knorrig zu nennen, wäre ein nahe liegendes Wortspiel. Er ist eine von den selten gewordenen Unternehmerpersönlichkeiten, die sich aus den Gründertagen der Deutschland AG erfolgreich in die Gegenwart vorgearbeitet haben. Seinen eigenen Stil hat er sich bewahrt. Sein Firmensitz im Münchener Norden ist denkmalgeschützt.Thieles Karriere beginnt Ende der Sechziger als Sachbearbeiter in der Patentabteilung der Knorr-Bremse. Rasch arbeitet sich der gelernte Jurist in die Geschäftsführung hoch.Dort kommt es 1985 zum filmreifen Familienstreit: Der Enkel des Firmengründers will seine Anteile verkaufen und sein Vermögen in eine christliche Sekte einbringen. Die Boulevardzeitungen berichten über das skurrile Geschehen. Thiele wird beauftragt, einen Käufer für das Unternehmen zu finden. Ein aussichtsloses Unterfangen. Die Knorr-Bremse gilt zu dieser Zeit als marode. ?Die Schlagzeilen und die wirtschaftliche Verfassung des Unternehmens haben die Verhandlungen mit den Kunden zur Aufrechterhaltung der Geschäftsbeziehungen nicht erleichtert?, sagt er heute.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Unternehmen bremst sich selbst aus, die lage wird prekär.Das Unternehmen bremst sich selbst aus, die Lage wird prekär. Der entnervte Thiele berät sich mit Wilfried Guth, dem Aufsichtsratschef. Der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank macht ein Angebot: Thiele selbst soll das Unternehmen kaufen, die Bank stehe als Bürge bereit. Sicherheiten brauche man nicht, die Zahlungsziele werden langfristig festgesetzt. Für einen dreistelligen Millionenbetrag auf Pump wird Thiele sein eigener Chef.?Das war eine andere Welt?, sagt Thiele heute, ?das Geschäftsleben basierte weitgehend auf persönlichem, wechselseitigem Vertrauen.? In den folgenden zehn Jahren gibt es keine Dividende, die Sanierung muss auf die Schiene. Und während sich der deutsche Mittelstand aus dem Geschäft mit Zügen und Eisenbahnen verabschiedet, steigt die Knorr-Bremse zu einem führenden Systemlieferanten auf. In der Bahnindustrie gilt Thiele als ?toller Selfmadeunternehmer?, der früher als andere die Fähigkeit zur Globalisierung entwickelt und diese mit einer ?irrsinnigen, aber erfolgreichen Akquisitionsstrategie? umgesetzt habe, urteilt ein erfahrener Manager aus der Branche.Der lange Atem zahlt sich auch als LKW-Zulieferer aus, Knorr bremst heute praktisch jeden Brummi in Europa. Eine beeindruckende Bilanz: Von 1985 bis heute hat sich der Umsatz glatt verzehnfacht.Eigentlich eine Börsenstory. Doch Finanzinvestoren, Analysten und Berater ? das ist nicht unbedingt die Welt des Heinz Hermann Thiele. Dabei ist der gebürtige Mainzer kein Nostalgiker des Rheinischen Kapitalismus. 42 Stunden sollen die Beschäftigten in Deutschland arbeiten. Schließlich sei Arbeit in Italien, Spanien oder Osteuropa billiger. ?Es ist eine Illusion, dass wir so wie bisher weitermachen können?, sagt er.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Heute ist das Unternehmen ein Global PlayerSeine Tarifvorstellungen formuliert er in Einzelverträgen, aus dem Arbeitgeberverband ist die Knorr-Bremse längst ausgeschert. ?Wir können nur aus einem Mix von Niedrig- und Hochlohnländern überleben?, stellt Thiele klar. ?Er ist ein harter Chef, aber ein toller Unternehmer?, sagt Betriebsrätin Elfriede Hilger. Sie hat vor 36 Jahren als Sekretärin Thieles angefangen. ?Wenn er die Knorr-Bremse nicht übernommen hätte, dann würde es uns heute nicht mehr geben?, sagt sie.Heute ist das Unternehmen ein Global Player: Drei von vier Beschäftigten arbeiten im Ausland, die Knorr-Bremse zählt 60 Standorte in 25 Ländern. Der einstige Monopolabnehmer Deutsche Bahn ist nur noch ein Kunde unter vielen. Massiv ordern die US-Eisenbahngesellschaften Güterwaggons, 60 000 können es in diesem Jahr sein, das verspricht Wachstum. Ein Dutzend chinesischer Großstädte baut derzeit Schnell- oder U-Bahn-Netze, ohne die Technik aus München bremst kaum ein Zug im Reich der Mitte. Und die Hochkonjunktur für LKWs geht weltweit in das fünfte Jahr.Nicht wenige vermuten, dass Thiele lieber noch ein bisschen die Früchte des Erfolgs erntet, statt Mangos in Südafrika. Die große Herausforderung, langfristig eine zentrale Personalentscheidung herbeizuführen, die habe der Knorr-Chef bislang nicht bestanden, sagt ein Manager der Bahnbranche. Auch Betriebsrätin Hilger hat Zweifel: ?Ich hoffe nicht, dass er geht. Ich glaube auch noch nicht, dass er es wirklich tut.?
Heinz Hermann Thiele1941 Er wird am 2. Mai in Mainz geboren.1969 Der gelernte Kaufmann startet bei der Knorr-Bremse zunächst als juristischer Sachbearbeiter in der Patentabteilung.1972 Er wird Leiter der Rechtsabteilung und 1975 Vertriebschef der Nutzfahrzeugabteilung.1977 Er wird Bereichsleiter der Nutzfahrzeugbremsen.1979 Thiele übernimmt die Geschäftsführung des Vertriebs der damaligen Knorr-Bremse GmbH.1985 Er wird im September Vorstandsmitglied und später Mehrheitsgesellschafter der Knorr-Bremse AG.1987 Thiele wird Vorstandsvorsitzender der Knorr-Bremse AG.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.03.2006