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Junior Producer: Lars Kremer

Annette Michel-Zielke
Im Hauptfach TheFiFe, im Nebenfach Sinologie - brauchen kann er beides für den Job.
Auf dem Heimweg hört Lars Kremer in der Bahn unfreiwillig eine Unterhaltung mit und lacht sich innerlich fast kringelig. Zwei Männer unterhalten sich über chinesische Schriftzeichen: "Die Chinesen haben 4.000 Schriftzeichen, und dann kommen ja noch die ganzen Dialekte dazu" sagt der eine mit wissender Mine, und sein Gegenüber nickt beeindruckt. Wäre Kremer nicht so müde, hätte er vielleicht noch Aufklärungsarbeit geleistet: die chinesische Schrift hat sogar über 50.000 Zeichen, allerdings reichen davon rund 3.500 für den Alltag aus. Der Junior Producer beschäftigte sich damit jahrelang im Studium. Aber heute nicht, der Tag war lang. Er hat zehn Stunden am Schreibtisch hinter sich, bei Columbia TriStar in Hürth bei Köln. Die Film und Fernseh- Produktionsgesellschaft hat sich der seichten Unterhaltung verschrieben. Kulturelles Interesse und leichte Muse - das ist für Kremer jedoch kein Widerspruch.

"Nicht schon wieder Schule!"

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Kremer studierte nach dem Abitur Theaterwissenschaften, Anglistik und Sinologie in Erlangen. Eigentlich wollte er zunächst auf eine Schauspielschule, aber dann fiel ihm auf: "Um Himmels willen, nicht schon wieder Schule!" Also lieber die Wissenschaft ums Theater. Das Fach Sinologie wählte er aus persönlichem Interesse: "Ich beschäftige mich schon lange mit dem Taoismus. Eine wirklich spannende Sache". Und Anglistik? "Naja, zum Magister braucht man eben zwei Nebenfächer."

Heute morgen landete auf Kremers Schreibtisch ein dicker Batzen Papier - mehrere Outlines für eine kommende Nikola-Staffel, einer RTL- Sitcom mit Mariele Millowitsch in der Hauptrolle. Outlines, das sind grobe Schemata, die Geschichten einer Serie umreißen. Daran wird so lange herumgefeilt, bis ein funktionierendes Gerüst für ein Drehbuch vorliegt, mit dem die Produktionsfirma zufrieden ist. Ein oft kniffeliger Prozess: "Es kann vorkommen, dass wir eine Stunde darüber diskutieren, ob es Sinn macht, dass Nikola an einer Stelle euphorisch reagiert. Die Handlungsabläufe müssen für den Zuschauer nachvollziehbar sein. Sonst funktioniert der Spannungsbogen und damit die ganze Story nicht", sagt Kremer

Jobben und lernen zugleich

Zurück zu seiner eigenen Story: Sein Studium in Erlangen wie auch die Stadt selbst empfand er nach ein paar Semestern als zu dröge. Schnell fiel die Wahl auf Köln. Dort werden an der Uni neben Theater- auch Film und Fernsehwissenschaften im gleichen Fach doziert, von den Studenten liebevoll mit "TheFiFe" abgekürzt. Außerdem locken in der selbsternannten Medienhauptstadt die vielen TV-Sender und Produktionsfirmen. Der Student zog ins Rheinland und jobbte neben dem Studium bei RTL. Dadurch füllte er seine Kasse auf und verschaffte sich gleichzeitig einen intensiven Einblick in die deutsche und amerikanische Fernsehwelt: "Stellen Sie mir bitte Material für einen Trailer zusammen!", lautete häufig die Anfrage. Trailer ist das Fachwort für Filmvorspann. Für die Erstellung musste er Filme teilweise komplett anschauen. Was der Zuschauer später als leichte Beikost wahrnimmt ("Sehen Sie gleich..."), beginnt zunächst also mit studentischer Augenarbeit.

Kölner Bewerbungsklüngel

Das Studium schloss Kremer im Jahr 2000 mit dem Magister ab. Danach stieg er bei einer kleinen Produktionsfirma als Junior Producer ein. Sein Aufgabenumfang war da noch klein: Neue Ideen aus der Redaktion mit den Autoren besprechen und die Umsetzung betreuen. Der Job war befristet, und nach einem halben Jahr war Schluss. Kremer knüpfte neue Kontakte und pflegte bestehende. In Köln funktioniert das so: Man trifft sich zunächst auf ein Kölsch oder einen Kaffee, und wenn Chemie und Vorstellungen stimmen, wird man zu einem offiziellen Bewerbungsgespräch eingeladen. Die Einladung kam schließlich von Columbia TriStar, und beide Seiten waren sich schnell einig. Per Kurier flatterte der Vertrag ins Haus - mit ihm ein randvoller Aktenordner: "Viel Spaß beim Einlesen in die Serie." Seitdem sitzt der Junior mit einem Senior Producer zusammen. Mit der Vision im Kopf, wo die Geschichten in der Serie hinführen sollen, feilen sie zusammen mit den Autoren an den Figuren. Den Darstellern stehen sie zudem bei Fragen zu den Scripten zur Verfügung.

Bis aus dem dicken Papierbatzen, den Kremer heute auf den Tisch bekam, eine fertig gedrehte Staffel vorliegt, dauert es noch einige Monate. Viele Ideen werden verworfen, neue kommen hinzu, und wenn die Deadline droht, wird es immer sehr hektisch und intensiv. Dann hilft dem Dreißigjährigen sein Studienfach Sinologie. "Der Weg ist das Ziel" lautet eine altbekannte chinesische Weisheit. "Du kommst nie an, es gibt immer neue Ziele", leitet Lars Kremer daraus ab. Und für seinen Job heißt das: "Die neuen Bücher und Staffeln warten schon."
Dieser Artikel ist erschienen am 13.12.2001