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Kai-Uwe Rickes Tarif-Fuchs

Von Katharina Slodczyk, Handelsblatt
Die Kosten müssen runter: Heinz Klinkhammer steckt in den schwierigsten Tarifverhandlungen seiner Telekom-Karriere. Und er verweist bereits auf den Abbau von 10 000 Stellen jährlich.
HB BONN. Mehr als 3000 Mitarbeiter der Deutschen Telekom demonstrieren an diesem Mittwoch im November 2002 vor der Bonner Konzernzentrale gegen den Stellenabbau. Mittendrin im Getümmel ist einer der Verantwortlichen für diesen Unmut: Heinz Klinkhammer. Der Personalvorstand der Deutschen Telekom macht sich keine Illusionen: ?Es wird schwer, und wir muten den Leuten einiges zu. Aber wir packen das.?Klinkhammer hat keine Berührungsängste gegenüber seiner Belegschaft, auch wenn er unpopuläre Entscheidungen verkaufen muss. Davon gibt es viele. Etwa 10 000 Stellen pro Jahr hat er seit seinem Antritt bei der Telekom 1996 gestrichen. Das soll weitergehen ? mit mehr Druck.

Die besten Jobs von allen

Am heutigen Donnerstag sitzt er wieder mit der Gewerkschaft zusammen, in einer der härtesten Tarifverhandlungen seiner Amtszeit. Von Konzernchef Kai-Uwe Ricke kommt die Vorgabe, die Personalkosten endlich deutlich zu senken. Die letzten Schritte haben zu wenig gebracht.Dabei klang Klinkhammers Konzept durchaus charmant: Mit Hilfe einer konzerneigenen Personal-Service-Agentur wollte er überzählige Mitarbeiter an andere Unternehmen vermitteln ? eine Art Telekom- eigenes Arbeitsamt mit dem schönen Namen ?Vivento?. In der Realität entwickelte sich diese Idee aber zum Rohrkrepierer ? de facto sitzen die zu Vivento abgeschobenen Mitarbeiter bei vollem Gehalt zu Hause.Klinkhammer muss deshalb handeln, und zwar schnell. ?Vivento ist mein Baby?, weiß er. ?Dafür hafte ich.? Um die Personalkosten zu senken, sollen die Vivento-Mitarbeiter künftig weniger verdienen. So hart hat er die Gewerkschaft Verdi bislang nicht angepackt. Im Gegenteil, spätestens nachdem er sich vor zwei Jahren auf einen üppigen Tarifabschluss eingelassen hatte, warfen ihm Vorstandskollegen vor, er stehe Verdi näher als dem Unternehmen.Vom ersten Tag an galt der studierte Jurist als gewerkschaftsnah. Er ist bis heute Gewerkschaftsmitglied und schrieb in den siebziger Jahren seine Dissertation über die Mitbestimmung. Andererseits hat genau dies dem heute mit 57 Jahren ältesten Telekom-Vorstand wohl seinen Job gerettet, als der neue Chef Ricke Ende 2002 die Konzernspitze radikal umbaute. ?Er hat einen guten Draht zur Gewerkschaft, und den brauchen wir, um nicht noch mehr Unruhe bei den Mitarbeitern zu verbreiten, als wir schon haben?, sagte ein Vorstandskollege damals.Auf den ersten Blick passt Klinkhammer nicht in die neue Telekom-Spitze, die von smarten Managern wie Mobilfunkvorstand René Obermann und Konzernchef Ricke geprägt ist. Mit seinem Bart und den karierten Sakkos könnte das dienstälteste Vorstandsmitglied als SPD- Unterbezirksvorsitzender durchgehen. Ihm selbst scheint das Attribut gewerkschaftsnah auch nicht so richtig zu gefallen. Er verweist auf den Abbau von 10 000 Stellen jährlich. ?Mehr war nicht drin?, sagt er, ?mit dem Beamtenapparat? ? der Erblast aus Behördenzeiten.Tatsächlich war der Betriebsrat lange gut auf ihn zu sprechen. ?Er ist keiner, der ständig nur über Shareholder-Value doziert und die Erfordernisse an ein Unternehmen im internationalen Wettbewerb?, war von den Arbeitnehmervertretern zu hören. ?Er spricht unsere Sprache.?Neuerdings hat sich das Verhältnis aber abgekühlt: Die Gewerkschaft ist zunehmend vergrätzt. Klinkhammer werde dünnhäutig, und sein Verständnis für die Arbeitnehmer habe abgenommen, klagt ein Verdi-Funktionär. ?Klinkhammer bekommt wohl mehr Druck im Vorstand?, sagt der Gewerkschafter.Aber wenn einer den Konflikt mit der Gewerkschaft lösen kann, dann er ? schließlich ist Klinkhammer ein alter Fuchs in Sachen Tarifverhandlungen. Schon lange vor seiner Zeit bei der Telekom, als er noch als Arbeitsrichter in Krefeld und Oberhausen arbeitete, war er immer wieder als Schlichter in Tarifstreitigkeiten im Einsatz.Ursprünglich sah es so aus, als würde Klinkhammer in der Politik bleiben. Seine Familie hielt ihn letztlich davon ab: In den achtziger Jahren arbeitete er in verschiedenen Positionen im nordrhein-westfälischen Arbeits- und Gesundheitsministerium ? zuletzt als Leiter der Zentralabteilung. ?Das Methadonprogramm, das ist meins.? Nach der Wiedervereinigung sollte er als Staatssekretär nach Brandenburg. ?Die Familie hat darüber abgestimmt, den Umzug abgelehnt, und damit war die Sache erledigt?, erzählt Klinkhammer in seinem leicht rheinischen Tonfall.Er gibt sich stets sehr offen ? auch wenn er über persönliche Dinge spricht. Darüber, dass er sich in seiner Zeit als Arbeitsrichter schon mal mit Sitzungen verkalkulierte, diese unterbrechen musste, um sein Kind vom Kindergarten abzuholen. Oder darüber, dass er nach dem Willen seiner Eltern nicht hätte studieren sollen. ?Ich hätte zur Post gehen sollen.?Es ist wohl diese Mischung aus Politik- und Konzernerfahrung, die auch Bundespolitiker an ihm schätzen und ihn deshalb Ende Januar als Nachfolger von Florian Gerster an der Spitze der Bundesagentur für Arbeit ins Gespräch brachte. Klinkhammer: ?Das wäre sicher eine Herausforderung gewesen.? Aber die hat er bei der Telekom ja auch.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.02.2004