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Kämpfer gegen den Herztod

Von Christoph Hardt
Der plötzliche Herzstillstand eines Freundes lässt ihn nicht los. Armin Bolz, Professor für Medizintechnik an der Universität Karlsruhe, entwickelt mit seinem Unternehmen ein Gerät, um Leben zu retten.
ERLANGEN. Ventrikuläre Tachyarrhythmie. Kammerflimmern. Das Herz spielt verrückt, es flackert, zieht sich bis zu 250 Mal in der Minute sinnlos zusammen. Im eigenen Chaos versunken, schafft es der Lebensmuskel nicht mehr, genügend Blut durch den Körper zu pumpen. Nur noch ein externer Stromschock kann helfen. Oft aber ist es dafür zu spät. Kammerflimmern, das ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Jahr für Jahr sterben Zigtausende daran.Armin Bolz hat sich vorgenommen, daran etwas zu ändern. Vor sechs Jahren ist ein enger Freund von Bolz am plötzlichen Herztod verstorben, es hat den Professor für Medizintechnik an der Universität Karlsruhe nicht mehr losgelassen.

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Im Juli 2001 gründet er mit einer Hand voll Leuten und Unterstützung des Medizintechnik-Konzerns Weinmann in Erlangen die Corscience GmbH & Co KG. Keine zwei Jahre später ist der automatische externe Defibrillator auf dem Markt. Heute dürfen auch Laien mit Bolz? Erfindung gegen den plötzlichen Herztod kämpfen. Das Start-up aus Franken ist dadurch eines der Vorzeigeunternehmen im ?Medical Valley? geworden, dem Medizintechnik-Komplex im Herzen Frankens.Und Armin Bolz, der Chief Executive Officer (CEO), beweist, dass es mit einer gehörigen Portion Mut auch in Deutschland möglich ist, wissenschaftliche Spitzenleistung in einen wirtschaftlichen Erfolg umzumünzen. Dass damit dann auch noch Leben gerettet werden kann, macht diesen ökonomischen Erfolg umso wertvoller.Dem Herrn Professor sieht man den Lehrstuhl wirklich nicht an, er hat so gar nichts Professorales an sich. Auch den Chef pflegt er nicht herauszuhängen, in Hemd und Jeans ist er freundlich und dabei so lebendig unruhig, als denke er während des Redens immer schon ans nächste Projekt. Vor sich der Computer, um sich einige Fotos und Bilder seiner Kinder, in den einzelnen Arbeitszellen nebenan freundliche, zumeist sehr junge Menschen ebenfalls an Computern. So ungefähr muss auch Bill Gates angefangen haben, denkt man da.Corscience ist im Innovationszentrum Medizintechnik und Pharma in Erlangen, kurz IZMP, untergekommen. Es ist ein Gründerzentrum der Extraklasse, gleich nebenan liegt, in türkisem Fassadenkleid, die Vertriebszentrale der Siemens-Medizintechnik.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein ParadeunternehmenSchon im kommenden Jahr will die bayerische Staatsregierung die ganze Gegend hier auch offiziell zum Medizintechnik-Cluster ausrufen. ?Corscience, das ist ein Paradeunternehmen?, heißt es im bayerischen Wirtschaftsministerium in München.Bolz selbst gibt sich betont bescheiden. ?Den Unternehmergeist hat mir mein Doktorvater eingeflößt?, sagt der Professor gleich zu Anfang. Wenn er von Max Schaldach redet, dann klingt beim Corscience-Chef mehr als nur Respekt an. Schaldach, das war ein Guru der deutschen Medizintechnik, er hat mehr als 1 500 wissenschaftliche Veröffentlichungen verfasst, mehr als 100 Patente tragen seinen Namen. Als Lehrer hat er 20 Schüler habilitiert und zahllose Promotionen betreut.Aber er war nicht nur Professor, sondern auch Unternehmer, schon während