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Jurastudium an der Sorbonne

Katrin Lützenkirchen
Statt schöngeistiger Inspiration "à la Sorbonne" begegnen wir sogenannten "chargés de TD", die uns allwöchentlich in kleinen miefigen Klassenzimmern malträtieren.
Mein Traum vom Leben im Schlaraffenland wird endlich Wirklichkeit: Ich werde leben und arbeiten ohne Grenzen. Ich werde "citoyenne européenne" sein und durch den europäischen grenzenlosen Raum schweben. Ich werde mich im Land des "savoir -vivre" wie zuhause fühlen, mit "gourmets" und "gourmands" zwischen "fromage et dessert" um eine lange Tafel sitzen und angeregt plaudern in der elegantesten der Sprachen ... Und am Nabel dieses wunderbaren Landes - Paris - werde ich mein Auge sich an den Werken der Impressionisten weiden lassen, meinen guten Geschmack schulen umgeben von "haute couture" und meinen Intellekt flanieren lassen durch die literarischen Werke der Aufklärung und des Existenzialismus ...

Dank einer deusch-französchen Ausbildung werde ich meine Liebe zu Frankreich endlich leben können und mich im Land des guten Geschmacks reibungslos integrieren. Im Rahmen eines deutsch-französischen Studiengangs für Rechtswissenschaft der Universitäten Köln und Paris/Sorbonne werde ich in einer deutsch-französischen Gruppe jeweils zwei Jahre in Köln und Paris studieren und somit alle Türen öffnen

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Doch warum muß man immer aufwachen aus diesen Träumen vom "Schlaraffenland"? Warum muß man, sich noch verschlafen die Augen reibend, gewahr werden, daß weder gebratene Hähnchen durch die Luft und direkt in den Mund flattern, noch bunte Zuckerstangen und Lakritzenschnecken an den Bäumen hängen ?

Statt schöngeistiger Inspiration "à la Sorbonne" begegnen wir sogenannten "chargés de TD", die uns allwöchentlich in kleinen miefigen Klassenzimmern malträtieren. In diesen unseren ersten "traveaux dirigés" spricht ein zartes französisches weibliches Wesen vor uns, ganz in Flieder gekleidet und kaum älter als wir, von "contrôle continu" und Anwesenheitspflicht. Und während ich beobachte wie unserem Banknachbarn die Schweißperlen auf die Stirn treten, zucke ich zusammen unter dem gebellten Klang unserer Familiennamen "Feisel ! Hoffner ! Krebs! Lingot! ..." und erlebe den ersten Appel meines Lebens.

Und mit fortschreitendem Semester sehe ich zu, wie die "contrôle continu" meinen Traum von einer Pariser Lebenskultur in Wohlgefallen auflöst. Anstelle zu mittag ein ausgiebiges "dejeuner" zu genießen, verdrücke ich gehetzt einen Sandwich, um mich dann noch schnell durch die "fiche de TD" voll französischer Jurisprudenz zu quälen, die auf jede Stunde vorzubereiten ist. Anstatt durch den Louvre zu flanieren, trainiere ich am Wochenende die farnzösischen schriftlichen Arbeitsmethoden der "dissertation" und des "commentaire d'arrèt". Mit zitternden Händen nehme ich dann am Ende jeder "TD" die frisch zensierte Hausarbeit entgegen in der Hoffnung über der "moyenne" zu liegen. Zu Beginn jeder Stunde halte ich den Atem an: Ob uns wohl diesmal eine schriftliche "Interrogation Surprise" erwartet ?

In unseren Vorlesungen, den "cours magistraux" schaue ich erstaunt über die gebeugten Rücken meiner französischen Mitstudenten, die innerhalb weniger Minuten schon einige "copies doubles" mit ihrer makellosen Schrift bedeckt haben. Und fraglos beginne auch ich, wortwörtlich die Vorlesung unseres Dozenten aufzuzeichnen und versinke in nostalgischen Erinnerungen an längst vergangene Grundschuldiktate. Und die Handgelenkschmerzen und Hornhautauswüchse am rechten Mittelfinger zahlen sich am Ende des Semesters tatsächlich aus. Dann nehme ich bei Rückgabe der Semesterabschlußklausuren meine sehr anständig zensierte ebenso fraglose Widergabe dieser Vorlesung entgegen

"Infantilisierend!" schreie ich auf im Chor mit meinen deutschen Leidensgenossen, nachdem den ich den staunenden Mund endlich wiederzugeklappt haben. Das ist ein ernstzunehmender Angriff auf unsere studentische Unabhängigkeit, die wir doch in Köln gerade frisch erkämpft haben ! Wir werden in diesem System behandelt wie unmündige Kleinkinder ! Doch enttäuscht sehe ich uns der Solidarität unserer französischen Mitstreiter beraubt, die gleichgültig mit den Schulten zucken und sich widerstandslos in ihr altvertrautes System wiedereinfügen. Als hätten sie uns nicht gewarnt, daß das faule Kölner Leben in Paris ein Ende haben würde !?

