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Kampf der Vulkane

Von Andreas Bohne, Handlelsblatt
Aventis-Chef Landau und Sanofi-Lenker Dehecq einen zwei Dinge: Körpergröße und überschäumendes Temperament.
PARIS. Unter Pariser Aktienhändlern gibt es ein beliebtes Spiel in der Kaffeeküche: Sie malen sich aus, was passierte, würde man Sanofi-Boss Jean-François Dehecq mit Aventis-Chef Igor Landau in einen Raum sperren. Die ausgemalten Szenarien sind meist blutig, das Ergebnis immer gleich: Nur einer kann lebend rauskommen.Besonders beliebt ist das Spiel seit einem Jahr, als Dehecq in einem Interview andeutete, Großfusionen machten in der Pharmaindustrie keinen Sinn mehr ? aber vielleicht werde man ja mal mit Aventis handelseinig

Die besten Jobs von allen

.Seit Montag darf man nun gespannt sein, was in der Realität mit den beiden Pharma-Lenkern passiert, die vor allem zwei Dinge gemeinsam haben: ihre Körpergröße von rund zwei Metern und ihr Temperament. Die Zornesausbrüche der beiden sind legendär: Dehecqs Argumente in einer Aufsichtsratssitzung hatten schon einmal derartige Überzeugungskraft, dass eine Flasche Mineralwasser zu Bruch ging. Und von Landau sagen böse Zungen, wenn er richtig in Fahrt sei, betrete er Räume gerne durch die Wand, auch wenn die Tür nebenan offen stehe.Erstaunlich für zwei Manager mit so reichlicher Erfahrung und so unterschiedlichen Lebensläufen. Landau stammt aus gutem Hause und studierte an den privaten Wirtschaftshochschulen HEC und Insead. Dann ging er zu McKinsey, bevor er im Pharmageschäft seine Chance witterte. 1975 stieg er beim Chemiekonzern Rhône-Poulenc als Pharma-Vize ein und motzte die Sparte mit vielen kleinen und wenigen größeren Zukäufen in 24 Jahren zum globalen Anbieter auf, der in der Lage war, den deutschen Traditionskonzern Hoechst aufzunehmen. Allerdings gelten besonders die größeren Akquisitionen als Flops: Vom britischen Zukauf Fisons ist im Konzern kaum mehr etwas übrig, der teure US-Erwerb Rorer geriet bei der Fusion mit den US-Mannschaften von Hoechst Marion Roussell unter die Räder.Dennoch setzte sich der mit einer Deutschen verheiratete kunstsinnige Manager im Frühjahr 2003 bei der Neubesetzung der Aventis-Chefetage unerwartet durch. Seither haben etliche Führungskräfte den Konzern verlassen: Landaus Managementstil behagte ihnen nicht. Während Landau sich Gesprächspartnern zunächst seriös, weltgewandt und businesslike präsentiert, stellt Dehecq, immerhin persönlicher Freund von Frankreichs Präsident Jacques Chirac, sein Licht gelegentlich unter den Scheffel. ?Ich habe ja nichts gelernt, außer Pillen zu verkaufen?, kokettiert der Manager dann, der seine Leibesfülle zuweilen mit stark schillernden Anzügen zur Geltung bringt.Mit 16 Jahren wurde Dehecq Halbwaise und schlug sich bis zum Ingenieursdiplom mit Gelegenheitsjobs durch. Dann gab er Mathematikstunden an einem Provinzgymnasium. Eher zufällig kam er zum Ölkonzern Elf, wo er vor 30 Jahren mit seinem Amtsvorgänger René Sautier die Pharmasparte Sanofi gründete.Über 300 Kleinfirmen kaufte er seitdem, peppte sie im Schatten des Ölkonzerns auf, und verkaufte sie wieder. Die Branche war ihm ziemlich egal ? sogar eine Garnelenzucht war darunter. Was für ihn zählte, war der Gewinn, mit dem er die Forschung bei Sanofi finanzierte.1998 schloss Elf Aquitaine seine Pharmatochter mit der Arzneimitteltochter Synthélabo des Kosmetikriesen L?Oréal zusammen. Dabei verhedderte sich Dehecq in Machtkämpfe mit deren Chef Hervé Guérin. Der gab schließlich auf, viele gute Manager folgten ihm. ?Dehecq führt wie ein Clanchef?, sagt einer, der zu den Verlierern gehörte.Doch hat das auch sein Gutes. In der US-Studie ?Great Place To Work? wurde Sanofi-Synthélabo im vergangenen Jahr als exzellenter Arbeitgeber ausgezeichnet. Dazu trägt auch Dehecq bei. Seine Bürotür steht häufig offen: Er legt Wert auf direkten Kontakt zu seinen Mitarbeitern und behauptet, sich nicht mit Jasagern zu umgeben.Dass er gegen Landau gewinnt, daran zweifelt der felsenfest katholische Dehecq keine Sekunde. ?Wir sind weder die Besten noch die Schlauesten?, sagt er über seine Mannschaft. ?Aber zusammen brauchen wir niemanden zu fürchten.? Hier enden die Gemeinsamkeiten zu Landau. Der Aventis-Boss sieht seinen Konzern trotz magerer Erfolgsbilanz stets unter den Besten und Schlauesten. Seit gestern hat er jemanden, den er fürchten muss.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2004