Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Juristenausbildung

Katja Wilke
"Stellen Sie sich einen Vulkan vor, der alle paar Jahre heiße Luft ausspeit und dann wieder eine Zeit lang Ruhe gibt", sagt Hartmut Kilger, Vize-Präsident des Deutschen Anwaltvereins. "Dann wissen Sie, wie die Reform der Juristenausbildung vorankommt." Doch jetzt steht womöglich ein größerer Ausbruch bevor.
"Stellen Sie sich einen Vulkan vor, der alle paar Jahre heiße Luft ausspeit und dann wieder eine Zeit lang Ruhe gibt", sagt Hartmut Kilger, Vize-Präsident des Deutschen Anwaltvereins. "Dann wissen Sie, wie die Reform der Juristenausbildung vorankommt." Doch jetzt steht womöglich ein größerer Ausbruch bevor, denn die Eruptionsfrequenz nimmt stark zu: Im Juni steht die Juristenausbildung bei der Justizministerkonferenz auf der Tagesordnung, daneben stellen die Hochschulrektorenkonferenz, die Bundesjustizministerin und die FDP eigene Vorschläge zur Diskussion. Einziger gemeinsamer Nenner in dem unübersichtlichen Gestrüpp von Entwürfen: Die Juristenausbildung muss praxisnäher werden, und zwar schnell.

Zu groß ist die Lücke zwischen Ausbildungsinhalten und den Anforderungen auf dem Markt. Das Modell des Einheitsjuristen, nach dem jeder Jurist die Befähigung zum Richteramt haben soll, vernachlässigt die Ansprüche von Kanzleien und Unternehmen. Der Hauptteil des zweijährigen Referendariats, das sich an das Studium anschließt, wird bei Gericht und Behörden abgeleistet - doch nur 10 bis 15 Prozent aller Juristen kommen anschließend in Justiz oder Verwaltung unter. "Wenn nach dem zweiten Staatsexamen drei Viertel der Juristen Anwälte werden oder in die Wirtschaft gehen, dann muss sich das Referendariat daran orientieren." fordert Hartmut Kilger und meint: "Sinnvoll wäre es, das eigentliche Referendariat auf ein Jahr zu verkürzen und dann den Referendaren die Möglichkeit zu geben, sich in einem weiteren Jahr auf Anwaltschaft oder Justiz zu spezialisieren."

Die besten Jobs von allen


Volljuristen sind zwar in der Lage, formvollendete Urteile zu schreiben und die Rechtmäßigkeit von Verwaltungsakten zu beurteilen, doch vom Alltag außerhalb von Justiz und Verwaltung besteht meist nur eine vage Vorstellung. "Die Ausbildung entspricht nicht den Anforderungen, die die Sozietäten haben", beklagt Götz Eilmann, Recruitment Partner bei der Großkanzlei Linklaters Oppenhoff & Rädler. "An der Uni lernt man nicht, wie man einen Vertrag schreibt. Doch das ist der Hauptjob von Anwälten."

Unternehmen vermissen bei den Nachwuchsjuristen Kenntnisse in wirtschaftsrelevanten Rechtsgebieten wie Steuer-, Gesellschafts- und Arbeitsrecht. "In der Regel sind betriebswirtschaftliche Kenntnisse der Bewerber die Ausnahme", meint Roland Hartwig, Leiter der Rechtsabteilung der Bayer AG. Hausjuristen durchlaufen bei Bayer deswegen eine ein bis eineinhalbjährige Ausbildung "on the job".

"Die Referendare, die zu uns kommen, haben in der Regel keine Ahnung von Telekommunikationsrecht", sagt Dietrich Beese, Leiter der Rechtsabteilung bei Viag Interkom. "Dabei ist das Rechtsgebiet stark gefragt." Zusammen mit dem Zentrum für europäische Integrationsforschung ruft Viag Interkom in diesem Jahr eine Summer School ins Leben, um Studenten und Referendaren Wissen über Telekommunikationsrecht zu vermitteln.

