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Junior-Tüten für Junganwälte

Von Christoph Hus, Handelsblatt
Franchise-Anbieter wollen junge Anwälte zur Gründung standardisierter Ketten-Kanzleien verlocken.
Die langwierige Ausbildung ist kaum zu Ende, da ereilt junge Juristen schon die große Ernüchterung. Weil sie mit einem mittelmäßigen Staatsexamen keine Alternative haben, machen sie sich mit einer Anwaltskanzlei selbstständig - und der Traumberuf des Rechtsanwalts wird zum Alptraum. Der Aufbau eines Büros ist kompliziert, nur wenige Mandanten lassen sich blicken, das magere Einkommen sichert kaum das Überleben.

Solch verzweifelten Juristen machen zwei Unternehmen jetzt neue Hoffnung. Legitas aus Hamburg und Janolaw aus Sulzbach wollen Deutschland mit Anwaltskanzleien überziehen und suchen dafür Rechtsanwälte als Kunden. Diese wollen sie freilich nicht anstellen, sondern als Franchise-Nehmer gewinnen. Im Klartext: Sie sollen nicht nur das Risiko eines Freiberuflers eingehen, sondern obendrein Geld abliefern und strenge Regularien befolgen. Legitas besteht bereits aus sieben Kanzleien, Janolaw will das erste Büro Ende des Jahres eröffnen. Beide Unternehmen werben mit ihrer Hilfe bei der Büroorganisation und vielen neuen Mandanten. Doch noch ist ungewiss, ob das Konzept aufgeht.

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Das Rezept ist bei Fast-Food-Ketten wie McDonald's abgeschaut. Alle Rechtsanwälte sollen unter gleichem Namen auftreten, bei Janolaw sollen sich sogar die Möbel in den Kanzleien wie ein Ei dem anderen gleichen. Das Ziel: Rechtsberatung wird zum Markenartikel, die einzelnen Anwälte profitieren von einem starken Verbund. Bei Standardabläufen wie Buchhaltung, Rechnungsversand und Werbung hilft die Zentrale und kassiert dafür von den Anwälten Pauschalen oder Umsatzbeteiligung. Durch die Bekanntheit sollen die Juristen ?schnell mehr verdienen als Partner in einer großen Sozietät?, behauptet Janolaw-Chef Michael Zahrt. Ein Rundum-Sorglos- Paket also, will er Glauben machen.

Denn sein Traum birgt Risiken. Für die Dienste der Mc-Law-Erfinder sollen die Juristen erst einmal Geld auf den Tisch legen: 10 000 Euro verlangt Janolaw, Legitas 2 000 Euro. Und ob die jungen Marken tatsächlich bekannt werden, den Umsatz ankurbeln und viele Mandanten in die Kanzleien locken, steht in den Sternen. Die Juristen bringen zudem ein Opfer, wenn sie ihre Eigenständigkeit aufgeben und sich dem Diktat der Zentrale unterwerfen. ?Hinter diesen Geschäftsideen stehen noch viele Fragezeichen?, warnt Stephan Göcken, Sprecher der Bundesrechtsanwaltskammer.

Der Hamburger Franchise-Anbieter Legitas hat wenigstens Anfangserfolge vorzuweisen. Die ersten fünf Kanzleien des Verbunds arbeiten schon länger mit dem Legitas-Logo an der Tür, im Sommer ist die Kette auf sieben Büros angewachsen. In Hamburg ist Legitas mit drei Kanzleien vertreten, zwei Juristen haben Büros in Bad Homburg eröffnet.

Für seine Einstiegsgebühr bekommt ein Anwalt bei Legitas eine Internet-Homepage, eine Softwareschulung, Werbematerialien sowie eine Vorlage für das Logo, das neben dem Legitas-Schriftzug auch den Namen des Rechtsanwaltes enthält. Um ein Büro und dessen Einrichtung muss sich der Jurist selbst kümmern. Fällig wird eine monatliche Gebühr von 100 Euro für Nutzung der Kanzlei-Software. Noch bietet die Zentrale ihre Leistungen damit zum Selbstkostenpreis an, sagt Legitas-Chef Fabian Heintze. ?Sobald die Kette größer sind, heben wir die Gebühr an.? Dann will Heintze mit Legitas Gewinn machen, ein Unsicherheitsfaktor für die beteiligten Anwälte.

Heintze sieht den Vorteil seiner Kette in der Arbeitserleichterung. ?Wenn man sich nicht um die Büroorganisation kümmern muss, hat man den Kopf frei für Wesentliches.? Gerade Juristen lernen nicht an der Uni, wie sie Kanzlei plus Personal am besten organisieren und wie nervtötender Verwaltungskram ? etwa mit Lohnabrechnungen ? am einfachsten zu handhaben ist.

Hinzu kommt zuweilen ein weiterer Effekt: An den Hamburger Kanzleien sei schon zu beobachten, dass sich ?die Anwälte gegenseitig Mandanten schicken, wenn es um Spezialthemen geht?, so Heintze. Mit diesem Argument will er die Zahl der Legitas-Kanzleien nun rasant steigern. Schon 2005 soll es deutschlandweit 140 Büros geben.

Die Expansionsideen für Janolaw stehen bislang nur auf dem Papier. Zahrt will 2005 auf 123 Büros kommen, ein Jahr später sollen es gar über 200 sein. Dabei soll erst Ende dieses Jahres sein Pilotprojekt für die erste Kanzlei der Kette in der Frankfurter Innenstadt eröffnen. ?In 1-A-Lage?, betont Janolaw-Gründer Michael Zahrt, ?um die Laufkundschaft anzusprechen, die bisher gar nicht zum Anwalt geht.? Zur Zielgruppe gehören außerdem Menschen, die den Gang zum Anwalt bisher lange vor sich hergeschoben haben. Janolaw will sie mit einer günstigen Erstberatung für nur 49,90 Euro locken.

Die Franchise-Idee will Janolaw noch konsequenter umsetzen als Legitas. Die Büros für die Anwälte sucht die Zentrale aus, mindestens zwei Anwälte sollen gemeinsam einziehen. Die Inneneinrichtung kaufen die Juristen nach den Vorgaben der Zentrale. Neben der Eintrittsgebühr müssen die Anwälte zehn Prozent ihres Umsatzes an Janolaw abgeben, weitere fünf Prozent sind Pflicht-Ausgaben für Werbung. Als Gegenleistung profitieren die Juristen vom Marketing der Zentrale und dürfen die Janolaw-Software für Buchhaltung, Abrechnung und Inkasso nutzen.

Die Beratung der Mandanten soll eine Hilfs-Software beschleunigen. Denn nur mit hoher Durchlaufgeschwindigkeit geht das Konzept auf, zu lange aufhalten dürfen sich die Anwälte mit ihren Mandanten nicht. Gründer Zahrt verspricht den Anwälten dafür schon nach einem Jahr Bruttoeinnahmen von 3 000 Euro pro Monat. Im fünften Jahr soll der Betrag gar auf über 9 000 Euro gestiegen sein. Garantien? Keine.

Bisher schmücken solche Zahlen nur die Planungen auf dem Papier der Franchise-Anbieter. Leicht könnten sie sich als Milchmädchenrechnung erweisen. Dass etliche Franchise-Ideen am Ende doch nicht tragfähig sind, hat sich oft genug in verschiedenen Branchen erwiesen. Für manche Anwälte könnte das Franchise-Abenteuer als zusätzlicher Alptraum enden.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.11.2003