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Juniorprofessuren: Haltet die Jungen!

Liane Borghardt
Ab 2002 werden an deutschen Hochschulen Juniorprofessuren eingeführt. Promovierte sollen direkt im Anschluss an die Doktorarbeit selbstständig lehren und forschen. Doch: Vorsicht Falle, melden sich die Kritiker. Der Gesetzentwurf hat ein paar dicke Strickfehler.
Wer in Deutschland eine Hochschulkarriere verfolgt, kriegt darüber graue Haare: 42 Jahre alt ist wissenschaftlicher Nachwuchs im Schnitt, wenn er endlich eine Professorenstelle ergattert. ?Das macht eine akademische Laufbahn unattraktiv. Denn klappt es mit der Professur nicht, ist es für eine berufliche Neuorientierung zu spät", erklärt Thomas May vom Wissenschaftsrat, der die Länder in Sachen Hochschulpolitik berät. ?Gerade in den Natur- und Ingenieurwissenschaften suchen die Besten eine Beschäftigung außerhalb der Hochschule." Zweite Alternative für den wissenschaftlichen Nachwuchs: An ausländische Unis abwandern; 15 Prozent gehen allein in die USA.

Jahrelange Fleissarbeit

Die besten Jobs von allen


Das Heilmittel, den Verlust an akademischer Elite zu stoppen, importiert Bundesbildungsministerin Edelgard Buhlmann aus den Staaten: Analog zu den amerikanischen ?assistant professors" starten ab Januar hierzulande nach und nach 6.000 Juniorprofessoren. Promovierte sollen direkt im Anschluss an die Doktorarbeit selbstständig lehren und forschen können.

Bislang führte in Deutschland nur ein Weg in die akademische A-Klasse: die Habilitation. Kein anderes Land verlangt von seinem Professorennachwuchs nach der Promotion eine solche zweite Fleißarbeit. Während die Kollegen in den USA, England oder Skandina ien längst in Amt und Würden sind, arbeiten die wissenschaftlichen Assistenten noch über Jahre ihren Professoren zu und bringen nebenher die Habil zu Papier.

Selbstständig oder überlastet?

?Eine Assistentenstelle muss nicht unbedingt in Fronarbeit für den Prof ausarten - das hängt ganz vom Betreuer ab", sagt Harald Völker, Vorsitzender des bundesweiten Doktoranden-Netzwerkes Thesis. Dennoch befürworte auch Thesis die Abschaffung der Habil. ?Mit dieser Schrift beweist der Nachwuchs zwar, dass er wissenschaftlich arbeiten kann. Seine Leistungen in der Lehre werden im jetzigen Verfahren aber nicht bewertet", sagt der 33-jährige Romanist, der an der Berliner Humboldt-Uni (HU) habilitiert.

Dieses Problem wird mit der Juniorprofessur aus der Hochschulwelt geschafft. Ist der Juniorprof drei Jahre im Amt, nehmen Gutachter sowohl dessen Publikationen als auch seinen Unterricht unter die Lupe. Nur bei insgesamt positivem Urteil wird die Stelle für weitere drei Jahre verlängert. Ebenfalls neu ist, dass die Juniorprofessoren im Unterschied zu den jetzigen Assistenten Forschungsgelder beantragen können. ?Hat man die Mittel für außergewöhnliche Projekte, wird man kreativer. Und das überträgt sich auch auf die Lehre", meint Völker.

An finanzieller Ausstattung wird es den Juniors zwar nicht mangeln - aber an Zeit. Laut Gesetzentwurf sollen sie bis zu acht Semesterwochenstunden unterrichten, genau wie die Seniorprofs. ?Das ist viel zu viel für Nachwuchskräfte, die noch unter stärkerem Profilierungs-, sprich Publikationsdruck stehen", schimpft Völker.

Die ersten Universitäten sind bereits mit Ausschreibungen vorgeprescht. Vorne liegen die Uni Göttingen mit 42, die Berliner Humboldt-Uni mit 28 und die Uni Marburg mit 15 Stellen; für das Gros der Jobs war Ende September Bewerbungsschluss.

Wer zuerst kommt, kassiert zuerst

Hinter diesem Reformeifer steckt nicht nur der Wunsch, vor der Geburtsstunde des neuen Gesetzes dabei gewesen zu sein. Es geht auch um Bares. Hochschulen, die sich frühzeitig an dem Pilotprojekt beteiligen, haben die Chance auf Förderung. Für bis zu 3.000 Stellen macht der Bund in den nächsten drei Jahren jeweils eine Pauschale von 150.000 Mark locker.

Bisher sei man mit der Qualität der Bewerbungen sehr zufrieden, so die Humboldt-Uni. Auf 28 Stellen haben sich hier 265 Kandidaten beworben. Derweil kursieren Mutmaßungen, die Hochschulen wandelten bevorzugt Assistentenstellen in Juniorprofessuren um. Damit wäre die Reform ausgehebelt, bevor sie in Kraft tritt. Das weist der Sprecher der Marburger Uni, Klaus Walter, zurück: ?Damit täten sich die Universitäten keinen Gefallen: Es geht ja darum, den besten Kandidaten für ein Spezialgebiet zu finden."

Jung, Motiviert sucht Festanstellung

Sebastian Luft wagt allerdings kaum zu hoffen, dass es mit der Juniorprofessur in Philosophie klappt. Der 32-Jährige hat sich von Belgien aus an der Berliner HU beworben und verfolgt die Entwicklungen in Deutschland skeptisch. Sein Einwand, den er mit Kritikern in der Heimat teilt: Im angelsächsischen System mündet der Job des ?assistant professors" im so genannten ?tenure", der Daueranstellung.

Dies überlässt der deutsche Gesetzentwurf den Hochschulen zwar als Möglichkeit, schreibt es jedoch nicht vor. ?Schafft ein Juniorprof es im Laufe seiner sechsjährigen Amtszeit nicht auf eine unbefristete Stelle, steht er am Ende genauso dumm da wie ein arbeitsloser Habilitierter", erklärt Luft.

Thesis-Vorsitzender Völker findet zu viel vorauseilenden Frust nicht angebracht, ?auch wenn noch nicht zu überblicken ist, wie sich die Juniorprofessur entwickelt." Bewerbern rät er, sich gut mit ihrem Doktorvater zu beraten, wie realistisch die Chance auf eine dauerhafte Uni-Karriere ist. ?Und sie sollten sich fragen: Habe ich ein zweites Standbein? Oder bei einem internationalen Wettbewerb gewonnen? So bleibt das Türchen ins Ausland offen.

Links:
www.bmbf.de
www.thesis.de
Dieser Artikel ist erschienen am 15.11.2001