seines Physikstudiums in Berlin gründete er 1963 die Firma Biotronik, die mit ihren Herzschrittmachern Technikgeschichte schrieb und später zur Keimzelle des Phänomens Erlangen wurde.?Ich bin einfach zu spät zur Vorlesung gekommen?, erzählt Bolz vom ersten direkten Kontakt mit Schaldach. Der Professor erlaubte sich einen Witz, man kam ins Gespräch, entdeckte die gemeinsame Leidenschaft für die Fliegerei. Auch so können Karrieren wachsen. Während seines Studiums spezialisiert sich Bolz auf die Forschung an Strom sparenden Beschichtungen für Elektroden. Grundlagenforschung und Anwendung sind schon hier ganz nahe.1991 wird ein Schlüsseljahr für ihn, er promoviert und gründet gemeinsam mit Schaldach die Vita Valve GmbH, ein Start-up für Beschichtungen in medizinischen Implantaten. Die Firma wird bald darauf Teil von Biotronik, Bolz steigt zum Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung für ein Unternehmen auf, das inzwischen Weltgeltung erlangt hat und in Berlin, Erlangen und den USA tätig ist.Parallel treibt Bolz seine Forschungen voran, er habilitiert sich, entwickelt Patent auf Patent und bekommt 1999 einen Ruf als Professor nach Karlsruhe. Es ist die Zeit, in der er seinen Freund durch den plötzlichen Herztod verliert.Von außen sieht es aus wie ein Puppenkoffer. Aufgeklappt zeigt es drei Sensorfelder, ein rotes Dreieck, ein grünes Rechteck und einen roten Punkt, dazu ein Kabel mit einer Art Kissen, das auf die Brust des Patienten gepfropft wird. Dann geht alles ganz einfach und schnell. Der Apparat sagt dem Anwender, was er im Notfall zu tun hat, das Ganze sieht nicht nur kinderleicht aus. ?Es kommt darauf an, einerseits winzige Ströme, die vom kranken Herzen ausgehen, exakt zu analysieren, um danach einen gewaltigen Stromstoß auszusenden. Das ist unser Know-how?, relativiert Bolz den ersten Eindruck.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Preise reihenweiseFür seinen externen Defibrillator, den die Firma Weinmann als ?Meducore Easy? verkauft, hat Bolz reihenweise Preise ergattert, darunter den bayerischen Innovationspreis 2004. Dabei ist der Defibrillator bei weitem nicht das einzige Erfolgsprodukt der Erlanger. Sie haben neue Techniken zur drahtlosen Übermittlung von medizinischen Signalen entwickelt und eben erst den Corbelt auf den Markt gebracht, einen Brustgurt zur lückenlosen Überwachung von Herzpatienten, der den Notarzt im Ernstfall per Bluetooth verständigt. Auch bei diesem Produkt will sich Bolz seinem Geschäftsprinzip treu bleiben und das Produkt nicht selbst vermarkten. ?Wir treten als OEM-Partner auf, Marketing und Vertrieb ist nicht unsere Sache.?Vor wenigen Monaten wurde Corscience vom damaligen Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement mit dem Titel ?Gründer Champion 2005? ausgezeichnet, als ?innovativstes und ideenreichstes Unternehmen? in Bayern.Inzwischen beschäftigt Corscience 40 Wissenschaftler, darunter Physiker, Ingenieure und Literaturwissenschaftler. In diesem Jahr will Bolz acht Prozent Umsatzrendite erwirtschaften, die Eigenkapitalquote beträgt 100 Prozent, kein Cent ist fremdfinanziert. So wünscht man sich hier zu Lande den Mittelständler der Zukunft.Traurig nur, dass der Doktorvater den Erfolg seines Schützlings nicht mehr miterleben kann. Professor Max Schaldach ist im Mai 2001 bei einem Flugzeugunglück nahe Nürnberg tödlich verunglückt.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.12.2005