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Jugendwahn in Hollywood

Deutsche Filmemacher sind in Hollywood wieder was wert. In diesem Jahr hat "Das Leben der Anderen" einen Oscar gewonnen. Im vergangenen Jahr schaffte der Düsseldorfer Filmproduzent Michael Ohoven mit "Capote" in den USA den Durchbruch. karriere sprach mit dem 32-Jährigen über seinen Aufstieg in der Traumfabrik, die Sucht, jung zu bleiben, und Stars ohne Schminke.
Hallo Herr Ohoven, wie sieht Ihr Alltag aus - Party, Pool, Bikinitänze?
In Los Angeles ist das Nachtleben nicht sehr ausgiebig. Um zwei Uhr sind die meisten Clubs zu. Die Leute leben relativ gesund, stehen früh auf. Mein Alltag ist leider nicht so spannend wie das Leben von Produzenten in Filmen manchmal dargestellt wird.

Ach kommen Sie!
Ich bin meistens im Büro und am Telefon. Mittags gehe ich dann oft in die einschlägigen Restaurants, Toscana, Barneys oder The Grill in Beverly Hills, um Kontakte zu pflegen oder zu knüpfen

Die besten Jobs von allen


Dort sprechen Sie die wichtigen Leute an?
Wenn Sie in Hollywood nicht in der Lage sind, Ihr Projekt zu verkaufen und die Leute egal wo anzusprechen, dann geht es nicht

Also wenn Sie mit Steven Spielberg arbeiten wollen und der sitzt am Tisch gegenüber...
Ich würde sofort hingehen. Jeder in Hollywood weiß, dass jeder ein Projekt in der Tasche hat. In meinem ersten Jahr in L.A. fuhr ich mal im Taxi und der Fahrer fragte mich, was ich denn in Hollywood vorhabe. Ich sagte es, und prompt zog er unterm Sitz sein Skript heraus. Oder: Wenn ich an der US-Einreise bin und sage, was ich in den USA mache, passiert es mir, dass mich der Zollbeamte fragt, ob er mir nicht seinen Lebenslauf und sein Drehbuch schicken könnte

Darf er das?
Bevor ich nicht einreisen kann, sage ich auf jeden Fall, dass ich es haben will

Es könnte das Juwel überhaupt sein?
Das suchen wir tatsächlich. Es könnte gerade die Idee des Taxifahrers sein, die uns fasziniert. Deswegen sind wir grundsätzlich schon interessiert. Aber das ist auch unser Problem. Seit der Oscar-Zeit bekommen wir knapp 50 Skripts pro Tag. Wir haben drei Mitarbeiter, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als Drehbücher zu lesen. Aber momentan ist es einfach zu viel

Der deutsche Film "Das Leben der Anderen" hat in diesem Jahr den Oscar für den besten ausländischen Film gewonnen. Wie attraktiv finden Sie den deutschen Film?
Die deutschen Filmschaffenden, Kameraleute, Regisseure sind hoch kreativ und talentiert. Ich glaube auch, dass Sie international immer mehr Einfluss nehmen werden. In meinen Augen ist der deutsche Film wirklich gut. Ich würde gerne mal eine große Hollywood-Produktion nach Deutschland bringen. Die Studios sind großartig, ebenso die Postproduktion

Im vergangenen Jahr war Ihr Film für fünf Oscars nominiert und hat einen gewonnen. Wie steht man eigentlich diese mehrstündige Veranstaltung durch?
Wenn man sich mal zwischendurch die Beine vertreten will, merkt das keiner - im Fernsehen. Da gibt es nämlich diese Platzfüller: elegant gekleidete Damen und Herren im Smoking oder Abendkleid. Die stehen draußen an den Ausgängen, haben kleine Kettchen mit der Aufschrift "Seat-Filler" und springen dann für einen ein - solange man nicht da ist

Was hat sich für Sie seit der Oscar-Nominierung geändert?
Es ist zum ersten Mal so, dass mich Studios anrufen und fragen, was unser nächstes Projekt ist und dass sie es gerne finanzieren würden. Bei "Butterfly on a Wheel" mit Pierce Brosnan und Maria Bello ging es so und bei meinen aktuellen Projekten auch. Die Tür zu den großen Studios ist zurzeit wirklich sehr offen

Wie kommt man von Düsseldorf nach Hollywood?
Ich habe erst Abitur in Düsseldorf gemacht und danach eine Banklehre. Zum BWL-Studium ging ich nach Köln, nach dem Vordiplom zu RTL. Ich habe einfach gemerkt, dass ich lieber direkt loslegen und arbeiten wollte. Nach zwei Jahren zog ich nach Amerika

