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Jung-Wikinger auf Beutezug

Von Dietmar Petersen, Handelsblatt
In grauer Urzeit brachen Isländer aus Gletschereis und Feuer nach Westen auf und entdeckten Amerika. Heute gehen Islands Jung-Wikinger mit dem Scheckbuch auf Beutezug ins Ausland und investieren Milliarden in britische und skandinavische Unternehmen.
REYKJAVIK.Johannes Jonsson könnte Star eines Wildwest-Klassikers aus Hollywood sein. Irgendwie erinnert der kräftige Hüne an die Western-Legende Burt Lancaster. ?In diesem Raum ohne Fenster?, sagt Jonsson, ?habe ich angefangen.? Sein Büro liegt im Keller seines ersten ?Bonus?-Supermarktes im Zentrum von Islands Hauptstadt Reykjavik. Der Unternehmer ist niemand, der mit seinem Vermögen angibt. Fragt man ihn nach der Behauptung, er sei der reichste Mann Islands, hebt Jonssons unbeteiligt die Schultern: ?Das entspricht nicht meinem Lebensgefühl.? Weniger cool reagiert Björgolfur Thor Björgolfsson. Mit einem geschätzten Vermögen von 1,4 Milliarden Dollar kürte ihn jüngst das US-Wirtschaftsmagazin ?Forbes? zu Islands erstem Dollar-Milliardär. ?Ich bin stolz wie ein Olympia-Gewinner?, bekennt der 37-jährige Investor gegenüber dem Handelsblatt.In grauer Urzeit brachen Isländer aus Gletschereis und Feuer nach Westen auf und entdeckten Amerika. Heute gehen Islands Jung-Wikinger mit dem Scheckbuch auf Beutezug ins Ausland: Die Investoren von der Vulkaninsel im Nordatlantik haben in wenigen Jahren für Milliarden Dollar britische und skandinavische Unternehmen aufgekauft. Zu ihnen zählt auch Jon Asgeir Jonsson. 1989 kehrte er frisch vom US-College nach Reykjavik zurück und gründete zusammen mit Vater Johannes seinen ersten Supermarkt (?Bonus?), beeindruckt von den Aldi-Läden in Deutschland.

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Durch ihre preiswerten Lebensmittel und Unternehmenskäufe stiegen sie rasch zum Marktführer auf. Heute beherrscht ihre Baugur Group 45 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels und 30 Prozent des Bekleidungshandels auf der Insel. Sie sind am isländischen Vodafone-Mobilfunknetz beteiligt und haben den heimischen Medienmarkt aufgemischt: mit zwei Tageszeitungen, darunter ein Boulevardblatt, sowie Radio- und TV-Sendern.Die Londoner City staunte nicht schlecht, als der Jonsson-Sohn auf der britischen Insel aufkreuzte und kaufte. Über die Baugur Group, in der die Familie ihr Vermögen bündelt, kontrolliert er heute die Modeketten Karen Millen, Oasis, Coast und Julian Graves, die Spielwarenkette Henleys und die Schmuckläden Goldsmith. Das Vater-Sohn-Duo nahm Baugur 2003 von der Börse Reykjavik und führt sie seitdem als Investment-Firma.Der jüngste Coup der beiden, zusammen mit anderen isländischen Investoren: die Übernahme der britischen Lebensmittelkette Big Food Group (BFG) für 326 Millionen Pfund. ?Damit sind wir Englands größter Coca-Cola-Lieferant?, sagt Vater Jonsson. In Dänemark schluckten Baugur und Konsorten das traditionsreiche Kopenhagener Kaufhaus Magasin du Nord.Die Bemerkung, das Ganze sehe aus wie die ?Einkaufsliste des Weihnachtsmannes?, kontert Jon Asgeir Jonsson: ?Als private Investoren genießen wir den Luxus, Fragen von Journalisten nach unserer Strategie nicht beantworten zu müssen.? Dann schiebt er nach: ?Wir investieren in Unternehmen mit starken Marken, starkem Management und mit Wachstumspotenzial.? In der Regel strebe Baugur die Kontrolle an, mit