Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Jutet Jefühl

Martin Roos
Foto: Jürgen Blume
16 Hochschulen, 135.000 Studenten. Alle wollen nur das eine: Berlin erleben. Und das am liebsten Tag und Nacht. Junge Karriere hat sich ans Hinterrad eines Studenten-Fahrradkuriers gehängt.
?Affenarsch", brüllt der Bauarbeiter mich an und nimmt einen Schluck aus seinem Nachmittagsbier. ?Wennde nommal mit’m Fahrrad so dichte an mir vorbeirast, hau ik dir uff’n Ballon, faschtehste?!" Ich, der Nicht-Berliner, halte die Klappe. Klingt nicht nett, der Mann. Neben mir Normann, der Fahrradkurier, zuckt mit den Schultern.

Normann Riedel ist das gewöhnt. Der 30-Jährige ist in Berlin geboren, im Westteil, in Zehlendorf. Er kennt die Berliner und fast jede Straße der Hauptstadt. Seit fünf Jahren verdient sich der Sportstudent der Humboldt-Uni als Fahrradkurier sein Geld - für Berliner Studenten ein Traumnebenjob: sportlich, cool und lukrativ. ?Vor vier, fünf Jahren konnte man noch bis zu 10.000 Mark pro Monat auf dem Sattel machen. Heute ist das zwar oft nur die Hälfte, aber für mich reicht es allemal." Mehr als 200 Fahrradkurierdienste gibt es in Berlin. ?Etwa fünf davon sind groß - je mit etwa 40 bis 50 Bikern. Da gibt es viel Konkurrenz um die Jobs", sagt Normann.

Die besten Jobs von allen


Ich mache mit Normann eine Tour durch Berlin. Die Redaktion hat mich auserwählt - ich kann am schlechtesten Fahrrad fahren. Unsere Vorgaben: mindestens vier Unis, drei Currybuden, zwei Altnazis Typ ?Wilmersdorfer Witwen", einen Mops an der Leine und ein paar Berliner-Schnauze-Kerle. Normann hat einen kurzen rotblonden Bart und einen wilden Schopf. Ein Seewolf der Straße. Normann fährt sogar Fahrradkurierweltmeisterschaften, so genannte Cycle Messenger World Championships. Bei der letzten in Budapest kam er ins Finale. Mit seinen Waden könnte er in Bayern Millionen an Zaster erschuhplattlern.

Geschichte gratis

Hinter uns liegt das alte Gebäude des Neuen Deutschland - das Parteiorgan des DDR-Regimes. In der siebten Etage hat Inline Kurier, Normanns Arbeitgeber, seine Büros. Die Gegend wirkt deprimierend, real existierender Ex-Sozialismus. Für manche Freaks genau das Richtige, um sich in den Fluchtgängen der grauen Kästen cool einen zu koksen. Wir fahren zur Architektenkammer auf der Karl-Marx-Allee, vorbei an der East-Gallery, dem Restposten der Berliner Mauer, zu dem die Touristen strömen. ?Wow, the wall", ruft ein Amerikaner. Ein Japaner macht von seiner Freundin ein Foto vor dem knutschenden Honecker. Nicht mehr zu erkennen, wen er da küsst. Damit jeder weiß, dass es Gorbatschow ist, wird das Stück restauriert.

Verdammte Karl-Marx-Allee. Wo zum Teufel ist die 78, die Architektenkammer? ?Immer das Gleiche", sagt Normann, ?auf nichts ist in Berlin Verlass." Hausnummern sind nach geraden und ungeraden Zahlen geordnet oder sind fortlaufend. ?Oder die haben die Richtungsangabe für die Nummern an den Straßenschildern falsch montiert", sagt Normann, buckelt sein Rad, läuft über die Baustelle, sattelt auf und zischt davon.

Vor der Architektenkammer wartet er auf mich, einen Brief der Kammer bereits in der Hand. Wir sollen ihn zum Institut für Architektur der Technischen Universität (TU) bringen. Die TU, mit über 30.000 Studenten die größte Technische Universität Deutschlands, ist zehn Kilometer von der Karl-Marx-Allee entfernt - für Normann bei normalem Verkehr quer durch die Stadt durch das Brandenburger Tor in 15 Minuten zu schaffen. Er nimmt aber Rücksicht auf mich. Wir fahren eineinhalb Stunden.

Wir kommen am Alex vorbei und am Roten Rathaus - ?da kannste die Briefe bis in Wowereits Sekretariat bringen". Dann zum Marx-Engels-Forum. Der einzige Spaziergänger auf dem Platz hält einen Hund an der Leine. Der Hund pinkelt. Es ist kein Mops. Weiter zum Schlossplatz, vorbei am Staatsratsgebäude, in dem ab September die internationale Elite-Hochschule für Wirtschaftsmanager ihren Sitz haben soll. Das Ganze mit Blick auf den Palast der Republik. Der wird aus seinen Ruinen kaum wieder auferstehen.

Hochschulen für Sportler und Elite

Am Hauptgebäude der Humboldt-Uni (HU) Unter den Linden stoppen wir. Als HU-Sportstudent hält sich Normann zwar mehr auf dem Sportforum in Hohenschönhausen im Nordosten der Stadt auf, ?wo die Eisbären Eishockey, die Dynamo-Kicker Fußball spielen und Berlins Topathleten in der Mensa essen". Doch die Partys der Sportkommilitonen steigen im Innenhof des Hauptgebäudes im Café Krähenfuss. Alles ein bisschen runtergekommen. Egal, ?die HU hat was", sagt Normann. Sie ist die älteste Uni Berlins, vor 192 Jahren gegründet. Von 1901 bis 1950 hat sie 29 Nobelpreisträger hervorgebracht.