Ohne Helmut Thoma hätten Sie den Absprung wohl nicht geschafft?
Thoma war mein erster großer Mentor im Filmbusiness. Bei RTL kam ich direkt zu ihm ins Generalsekretariat. Da war ich aber unter den 70 Leuten höchstens ein Generälchen. Ich bereitete Bilanzpressekonferenzen vor und konnte beobachten, wie die großen Verträge mit den US-Studios, Millionendeals, bei RTL gemacht wurden. Das war spannend. Thoma hat mich damals wirklich an seine Seite genommen. In der Zeit habe ich meinen heutigen Partner Bill Vince bei Infinity kennen gelernt. Und mit Thomas Vermittlung konnte ich in Amerika die ersten wichtigen Kontakte zu Anwälten und Studiobossen knüpfen

Sie waren 25 Jahre alt. Wird man da von großen Studiobossen ernst genommen?
Sehr. Die ersten sechs Monate in den USA waren für mich ja reines Klinkenputzen, also ein großes Kennenlernen und Händeschütteln. Anfänglich hatte ich tatsächlich große Zweifel, ob mich die Leute überhaupt ernst nehmen. Es gab aber ein paar Schlüsselmomente, zum Beispiel ein Gespräch mit dem damaligen Chef von Universal, der knapp 60 Jahre alt war. Der hat sich bei mir sehr höflich entschuldigt, dass er eigentlich aus der Zielgruppe Hollywoods schon raus wäre. Und der meinte das wirklich ernst! Die Leute in Los Angeles haben einen enormen Respekt vor dem jugendlichen Alter. Da herrscht Jugendwahn. So war zunächst meine Jugend das größte Kapital, das ich zu bieten hatte

Gibt es in L.A. also eine Art Jugend-Neid-faktor?
Ja, den gibt es. Der Neidfaktor ist nicht, dass wir Erfolge mit unserem Unternehmen oder den Filmen feiern, sondern die Tatsache, dass wir so jung sind. Jugend ist das größte Gut in Hollywood

Was tun Sie, wenn Sie in Hollywood alt sind?
Ach, man kann doch auch noch mit 40, 50 oder 60 gute Filme produzieren. Das Jugendargument gilt natürlich nicht sehr lange. Irgendwann läuft der Vorteil aus. Er hilft einem beim Einstieg. Und dann muss man gute Resultate bringen

Wie kriegt man Kontakt zu den Entscheidern?
Man lässt sich ganz einfach einen Termin in den Büros der Agenten, der Studios und Distributoren geben und versucht dann, die Leute von sich und seiner Idee zu überzeugen. Am Anfang saß ich zum Beispiel mit Jeff Berg von der Künstleragentur ICM zusammen. Wir haben uns sofort gut verstanden und er wollte mir Projekte zuschicken. Ich wohnte damals im Beverly Laurel Motor Inn - weiß Gott nicht das Beverly Hills Hotel. Eher eine ziemlich berüchtigte Hoteladresse... ...da hat man Ihnen vertraut?
Natürlich sichern die sich auch ab. Die haben schon einen gewissen Background-Check gemacht. Jeff sagte später, das hätte mich für ihn erst richtig sympathisch gemacht, dass ich im Motor Inn wohnte

Mittlerweile haben Sie Ihre eigene Villa?
Ich wohne jetzt in Beverly Hills

Wer sind Ihre Nachbarn?
In der Gegend leben eine ganze Menge Agenten und Schauspieler, Demi Moore oder Mark Wahlberg zum Beispiel

Erkennt man die ohne Schminke?
Ja. Aber wissen Sie, wenn man Stars mal näher kennen lernt, sind die eigentlich fast alle recht easy going. Wenn der rote Teppich und die tolle Sonnenbrille verschwunden sind, dann merkt man sehr schnell, dass die ziemlich normal sind

Wichtiger als die Stars ist wohl das Gerede über die Stars?
Absolut. Das ist sogar das Entscheidende. Das beste Marketinginstrument für die Promotion von Filmen. Es gibt Agenten, die die Gerüchte absichtlich streuen - das gehört zum Geschäft

Interessiert Sie das?
Privat nicht. Aber beruflich insofern, dass ich natürlich wissen will, wie die Öffentlichkeitswirkung dieser oder jener Person ist.

Werden Sie wie Hitchcock mal durch Ihre Filme laufen?
Das wird es nicht geben. Weit hinter der Kamera fühle ich mich ziemlich wohl

Die Fragen stellte Martin Roos

Michael Ohoven, 32, ist seit 2000 Geschäftsführer der Produktionsfirma Infinity Media mit Büros in Düsseldorf, Los Angeles und Vancouver. Mit Bill Vince, 40, produzierte er in den USA Filme wie "Saved" mit Mandy Moore und Macaulay Culkin, "Confidence" mit Dustin Hoffman, "Der menschliche Makel" mit Nicole Kidman oder "Evelyn" mit Pierce Brosnan. 2006 gewann Philip Seymour Hoffman in Ohovens Film "Capote" den Oscar für die beste Hauptrolle.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.04.2007