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Jürgen Thumann: Der Leise-Sprecher

Von Christoph Nesshöver, Handelsblatt
Der Mittelständler Jürgen Thumann wird Ende des Monats Präsident des BDI. Er will mit einem neuen Stil punkten: Höflichkeit und leise aber nicht weniger eindringliche Worte.
MARSBERG. Konsul. So wurde er angeredet. Weil er es war. Weil er sich Respekt verdient hatte. Mit seinem Lebenswerk. Seiner untadeligen Erscheinung. Seiner formvollendeten Höflichkeit, die auch Grobianen, denen er in Geschäft oder Gesellschaft begegnete, den Zahn zog. Johann Buddenbrook.Es war das Lübeck um 1835, das Thomas Mann 1901 in seinem Familienroman beschrieb. Das Lübeck von Jürgen Thumann liegt 70 Kilometer nordwestlich von Kassel, verborgen hinter den Wäldern des Hochsauerlandes. Marsberg. Von hier aus hat Thumann mit seiner Firma H&T die Weltmärkte erobert. Hier liegen die Wurzeln des Mannes, der Ende November zum neuen Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) gewählt werden soll.

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Gleich hinter der Glastür steht er, ist herunter gekommen, um die Gäste zu begrüßen. Wie es sich gehört. Der warme Händedruck zieht hinein, heraus aus dem Schneegestöber. ?Seien Sie willkommen?, sagt eine väterliche Stimme. 1,90 Meter Format. Im dunkelblauen Blazer das Einstecktuch eines Herrn, nicht das eines Blenders. Man möchte ihn mit ?Herr Konsul? anreden, obwohl er das gar nicht ist. Ist dieser Mann zu höflich für den BDI?Deutschlands oberster Industrieller, der Präsident von 102 000 Unternehmen, das ist schon lange die Domäne von Laut-Sprechern. Da war Tyll Necker, der Kanzler Helmut Kohl öffentlich den Rücktritt nahe legte. Da war Hans-Olaf Henkel, der mit seinen Philippiken pro Markt sogar das eigene Lager spaltete. Da ist Michael Rogowski, der die Mitbestimmung als ?Irrtum der Geschichte? geißelt und die Kämpfe mit Politikern und Gewerkschaften gern live ausficht bei den ?Christiansens? dieser TV-Republik.Und nun Jürgen Thumann, ein Fabrikant im besten Sinne des 19. Jahrhunderts? Für den BDI wäre er ein Stilbruch. ?Ich möchte Stetigkeit und Nachhaltigkeit reinbringen in die öffentliche Debatte?, sagt der künftige BDI-Chef. ?Aufgeregtheiten? mag er gar nicht. ?Im kleinen Kreis? möchte er werben für seine Ideen. ?Aber unterschätzen Sie nicht, dass ich Westfale bin. Westfalen sind bekanntermaßen stur.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mit 19 Jahren den Familienbetrieb übernommenSeine Herkunft hat ihn geprägt, dieses raue Land mit seinen stillen Menschen, Deutschlands mittlerer Westen. Mit 19 Jahren muss Thumann den Familienbetrieb übernehmen. Der Vater war zu früh gestorben.Stahl ist das Geschäft des gelernten Kaufmanns, von Anfang an. Tiefziehteile, Innen-Grafitierung, prismatische Batterien ? das ist sein Vokabular, wenn Thumann von seinen High-Tech-Produkten spricht. Und der 63-Jährige denkt seit jeher global. Bereits Mitte der 70er kauft er in den USA zu, später auch in England, baut Werke in China, Hongkong, Singapur, Japan. ?Der Standort hier in Marsberg wäre gar nicht mehr existent, hätten wir uns nicht internationalisiert?, sagt Thumann.24 Werke betreibt die Heitkamp & Thumann Group. Kunden sind Autobauer, Pharmakonzerne, Batteriehersteller. 280 der 2 000 Mitarbeiter arbeiten in Marsberg. Die Geschäfte laufen gut. 2005 soll der Umsatz von 350 auf 387 Millionen Euro steigen. Gut 30 Millionen Euro wird H&T pro Jahr investieren. So wird die Kapazität der Aerosoldosenproduktion, die H&T in Marsberg für Glaxo Smith Kline herstellt, auf 300 Millionen Stück verdreifacht. Und Gewinne? Thumann tadelt sanft: ?Wir sind ein Familienunternehmen . . .? ? H&T sei ?profitabel und gesund?.Pling, pling, pling macht es im Sekundentakt. Hinten läuft ein Stahlband in einen Schlitz, vorne fallen aus der Presse die fertigen Hülsen in einen Eimer. Dieses Jahr hat es in Marsberg bei H&T schon 1 563,7 Millionen Mal ?pling? gemacht. Das zeigen die roten Leuchtzahlen, die zwischen den Pressen TP29 und TP30 an der Wand flimmern.Ende des Jahres werden es zwei Milliarden Hülsen sein, die H&T an Firmen wie Varta, Panasonic und Energizer geliefert hat: Die machen aus den Hülsen Batterien. Der Weltmarktanteil von H&T bei Batteriehülsen liegt bei 50 Prozent. Thumann hält die Hülle einer zukünftigen 1,5-Volt-Batterie hoch für einen Fotografen. Das ?Cheese? fürs Objektiv fällt ihm schwer. Es blitzt. Erleichtert lädt Thumann mit knapper Geste in die nächste Halle ein, wo die Hülsen gewaschen und verpackt werden. Der Chef ist der Letzte, der durch die Tür geht. Der Gast zuerst.Lesen Sie weiter auf Seite 3: "Ich hoffe, mit meinem Auftreten Gehör zu finden"Andere sind nicht so höflich. Als Thumann als Präsident des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung (WSM) eine Kampagne startete zur Sicherung der Rohstoffversorgung Deutschlands, fiel ihm sein Partner in den Rücken. RAG-Chef Werner Müller sprach von neuen Kohlezechen. ?Das war nicht vereinbart?, sagt Thumann enttäuscht. Subventionen sind ihm ein Gräuel. Und dann schiebt er nach: ?Alt ist, wer aufhört zu lernen.??Er wird noch viel lernen müssen?, sagt Diether Klingelnberg, Ex-Präsident des VDMA aus dem oberbergischen Hückeswagen. Der Familienunternehmer kennt Thumann ?von vielen gemeinsamen Flügen nach Berlin?. Zusammen saßen sie jahrelang im BDI-Präsidium. ?Ich schätze seine Besonnenheit, seine politische Unabhängigkeit und seine klaren Aussagen?, sagt Klingelnberg. ?Aber der Posten des BDI-Präsidenten ist einer, in den man hineinwachsen muss, das war auch bei Henkel nicht anders.?Kann ein BDI-Präsident immer höflich bleiben? Auch ihm platze schon mal der Kragen, sagt Jürgen Thumann. Aber: ?Ich will der bleiben, der ich bin. Und ich bin von Natur aus höflich. Ich hoffe, mit meinem Auftreten Gehör zu finden, und ich hoffe, dass mir die Menschen vielleicht deswegen besser folgen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 15.11.2004