Ich werde mir also allmählich bewußt, daß es im Schlaraffenland ganz anders aussieht. Und während ich so durch die Landschaft schlendere und meinen Gedanken nachhänge, sehe ich mich in meinem weiteren Vordringen zurückgehalten durch eine Schild worauf in großen Lettern geschrieben steht: "Zutritt nur für Bürger des Schlaraffenlandes."

Die Pariser Gesellschaft erweist sich nämlich als geschlossen und die Vorstellung von einer spielerischen Integration als ein Trugschluß. Nach den Vorlesungen verschwinden unsere unbekannten französischen Banknachbarn sehr schnell. Auch bei Gelegenheit von Sport- und Freizeitveranstaltungen stoßen schüchterne Annäherungsversuche auf höfliche Zurückhaltung. So bewegen wir uns in Kreisen einer internationalen Subkultur deutscher, englischer und spanischer Studenten und fragen uns Tag ein Tag aus, wo es eigentlich stattfindet das Leben der Pariser. Auf dieselbe kühle Diskretion stoße ich bei ersten Begegnungen mit der Pariser Berufswelt. So bleibe ich für die Anwälte des "Cabinet", wo ich mein Praktikum mache, vier Wochen lang "la petite allemande". Andere Praktikanten lassen sich zu Äußerungen hinreißen wie "faire mes études à l'étranger, moi je ne le pourrais pas". Man bestaunt mich aus der Ferne als ein seltsames Wesen, ist vorsichtig, mehr über mich und meine Kultur zu erfahren und noch weniger bereit etwas von sich selbst preiszugeben

Dann bedeutet eine deutsch-französische Ausbildung für das Europa von morgen also lediglich einen schmerzhaften Aufprall in der Realität. Ein Studienaufenthalt im Nachbarland wird mich zwingend enttäuschen und zu der Erkenntnis führen, daß Integration nicht möglich ist. Aber zerrinnen Träume nicht immer zwischen den Fingern, wenn man sie festzuhalten versucht ? Schöne Dinge aus der Nähe betrachten, bedeutet das nicht, ihre Unvollkommen-heiten entdecken ? Bildet die Auseinandersetzung mit den Unebenheiten einer Kultur nicht die Voraussetzung für eine Integration ?

Und tatsächlich muß ich zugeben, daß ich mich im Laufe eines Studienjahres mit all diesen französischen Besonderheiten ein wenig angefreundet habe. Nicht ohne Stolz schaue ich auf einen ganz beachtlichen Wissensstand, den ich mir dank der "contrôle continu" in der französischen Rechtswissenschaft erkämpft habe. Froh bin ich um die gut strukturierten Vorlesungen und vollständigen Mitschriften, die eine solide Basis für die Semesterabschlußklausuren liefern. Ein wenig beschämt erinnere ich mich unseres revoltierenden Auflehnens zu Beginn des Studienjahres. Denn tatsächlich fand ich dann doch noch Zeit, an dem einen oder anderen Sonntag nachmittag durch den Louvre zu flanieren. Und auch mit der französischen Diskretion und Zurückhaltung lerne ich immer besser umzugehen. Indem ich mir der französischen Geisteshaltung bewußt werde, vermeide ich immer öfter einen "faux-pas".

Und vielleicht werde ich mich schließlich dank dieses deutsch-französischen Studienprogramms in perfekter Kentnis der Sprache und Sitten unseres Nachbarlandes mit tänzerischer Leichtigkeit in dieser geliebten Kultur bewegen. Vielleicht gelingt es mir mit viel Fingerspitzengefühl, den Eindruck vom deutschen Elefanten im französischen Porzellanladen zu vermeiden. Vielleicht erwerbe ich mittels des Trainings, das eine deutsch-französische Ausbildung bietet, die Qualitäten französischer Diskretion und Eleganz und beseitige in einem Europa von morgen ein für allemal das Bild vom barbarischen Nichtfranzosen.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.04.2001