Damit das so weitergeht, baut die HU eine Wissenschaftsschmiede im Südosten der Stadt auf: Im Jahr 2010 werden auf dem naturwissenschaftlichen Campus in Adlershof 3.000 Wissenschaftler und 5.000 Studenten forschen, lehren und lernen - die direkten Nachbarn sind ein Dutzend außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und über 350 IT- und Biotech-Unternehmen.

Zurück auf den Sattel. Zum Tiergarten und ein kleiner Schwenk zur Stabi - die Staatsbibliothek. Ich frage Normann, was er vom Potsdamer Platz hält, ob er Berliner Weiße und Currywurst mag. Spätestens jetzt müsste er mich anschnauzen. So viele blöde Fragen. Doch Normann ist nett. ?Ehrlich gesagt, mag ich gar keine Currywurst, und überhaupt liegt das Typische für Berlin heute im Untypischen." Der Döner zum Beispiel, sagt er. Berlin habe den deutschen Döner doch erst erfunden. ?Berlin ist die Hauptstadt des Döners."

Zentrum des Flirts

Ich schaue mich nach einer Döner-Bude um. Rechts die Philharmonie, links die Staatsbibliothek, kein Döner. Wir halten vor der Stabi. Zwei Studenten trinken Cola. Jemand liest ein Buch. Niemand hält Händchen - immerhin wird der Stabi nachgesagt, der größte studentische Flirttreff von Berlin zu sein. Manche Studenten sollen überhaupt nur zur Anmache herkommen. Vielleicht fußeln die gerade im Lesesaal? Doch keine Balztänze zu sehen. Da endlich. Zwei tauschen ihre Handynummern aus.

Auf dem Weg zur TU am Ernst-Reuter- Platz erklärt Normann, früher mal Maschinenbau studiert zu haben. Vier Semester an der TU. Er bringt den Kurierbrief in das Institut für Architektur. Eine Ecke weiter bei der Buchhandlung Kiepert holen wir ein Päck-chen ab. Es muss in die Rostlaube - zur Germanistik der Freien Uni (FU) nach Dahlem.

Nazitanten und Komparsen

Normann rast die Hardenbergstraße runter, Richtung Bahnhof Zoo auf das Hauptgebäude der Hochschule für Künste zu, der HdK. ?Auch hier habe ich mal studiert", erzählt er. ?Nach dem Abbruch meines Studiums an der TU wollte ich nämlich Schauspieler werden." Aha, also doch Seewolf. Die HdK ist mit heute 4.300 Studenten in den Sparten Musik, Bildende Kunst, Theater, Architektur, Design und Visuelle Kommunikation die größte deutsche Kunsthochschule. Seit Ende vergangenen Jahres heißt sie UdK, Universität der Künste - die Namensänderung soll den ?universitären Charakter" der Schule betonen. ?Ich hatte mich auch bei der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspiel in Treptow beworben. Die ist in Berlin für Schauspieler erste Wahl. Aber auch da bin ich in der Endrunde gescheitert."

Früher, sagt Normann, habe er bei einer privaten Schauspieltruppe im Milieu-Musical ?Linie 1" mitgespielt. ?Ich war eine Wilmersdorfer Witwe, also so eine alte Nazitante, die Berlin gegen Russen, Chaoten und Grüne verteidigte." Treffer. Witwe gefunden. ?Bis heute ist es mit der Schauspielerei nicht ganz vorbei. Als Komparse bin ich in TV-Sendungen wie Wolfs Revier und Praxis Bülowbogen aufgetreten. Ich musste einen Fahrradkurier mimen."

Noch acht Kilometer bis Dahlem. Ich habe Hunger, ich will eine Currywurst. Auf der Uhlandstraße kommt eine Imbissbude - für Döner. Egal. Nur ein Mann vor uns in der Reihe: ?Ey Scheff, lesste ma zwee Döner rüberwachsen, Salat, allet beede mit Soße, eenma scharf, wah?!" Er guckt mich an: ?Det gibt mir een jutet Jefühl." Ich esse Döner und denke Currywurst.

Reisende Geisteswissenschaftler

Es muss ja nicht jeder mit dem Fahrrad zur FU fahren, so wie wir. Es geht auch mit der U-Bahn bis Dahlem-Dorf, eine kleine Station im Fachwerkhausstil - ganz im Gegensatz zur geisteswissenschaftlichen Fakultät, der Rostlaube, die so heißt, weil sie so aussieht. Doch ein großer Teil der 43.000 FU-Studenten hockt gar nicht hier: Publizistikstudenten sind in Marienfelde, Theaterwissenschaften wird in Wilmersdorf gelehrt. Die Germanisten sitzen in der Rostlaube. Wer alle drei Fächer studiert, darf tüchtig herumreisen. Aber mit dem Semesterticket.

Am Café Luise, nur wenige Meter von der FU entfernt, verabschiedet sich Normann von mir. Die Büchersendung hat er bei der Germanistik abgegeben. Mit mir ist er heute etwa 20 Kilometer gefahren. Das sind für ihn 20 Euro Umsatz. Drei, vier Mal in der Woche fährt er, und damit sich das Fahren lohnt, braucht er ungefähr 100 Euro am Tag. Ich und mein Rad nehmen die U-Bahn zurück. Normann muss schnell weiter. Er hat noch 80 Kilometer vor sich.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.03.2002