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Junge Talente fördern

Von Kerstin Schneider
Kinder mit besonderen Begabungen oder mit Schulproblemen finden im Internat oft eine Alternative zur Regelschule.
"Internate bieten Lernalternativen", macht Volker Ladenthin, Erziehungswissenschaftler an der Universität Bonn, deutlich. Doch welche sind das eigentlich? In den Hochglanzbroschüren sieht die Internatswelt so bunt und fröhlich aus, dass sich mancher Erwachsener wünscht, noch einmal dazu gehören zu können. Kinder lernen reiten, segeln, töpfern und musizieren. Dazu kommt die oft reizvolle landschaftliche Lage der Häuser an der See oder in den Bergen.Doch für Eltern ist es wichtiger zu wissen, was das Internat jenseits der bunten Bilder repräsentiert. Einen guten Einstieg bieten Informationen über die Lernkultur und das pädagogische Konzept, die jedoch oft erst im Gespräch mit den Pädagogen klar umrissen werden können. Oft lässt sich auch über besondere Angebote herausfinden, wohin ein Kind gut passen könnte. Der erste Rat von Volker Ladenthin an die Eltern heißt daher: "Sprechen Sie mit Schulleitern und Erziehern, fragen Sie andere Eltern, und lassen Sie Ihr Kind einmal auf Probe dort wohnen."

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Denn noch gibt es keine allgemeinen Standards und Rankings, wobei die Landerziehungsheime und die evangelischen Internate jetzt Evaluationsmodelle entwickeln wollen, wie Gert Hilscher, Vorsitzender des Verbandes Evangelische Internate Deutschland, ankündigt. Die Eltern könnten sich dann viel leichter orientieren.Ein gesamtpädagogisches Konzept hat zum Beispiel die Heimschule Kloster Wald, zu der auch ein Internat gehört. An der Mädchenschule haben die Schülerinnen die Möglichkeit, neben der gymnasialen Ausbildung einen handwerklichen Beruf zu erlernen. Drei Lehrwerkstätten gibt es: Schneiderei, Schreinerei und Holzbildhauerei. Dort werden die Schülerinnen von Meistern zur Gesellenprüfung geführt. An der Merz-Schule in Stuttgart werden die Kinder ab der Grundschule in einer der schuleigenen Handwerksstätten unterrichtet, etwa in der Druckerei oder Goldschmiede. Handwerk spielt auch im Landschulheim am Solling bei Holzminden eine große Rolle.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein Internat für musikalisch begabte Kinder und Umwelterziehung Musikalisch begabte Kinder können im musischen Internat Martinihaus in Rottenburg am Neckar Instrumente erlernen. Der Schwerpunkt liegt auf Klavier, Orgel und Gitarre, die Teilnahme am Chor ist obligatorisch. Mit ihren zusätzlichen Angeboten setzten sich die Internatsschulen dabei konsequent von den Regelschulen ab. Ein Beispiel sind die Sportinternate, die sportlich begabte Kinder aufnehmen. Informationen erteilt der Deutschen Sportbund. Wer Wintersportarten professionell betreiben will und daneben noch den Abschluss schaffen möchte, ist im Hochalpinen Institut Ftan in der Schweiz gut aufgehoben; das Institut hat eine spezielle Sportklasse eingerichtet.
Doch auch einzelne Fächer oder Projekte weisen auf das Profil einer Schule hin. Das Pädagogium Baden-Baden etwa legt besonderen Wert auf Umwelterziehung und bietet dazu verschiedene Projekte an. Im Internat Schloss Gaienhofen kann man das bilinguale Abiturfach "Wirtschaft und Verantwortung" belegen, das ein Praktikum in einem Unternehmen miteinschließt.Wer auf internationale Abschlüsse Wert legt, kann im Internat Salem am Bodensee die Schule mit dem International Baccalaureate, dem internationalen Abitur, abschließen. Der Unterricht wird auf Englisch geführt. Gefragt ist auch die Pflege internationaler Kontakte wie im Landschulheim am Solling, wo Spanisch als zweite Fremdsprache gelehrt wird und es einen Schüleraustausch mit spanischen Schülern gibt.Manche Eltern haben ganz andere Anforderungen an ihr ideales Internat: Viele Kinder kommen mit Lernproblemen wie Lese- oder Rechtschreibschwächen, andere sind demotiviert und unkonzentriert. Im Internat kann ihnen eine gezielte Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung weiterhelfen, wobei Schule und Internat gut kooperieren müssen.
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Manche Internate bieten auch psychologische Beratung für Lernschwache, vermitteln moderne Lerntechniken und lassen die Kinder in kleinen Gruppen zusammen lernen. "Viele Schüler haben die schulische Verantwortung abgegeben, sie sind jahrelang von einem Nachhilfelehrer zum anderen geschickt worden," sagt Gert Hilscher. Irgendwann müssen sie wieder verstehen lernen, dass sie für ihren Schulerfolg selbst verantwortlich sind. Hilscher ist sich sicher: "Internate helfen Kindern, selbständig zu werden." Und sie geben Kindern Halt, die einen klar strukturierten Tagesablauf brauchen.Die Website der Zentralstelle für Internatsberatung gibt einen ersten Überblick über die deutschen Internate; sie ist ein Service der Arbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz im Bildungs- und Erziehungswesen. Eine Checkliste kann den Eltern helfen, das passende Internat zu finden. Daneben gibt es zahlreiche Internatsberatungen.Erziehungsexperte Ladenthin empfiehlt, vor allem auf die räumlichen Gegebenheiten, die Kooperation mit den Eltern und Erreichbarkeit zu achten . "Wenn ich in den Ort hineinfahre und es kein richtiges Hinweisschild zum Internat gibt, macht das einen schlechten Eindruck," so Ladenthin. Da hilft das beste Lernkonzept nicht weiter.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.02.2007