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"Jura fand ich erstickend"

Die Fragen stellte Christina Schollerer
Cillian Murphy hat es geschafft. Vor zehn Jahren brach der Ire mit den durchdringend blauen Augen sein Jurastudium ab, um Schauspieler zu werden. Nach Bösewicht Scarecrow in "Batman Begins" und der androgynen Kitten Braden in "Breakfast on Pluto" spielt er nun die Hauptrolle in "Sunshine", dem Sci-Fi-Thriller von Danny Boyle ("The Beach"), der am 19. April in den deutschen Kinos anläuft. karriere sprach mit Cillian Murphy über akademische Grade, Umwege und die Rolle von Musik bei seiner Arbeit.
Am Anfang Ihrer Karriere stand nicht die Schauspielerei, sondern ein Jurastudium in Cork, Irland. Warum haben Sie das aufgegeben?

Ich dachte, es könnte interessant sein, aber das war es nicht. Ich fand es eher erstickend. Nicht sehr kreativ. Nie wäre ich Anwalt geworden

Ihr Studium haben Sie sehr schnell abgebrochen. Wie reagierte Ihre Familie?

Meine Eltern reagierten panisch. Sie sahen mich schon als Abbrecher ohne Zukunft. In Irland ist es nämlich sehr wichtig, einen Hochschulabschluss zu haben. Die Leute legen großen Wert auf Initialen nach ihrem Namen. Meine ganze Familie besitzt einen akademischen Grad, die meisten haben einen Master. Nur ich nicht.

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Trotzdem wählten Sie den anderen Weg?

Ja, weil ich vorher einfach eine Zeitlang dem falschen folgte. Eigentlich war der Drang, mich ausdrücken zu müssen immer schon da. Zuerst in Form von Musik; als Gitarrist spielte ich in einer Band. Und in der Uni begann ich mit der Schauspielerei

Nun spielen Sie die Hauptrolle im neuen Sci-Fi-Thriller "Sunshine". Worum geht es da?

Es geht um eine Mission zur Sonne, die durch eine nukleare Bombe vor dem bevorstehenden Erlischen bewahrt werden soll.

Sie spielen Capa, den Physiker an Bord des Raumschiffs. Was war dabei die größte Herausforderung für Sie?

Die Stunts und Kämpfe waren tough. Regisseur Danny Boyle forderte körperlich eine Menge - und so hatten wir alle Schnitte und Prellungen. Aber das ist dann schon wieder fast ein Ehrenabzeichen. Mir machte aber auch der wissenschaftliche Background Probleme. Ich wollte verstehen, was Capa versteht. In der Schule war ich in Naturwissenschaften wirklich, wirklich schlecht und eher gut in Sprachen. Deshalb fiel es mir schwer, die relevanten Themen aus der Astrophysik, Zeit und Raum zu begreifen. Ich verbrachte viel Zeit mit dem Physiker Brian Cox, dem naturwissenschaftlichen Berater am Set, und löcherte ihn mit dummen Fragen

Gab es zu den philosophischen Fragen, die der Film aufwirft, Diskussionen am Set?

Ja, wir hatten viele tiefsinnige Diskussionen, besonders in den Mittagspausen

Hat das neue Wissen und die Auseinandersetzung mit diesen Themen Ihre Sicht auf die Welt verändert?

Vor allem respektiere ich die Arbeit der Naturwissenschaftler jetzt mehr. Ich glaube, ich war da bisher recht ignorant

Im Film droht das Ende der Menschheit durch das Erlischen der Sonne. Haben Sie Angst, dass Ihr Sohn in einer ähnlich bedrohten Welt aufwächst? Ist die globale Erwärmung ein Thema für Sie?

Natürlich, es wäre unverantwortlich das zu ignorieren. Kinder sind unsere Botschaft in die Zukunft, und ich hoffe, dass unsere Kinder noch lange einen wunderschönen Platz zum Leben haben werden

Haben Sie eine Idee, wie wir das erreichen können?

Jeder sollte individuell etwas tun. Ich bin aber nicht der Typ, der andere belehrt oder sagt "Werde Teil der Bewegung!". Wenn ich schaue, was ich selbst tun kann, würde das schon einen Unterschied ausmachen.

Capa wird im Film gezwungen eine Entscheidung treffen, die das Schicksal der Crew, aber auch der Menschheit bestimmt. Wie würden Sie persönlich angesichts einer solchen Verantwortung reagieren?

Schwierige Frage. Capa ist eher ruhig und lehnt die Verantwortung ab, die ihm aufgedrängt wird. Ich wäre sicher etwas eigenwilliger als er, aber auch offener und direkter. Ich mache meinen Mund eher auf, aber auch ich möchte nicht unter dem Druck stehen, dem Capa ausgesetzt ist

Wonach wählen Sie Ihre Filmprojekte aus?

Erst das Skript, dann der Regisseur. Ist das Skript schlecht, kann selbst ein guter Regisseur meist nicht viel retten

Spielt Musik für Sie noch eine Rolle?

Ich mache immer noch Musik mit Freunden und klimpere ein bisschen auf meiner Gitarre herum. Aber es ist eine Form von Entspannung für mich, ein Hobby. Ich möchte mich auf eine Sache konzentrieren und mich nicht davon ablenken lassen

Einmal Schauspieler, immer Schauspieler?

Ja. Ich bin kein Autor und kein Regisseur, ich konzentriere mich lieber darauf, in meinem Job immer noch ein bisschen besser zu werden

Ist Regisseur Danny Boyle ein guter Lehrer? Nach "28 Days later" ist dies ja bereits Ihre zweite Zusammenarbeit.

Oh ja! Ich habe beides mal sehr viel über Filmschauspielerei gelernt. Aber noch viel mehr haben mich Dannys Leidenschaft und Energie beeindruckt. Er strahlt von innen

Gibt es etwas Besonderes, das er Ihnen mit auf den Weg gegeben hat?

Dass wir uns glücklich schätzen müssen, Filme machen zu können. Man sollte ein solches Glück - auf diesem Level mit solch großartigen Leuten zu arbeiten - niemals als gegeben nehmen! Viele Schauspieler jammern permanent. Aber ich denke es ist sehr wichtig, sich bewusst darüber zu sein, wo man steht und was man erreicht hat.

Dieser Artikel ist erschienen am 19.04.2007