Beteiligungen von über 40 Prozent bis zu 90 Prozent. Die von Baugur beherrschten Unternehmen beschäftigten 50 000 Menschen und erzielten einen Umsatz von zehn Milliarden Euro, ergänzt Vater Johannes.Spektakulärer baute Thor Björgolfsson sein Vermögen auf. Der Sprössling einer Großbürgerfamilie verschiffte Anfang der neunziger Jahre zusammen mit seinem Vater und seinem Freund Magnus Thorsteinsson eine komplette Brauerei ins russische St. Petersburg. Die durstigen Russen machten sie zur Goldgrube. Das lockte den niederländischen Bierkonzern Heineken an. Der legte 2002 rund 330 Millionen Dollar auf den Tisch und kaufte die Brauerei.Björgolfsson junior steckte die 110 Millionen, die er persönlich bekam, in den Aufbau seines eigenen Vermögens. Daneben kümmert er sich um die Mehrung des Familienreichtums. Heute besitzt er direkt oder über die Holding der Familie Beteiligungen an vier von Islands zehn größten Unternehmen, so an der Landsbanki (45 Prozent), der größten Bank Islands, ferner an dem Generikahersteller Actavis.Thors Freund Thorsteinsson investierte seine Heineken-Millionen in die Avion Group, einen Komplett-Dienstleister für die Luftfahrtbranche, einschließlich Flugzeugen, Personal und Wartung. Unter ihrer Flagge fliegen weltweit 66 Maschinen. ?Wir wollen die Nummer eins in der Welt werden?, bekennt der 44-Jährige ohne Scheu. Auf die Frage nach seinem Lebenslauf fragt er: ?Wozu braucht man den?? Nur so viel lässt er raus: Er habe bereits mit 15 Jahren die Schule verlassen.In der Luftfahrtbranche bewegt sich auch Hannes Smarason. Der Tycoon dirigiert die nationale Fluggesellschaft Icelandair, von der ihm 29 Prozent gehören. Im vergangenen Jahr überraschte er die Öffentlichkeit, als Icelandair zehn Prozent am britischen Discountflieger Easyjet erwarb. Woher sein Startkapital kommt? Der 36-Jährige wippt mit dem Chefsessel und trinkt Cola aus der Flasche: ?Och ? Island bietet viele Möglichkeiten.?Als ?Boom Town? bezeichnet der in Reykjavik lebende US-Journalist Edward Weinman Island mit seinem wilden Kapitalismus. Noch in den 80er-Jahren existierte keine Börse, und die staatlichen Kreditbanken kontrollierten fast den gesamten Kreditmarkt. Kreditkarten waren genauso verboten wie Bier. Erst Mitte der 90er entfesselten Privatisierung und Deregulierung das Potenzial der 290 000 Isländer. Heute zählt die Insel zu den Wachstumsstars in Europa mit einer der niedrigsten Arbeitslosenquoten und einer der höchsten Geburtenraten.Jonsson brachte der neue Reichtum aber auch Ärger. Sein einstiger Freund David Oddsson, Langzeit-Premier bis September 2004, wurde zum Feind, als der ihm die Steuerpolizei ins Haus schickte. Jonssons Boulevardblatt ballerte zurück. Daraus erwuchs eine Verfassungskrise und für Jonsson die Lehre: ?Acht Jahre an der Macht sind genug?.Ohnehin aber zieht es die jungen Macher weg aus der Heimat. Thor Björgolfsson und Jon Asgeir Johannesson leben heute in London, Letzterer wieder als umschwärmter Junggeselle. Als Björgolfssons Vater nach einer Finanzkrise ins Gefängnis musste, schwor sich der damals 19-Jährige, die Familienehre wieder herzustellen. Das gelang ihm. ?Unser Name wird heute respektiert.?Unterdessen investieren die Jung-Wikinger weiter. Björgolfsson ist bei der Fluggesellschaft Finnair mit 6,2 Prozent eingestiegen. ?Boom Town?-Autor Weinman ist sich sicher: ?Islands junge Tycoons sind noch für manche Überraschung gut.?
Dieser Artikel ist erschienen am 19.05.2005