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Kandidatenkür mit Schönheitsfehlern

Von Klaus Stratmann und Bert Fröndhoff
Der Wunschkandidat der vier großen Energiekonzerne für den Posten eines hauptamtlichen Präsidenten des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) genießt einen hervorragenden Ruf. Doch ob Jürgen Kluge, der frühere Deutschland-Chef von McKinsey, das neue Spitzenamt bekommt, ist unklar. Die kleinen BDEW-Mitglieder schießen quer.
BERLIN/DÜSSELDORF. Erst gestern wurde deutlich, dass die kleineren BDEW -Mitglieder in die Kandidatenkür einbezogen werden wollen. Sie drohen offen damit, den vier Großen die Gefolgschaft zu versagen. Acht große Kommunalversorger, darunter die Stadtwerke von München, Leipzig und Hannover, kritisieren das "unabgestimmte Vorpreschen" von Eon, RWE, EnBW und Vattenfall.

Die besten Jobs von allen

Am Wochenende war bekannt geworden, dass sich die vier Energieriesen auf Kluge verständigt haben. Die acht kommunalen Versorger betonen nun, die Kür der Branchenspitze sei keineswegs "die Sache einiger weniger im Hintergrund". Alleingänge hätten bereits in der Vergangenheit zum schlechten Image der Branche in Politik und Öffentlichkeit beigetragen, kritisieren die Stadtwerke.Der Vorgang zeigt, wie schwierig es für die Branche ist, zu einem einheitlichen Kurs zu finden. Gerade die vier großen Konzerne müssen sich von den kleineren BDEW -Mitgliedsfirmen immer wieder selbstherrliches Gebaren vorwerfen lassen.Kluge soll die Energiebranche aus der Schusslinie bringen. Wegen ständiger Preissteigerungen haben die Unternehmen bei Politik und Kunden viel Vertrauen verloren. Längst hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass man einen Neuanfang wagen muss, um aus der Defensive zu kommen und als Gesprächspartner wieder ernst genommen zu werden.An Kluges Eignung für den Posten wird in der Branche nicht ernsthaft gezweifelt. Dennoch warnen Branchenkenner, man dürfe die Eitelkeit einzelner Manager nicht unterschätzen. "Bestimmte Leute können es nicht ertragen, wenn sie sich übergangen fühlen", sagt ein Insider, der sich aber zugleich zuversichtlich gibt: "Am Ende wird die Vernunft siegen."Lesen Sie weiter auf Seite 2: Branche könnte von Draht in die Politik profitieren.Wenn sich die vier Großen mit ihrem Vorschlag durchsetzen, müsste Kluge im Juni von der BDEW -Mitgliederversammlung zum hauptamtlichen Präsidenten gewählt werden. Dazu wäre allerdings eine Satzungsänderung erforderlich. Bislang stehen zwei ehrenamtliche Präsidenten an der Spitze des Verbandes.Sollte Kluge von den BDEW -Mitgliedern gewählt werden, könnte er im neuen Job von seine exzellenten Drähten in die Politik profitieren - und die Branche mit ihm. Als Kluge 1999 bei McKinsey den Chefposten in Deutschland übernahm, baute er gezielt das bislang kaum entwickelte Beratungsgeschäft mit dem öffentlichen Hand aus. Aus dieser Zeit rühren beste Kontakte zu Politikern aller wichtiger Parteien. Kluge gewann die Bundesagentur für Arbeit als Großkunden und beriet auch Angela Merkel, als sie noch Oppositionsführerin war. Er erwarb sich den Ruf eines strategischen Kopfes, der die Grenzen einzelner Fachgebiete mühelos überwindet und aus abstrakten Zusammenhängen schnell konkrete Schlüsse zieht.Seine Bilanz kann sich sehen lassen: In seiner Zeit bei McKinsey steigerte er den Umsatz in Deutschland von 322 Mill. auf 600 Mill. Euro. Als Kluge im Dezember 2006 den Posten des McKinsey -Deutschlandchefs verließ, zog er sich auf die Rolle des Senior-Beraters zurück: Sein wichtigster Job seither war die Neuausrichtung der Deutschen Telekom. Als Telekom -Chef Rene Obermann an die Spitze des Konzerns rückte, scharte er einen Kreis einflussreicher Berater um sich, die ihm beim Umbau des Ex-Monopolisten helfen sollten. Kluge spielte dabei eine entscheidende Rolle. Zugleich übernahm er bei McKinsey das weltweite Recruiting. Bei ihm laufen in Sachen Personalgewinnung die Fäden aus allen Ländern zusammen.Während der Zeit Kluges als McKinsey -Chef wuchs die Medienpräsenz des Unternehmens. Kluge trug dazu ganz persönlich bei. Der gebürtige Westfale, den Mitarbeiter als umgänglich beschreiben, mischt sich mit seinem Lieblingsthema, der Bildungspolitik, gerne in die öffentliche Debatte ein. Schon lange bevor die Pisa-Studie Deutschland wachrüttelte, warnte er vor einem Bildungsnotstand. Mehrere Bücher Kluges befassen sich mit den Themen Bildung und Innovation.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.02.2008