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Kämpferin für das Gute

Von Dirk Heilmann, London
Als Anita Roddick vor drei Jahrzehnten den ersten Body Shop eröffnete, konnte sie nicht ahnen, dass sie eine weltweit geachtete Marke schaffen würde. Nun hat sie das Unternehmen verkauft. Man wird aber bestimmt noch viel von ihr hören.
Body-Shop-Geschäft im englischen Birmingham. Foto: dpa
Um große Worte war Anita Roddick noch nie verlegen. Und auch jetzt, beim Verkauf ihres Unternehmens, des Naturkosmetikanbieters Body Shop, an L?Oréal, trägt sie wieder ganz schön dick auf: Sie sei ?aufgeregt?, ja geradezu ?ekstatisch? über die Übernahme durch den französischen Kosmetik-Weltmarktführer. Was manche als Ausverkauf sehen, sei in Wahrheit eine ?echte Partnerschaft?. Nichts werde sich dadurch ändern, rein gar nichts.Doch ihr Kostümjäckchen mit T-Shirt und dezenter Kette passt eher zum Anlass als die überschwängliche Rhetorik: Eine erfolgreiche Firmengründerin nähert sich dem Rentenalter und verkauft ihr Lebenswerk an einen Weltkonzern. Da verspricht man seinen treuen Angestellten eben, dass im Grunde alles so familiär bleibt, wie es immer war. Aber ob sie es glauben?

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Ausgerechnet L?Oréal, einst so etwas wie das Feindbild von Body Shop, wird nun zur neuen Heimat. Roddick stellt die Chancen in den Vordergrund: L?Oréal habe ein unglaubliches Wissen in der Forschung und Produktentwicklung und werde die Body-Shop-Produkte enorm voranbringen. Sie selbst werde den französischen Konzern in die Entwicklungsprojekte in 35 Ländern einführen, mit denen Body Shop durch den Einkauf natürlicher Zutaten direkt bei Bauern deren Lebenslage verbessert. ?Ich bin zu alt und zu schlau, um mein Lebenswerk wegzugeben, damit es zerstört wird?, sagt sie.Als sie vor drei Jahrzehnten den ersten Body Shop eröffnete, konnte sie nicht ahnen, dass sie eine weltweit geachtete Marke schaffen würde. Der erste Laden im Seebad Brighton entstand eher aus der Not heraus. Roddicks Ehemann Gordon erfüllte sich gerade einen Traum und ritt auf einem Pferd durch ganz Amerika. Ihr Hotel und ihr Restaurant in Brighton warfen nicht genug Geld für sie und die zwei kleinen Kinder ab, also begann sie, in der heimischen Küche Fußbalsam, Cremes und Shampoo aus natürlichen Zutaten herzustellen.Aus einem Laden wurden schnell zwei ? mit den Naturkosmetika aus ökologisch unbedenklichen Zutaten deckte Roddick eine Marktlücke ab. Sie fand Kundinnen, die sich nicht in dem von der Kosmetikindustrie propagierten Frauenbild und Schönheitsideal wiederfinden konnten. Als ihr Mann zurückkam, beschloss das Paar, mit Body Shop zu expandieren und im Franchise-System eine Ladenkette aufzubauen. Der Erfolg wuchs stetig und damit die Erfahrung im Geschäftsleben. ?Ich habe keine Ahnung, wie wir das geschafft haben?, sagt die Manager-Autodidaktin Roddick im Rückblick.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein-Frau-Bürgerinitiative für so ziemlich alle guten Zwecke dieser Welt.?Ich hatte nie eine Vision?, behauptet sie. Body Shop war für sie in erster Linie ein Mittel, um politische Ziele durchzusetzen. Tierversuchsfreie Kosmetik, fairer Handel und Recycling prägten das Image der grünen Drogerien. Doch das war ihr bei weitem nicht genug. Immer wieder nutzte sie das Unternehmen auch für politische Ziele, kämpfte gegen Ölkonzerne, unterstützte Kampagnen gegen häusliche Gewalt gegen Frauen und setzte sich für die Freilassung politisch Gefangener ein. Auf ihrer persönlichen Internetseite Handelsblatt.com ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten www.anitaroddick.com präsentiert sie sich als Ein-Frau-Bürgerinitiative für so ziemlich alle guten Zwecke dieser Welt.Doch dann kam die, wie sie oft sagt, ?größte Fehlentscheidung ihres Lebens?: der Börsengang im Jahr 1984, um das Wachstum des Unternehmens zu finanzieren. Diesen Schritt bereut sie bis heute, diese von ?Angst und Gier? getriebene Welt so hautnah kennen gelernt zu haben. Erst im Herbst beschimpfte sie die Finanzinstitute als ?Faschisten? und kündigte an, all ihr Geld für gute Zwecke zu verschenken. Abermillionen hat sie schon gegeben, privat und über die Body Shop Foundation. Jetzt kann sie noch mehr ausgeben: L?Oréal zahlt schließlich umgerechnet fast eine Milliarde Euro für Body Shop. Davon fließen rund 170 Millionen an das Ehepaar Roddick.Die Gründerin zog sich nach dem Börsengang schrittweise aus dem Tagesgeschäft zurück ? ein schmerzlicher Ablösungsprozess, der manchen Konflikt mit dem Management mit sich brachte. Analysten betonen jedoch, dass es gerade das heutige Management um Adrian Bellamy und Peter Saunders war, das das Unternehmen wieder auf Erfolgskurs brachte. Schon 2002 versuchten die Roddicks, Käufer für ihr Lebenswerk zu finden, sprachen mit Finanzinvestoren und der mexikanischen Grupo Omnilife. Jetzt werden sie froh sein, dass sie nicht verkauften ? so viel wie heute hätten sie nicht bekommen.Wie wird Anita Roddick, die 2003 zur Dame geadelt wurde, in die Wirtschaftsgeschichte eingehen? Als erfolgreiche Unternehmerin, die eine nach politisch korrekten Maßstäben geführte Firma mit 2 000 Läden in 52 Ländern aufbaute? Vielleicht als Frau, die die Kosmetikindustrie veränderte, indem sie ihre Ideen auch auf den Weltmarktführer L?Oréal übertrug? Sie selber glaubt nicht, dass jemand wegen seiner wirtschaftlichen Erfolge erinnert wird. Nur der Beitrag für die Gesellschaft zählt.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2006