Trotz der Defizite - vom Modell des Einheitsjuristen wollen nur wenige Juristen abrücken. "Volljuristen sind vielseitig einsetzbar", meint Roland Hartwig. "Wichtig ist, dass sich Juristen im Studium breite Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen, damit sie sich schnell in Rechtsgebiete einarbeiten können.

"Als ich mein Studium abschloss, wusste ich nicht einmal, was ein Konzern ist", spitzt es ThyssenKrupp-Chefjustiziar Henrik-Michael Ringleb zu, und meint: "Juristen muss die Möglichkeit erhalten bleiben, nach dem Studium zwischen Anwaltschaft und Justiz zu wählen. Sonst entsteht schnell eine Zwei-Klassen-Justiz."

In den Genuss der Wahlmöglichkeit kommen allerdings nur diejenigen, die das Studium mit Prädikatsexamen abschließen und neben dem Studium Zusatzqualifikationen erworben haben. Die Masse der Absolventen findet sich auf einem hart umkämpften Arbeitsmarkt wieder, wird selbstständig oder tritt mit Betriebswirtschaftlern und Fachhochschulabsolventen in Konkurrenz um halbjuristische Jobs im Personalmanagement, in der Firmenkundenkreditabteilung von Banken oder in Wirtschaftsberatungen. Mit Staatsexamen allein hätten Juristen in diesem Wettbewerb schlechte Chancen, befand das saarländische Oberverwaltungsgericht und urteilte vor kurzem, dass die Universität des Saarlandes - für Juristen, die nicht in den Staatsdienst gehen - den Titel "Diplom-Jurist" einführen muss. Ob dieser Abschluss tatsächlich die Jobsuche erleichtert, bezweifeln Juristen. Denn außerhalb der Rechtsabteilung stellen Unternehmen lieber spezialisierte Absolventen als breit ausgebildete durchschnittlichen Juristen ein.

Mehr als 20 Fachhochschulen für Diplom-Wirtschaftsjuristen gibt es mittlerweile in Deutschland. Neben Jura stehen BWL und VWL und Auslandsaufenthalte auf dem Curriculum. "Die Bewerber werden uns aus den Händen gerissen, selbst die nicht so guten", sagt Thomas Schomerus, Professor und ehemaliger Dekan des Fachbereichs Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule Lüneburg. Größter Abnehmer der diplomierten Wirtschaftsrechtler ist hier die Unternehmensberatung KPMG. Auch Großkanzleien wie Hengeler Mueller Weitzel Wirtz sind an dem Fachhochschuljuristen interessiert, wollen die Top-Absolventen als Zuarbeiter für ihre Anwälte. Denn Anwälte können die FH-Absolventen nicht werden. "Wir sind ein eigenständiges Fach, die Verschmelzung von BWL und Jura", betont Schomerus. "Unis sind viel zu schwerfällig. Ein Vorbild für die allgemeine Juristenausbildung wollen wir aber nicht sein."

Das will auch nicht die Bucerius Law School, Deutschlands erste private Jura-Hochschule in Hamburg, doch will sie mit ihrer US-amerikanisch geprägten Ausbildung den Wettbewerb zwischen Universitäten anstacheln und Reformen in Schwung bringen.

Die Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg zeigt, dass auch staatliche Universitäten im Rahmen der bestehenden Gesetze eine praxisnähere Juristenausbildung durchsetzen können. In den regulären Vorlesungen sind im Heidelberger "anwaltsorientierten Studium" Zeiten eingeplant, in denen Anwälte aus der Praxis berichten. Statt stur Fälle zu bearbeiten, können Studenten in Hausarbeiten Verträge entwerfen. Auch das Referendariat wird künftig anwaltsorientierter - soweit geltende Gesetze und/oder Ausbildungsreformen dies zulassen. Weiter mag Peter-Christian Müller-Graf, Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaft, nicht gehen: "Unser Ziel ist es, urteilsfähige Persönlichkeiten auszubilden, und deswegen muss die Priorität in Studium und Ausbildung bei den klassischen juristischen Kernbereichen liegen. Der Drill auf ein enges Berufsfeld wäre der falsche Ansatz, denn Unternehmen sind nicht die alleinigen Adressaten der Juristenausbildung."

Dieser Artikel ist erschienen am 17.04.2001