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Kanada lockt deutsche Fachkräfte

Von Gerd Braune
Rudolf Roeder fand sein Glück in Kanada. Der 30-jährige Zimmermann arbeitet seit Juni 2004 in Spruce Grove vor den Toren Edmontons, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta. ?Ich sah keine Perspektive in Deutschland und wollte mir was aufbauen. Also bin ich gegangen, ehe ich in Deutschland versauere?, sagt er.
OTTAWA. Trotz abgeschlossener Zimmermannslehre und Ausbildung zum Holzbauingenieur an einer Berufsakademie war der Hesse mehr als ein Jahr arbeitslos. Schließlich bewarb er sich im Frühjahr 2004 auf einer Informationsveranstaltung der deutschen Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) um eine Stelle beim Bauunternehmen Winalta in Spruce Grove. Einige Wochen später zog er in die Boomprovinz Alberta.Roeder ist kein Einzelfall. Kanadische Unternehmen sehen sich zunehmend auf dem deutschen Arbeitsmarkt um. Auf ?Job-Messen? werben sie in diesem Monat in Essen, Leipzig und München um die gefragten Fachkräfte. Klaus Münstermann von der ZAV in Bonn rechnet aufgrund früherer Erfahrungen mit mindestens 1 000 Arbeitssuchenden. Eine Erfolgsquote von 40 Prozent werde mit Sicherheit erreicht. Immerhin bieten die Kanadier rund 750 Stellen an. Die Arbeitgeber fordern von den deutschen Bewerbern eine abgeschlossene handwerkliche oder technische Berufsausbildung, mindestens ein Jahr Berufserfahrung und ausreichende Englischkenntnisse. Gesucht werden unter anderem Lkw- und Landmaschinenmechaniker, Schweißer, Tischler, Zimmerleute, Dachdecker, Schlosser, Rohrleitungsbauer, Betonbauer oder Energietechniker.

Die besten Jobs von allen

Kanada hat zur Zeit eine Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent, die niedrigste seit fast drei Jahrzehnten. Zwar sind damit weiterhin rund 1,1 Millionen Menschen als arbeitsuchend registriert, aber es gibt beträchtliche Unterschiede nach Regionen und Branchen. So hat die ölreiche Provinz Alberta mit ihrer boomenden Wirtschaft nur eine Arbeitslosenquote von 3,5 Prozent. Es ist vor allem die expanierende Industrie in den Ölsandfeldern Nord-Albertas, die die Wirtschaft antreibt und Arbeitskräftebedarf nicht nur in der Ölindustrie schafft.Der Arbeitskräftebedarf in Alberta hat auf die anderen Provinzen eine Sogwirkung, zieht von dort Arbeitskräfte an. Eine jüngst veröffentlichte Studie der Regierung Albertas geht davon aus, dass bis 2015 etwa 400 000 neue Arbeitsstellen geschaffen werden, zugleich aber nur 300 000 Kräfte in der Provinz heranwachsen. ?Die Unternehmen suchen Fachkräfte nicht nur in Alberta, sondern in ganz Kanada und im Ausland. Arbeitskräfte aus Deutschland sind gefragt, weil sie so gut ausgebildet sind?, sagt Reginald Kontz, der sich im kanadischen Konsulat in München mit Alberta und seiner Wirtschaft befasst.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bei den Vorgesetzten genießen die Arbeitskräfte aus Deutschland hohes Ansehen.Die Job-Messen dienen direkt dazu, den Arbeitsmarkt in Kanada zu befriedigen. Das ?Young Workers Exchange Program? will dagegen den Austausch junger Menschen und das gegenseitige Verständnis der Länder fördern. Aber auch diese Initiative dient letztendlich der Arbeitsvermittlung. Ein ?Memorandum of Understanding? zwischen beiden Staaten, das den Jugendaustausch intensivieren soll, ist fast unterschriftsreif. Im vergangenen Jahr arbeiteten mehr als 1 200 junge Deutsche ein Jahr lang in Kanada, umgekehrt waren es nur 200 Kanadier. Diese Quote wurde bereits auf 2 500 erhöht. Langfristig ist es das Ziel, dass jährlich 7 000 junge Leute beim Arbeiten und Reisen das Partnerland kennen lernen.Auch Rudolf Roeder startete mit dem einjährigen Austauschprogramm. Er sah zwar, dass er auch in Kanada ?von unten anfangen musste?. Aber er blieb länger. In den nächsten Wochen rechnet er mit einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung. Denn bei den Vorgesetzten genießen die Arbeitskräfte aus Deutschland hohes Ansehen. Winalta unterstütze bei vier deutschen Arbeitsnehmern das Verfahren für eine permanente Aufenthaltsgenehmigung, sagt Winalta-Vizepräsident Tony Kremzar. Winalta-Chef James Sapara lobt die ?Arbeitsmoral? der Deutschen.So denkt Roeder vorerst nicht an eine Rückkehr nach Deutschland. Er hat sich in Spruce Grove eingerichtet. Und zweimal in der Woche fährt er von seiner Arbeit nicht nach Hause, sondern in das Studio eines Senders, um eine zweistündige deutschsprachige Sendung zu moderieren ? mit Musik und Nachrichten aus Deutschland.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.03.2006