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Kaderschmiede der Deutschland-AG

Von Caspar Busse
Viele ehemalige BMW-Manager schaffen es woanders ganz nach oben ? eine Ursachenforschung.
HB MÜNCHEN. Jetzt kehrt Ziebart nach München zurück: Spätestens Anfang September tritt der 54-Jährige seinen neuen Job als Chef des Chipkonzerns Infineon an. Vielleicht eine gute Gelegenheit, alte Beziehungen wieder aufzufrischen. Die Kontakte zwischen dem promovierten Ingenieur und seinem ehemaligen Arbeitgeber seien noch immer gut, berichten Insider. Die Zeit beim Münchener Autokonzern hat den Manager geprägt.Nicht nur ihn. Die Liste der bei BMW gescheiterten Manager, die es später bei anderen deutschen Top-Unternehmen nach ganz oben schafften, ist lang. Bernd Pischetsrieder, 56, ist seit zwei Jahren Vorstandschef bei VW. Wolfgang Reitzle, 55, besetzt den Chefsessel des Mischkonzerns Linde, beides im Dax notierte Unternehmen. Carl-Peter Forster, 50, führt seit 2001 Opel, die deutsche Tochter des US-Konzerns General Motors. Und Bernhard Matthes, 48, ist Boss der Ford-Werke in Köln.

Die besten Jobs von allen

BMW hat sich offenbar den Luxus erlaubt, erstklassige Manager wegzuschicken ? und ist so zu einer Art Kaderschmiede der Deutschland-AG geworden. Im Februar 1999 war der Münchener Autokonzern angesichts des Rover-Debakels in eine spektakuläre Führungskrise gerutscht. Nach einer legendären Aufsichtsratssitzung mussten damals Pischetsrieder und Reitzle ihre Vorstandsposten räumen. Milberg wurde neuer BMW-Chef. Nur ein Jahr später gingen dann auch die Vorstände Ziebart, Forster und Henrich Heitmann. Das Trio hatte für eine Trennung von Rover votiert ? zu früh. Denn später stieß Milberg die verlustreiche Tochter aus Großbritannien wieder ab.Die Ex-Vorstände haben bei BMW einiges geleistet. Der designierte Infineon-Chef Ziebart etwa hat die Dreier-Modellreihe zum Erfolg geführt. Auch Entwicklungschef Reitzle, 23 Jahre bei BMW, und Pischetsrieder, der gar 26 Jahre bei den Bayern war, davon sechs Jahre an der Konzernspitze, haben maßgeblich am Aufstieg der Marke BMW mitgewirkt.Manche Analysten sehen den Exodus der fähigen Ingenieure heute mit Sorge. Mit Konzernchef Helmut Panke, 57, einem promovierten Physiker, steht erstmals kein Ingenieur an der Spitze des Autobauers. Geschadet hat es bisher nicht: Auf der heutigen Hauptversammlung wird BMW wieder gute Zahlen ankündigen. 2004 soll es Umsatz- und Gewinnrekorde geben. Aber viele der Modelle, auf denen der Erfolg basiert, wurden noch von den Managern angeschoben, die jetzt die Konkurrenz lenken.?Das Management von BMW ist gut trainiert?, rühmt man sich in München selbstbewusst. Aber auch Experten sehen eine besondere Unternehmenskultur bei den Bayern. ?Im BMW-Management herrscht mehr als bei anderen Unternehmen ein Geist der Leistungs- und Sachorientierung?, sagt etwa Autoexperte Willi Diez, Chef des Instituts für Automobilwirtschaft in Nürtingen. Ein Grund sei die Aktionärsstruktur. Gut 46 Prozent der Anteile sind in Familienbesitz. ?Die Familie Quandt hat sehr hohe Ansprüche an ihre Manager, die Kontrolle durch den Aufsichtsrat ist intensiver als in vielen Firmen und erstreckt sich nicht nur auf die erste Reihe des Managements?, weiß Diez. BMW-Führungskräfte seien auf dem Stellenmarkt gefragt, fügt auch Ferdinand Dudenhöffer an. ?Es zeigt sich, dass die BMW-Manager sehr gut sind,? sagt der Autoexperte der FH Gelsenkirchen, der aus den prominenten Beispielen aber keinen Automatismus ableiten will.Attraktivster Arbeitgeber EuropasDer Münchener Konzern hat aber auch mehr Auswahl als die Konkurrenz. Erst im letzten Jahr ergab eine Umfrage unter Studenten, dass BMW als attraktivster Arbeitgeber in Europa gilt. Viele Zehntausend Bewerbungen jährlich treffen in der Konzernzentrale in München ein. Über 40 % aller Studenten der Wirtschaftswissenschaften beispielsweise wünschen sich laut ?European Student Barometer 2003? einen Job bei den Bayern. Die BMW-Personaler können also aus dem Vollen schöpfen.Die Besten kommen dabei von der Technischen Universität (TU) München. Sowohl Pischetsrieder als auch Reitzle, Forster und Ziebart wurden hier zu Ingenieuren ausgebildet. Ex-Vorstandschef Milberg, der heute zum neuen BMW-Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt wird, hatte sogar zwölf Jahre einen Lehrstuhl an der TU. Die Kontakte zwischen dem Autobauer und der Universität sind eng.Und wer seine Karriere bei BMW beginnt, hat zunächst relativ gute Aufstiegschancen. Der Konzern rekrutiert das Top-Management in der Regel aus den eigenen Reihen. Top-Positionen werden nicht mit Externen besetzt. Die Gruppe um Reitzle sei offenbar sehr ehrgeizig gewesen, meint ein Experte. Alle hätten nach ganz oben gedrängt. ?Wer in die Spitze eines Unternehmens vorstoßen will, ist dann gezwungen zu wechseln.?
Dieser Artikel ist erschienen am 13.05.2004