Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Jürgen Stark ? Ein Mann mit Biss

Von H. Kurm-Engels
In der Sache kompetent, politisch und international erfahren, kantig, durchsetzungsstark und meist ernst ? das ist der neue deutsche Vertreter im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB). Jürgen Stark wird das Ernennungsverfahren mit Bravour passieren. Die Qualifikation des gebürtigen Pfälzers ist über jeden Zweifel erhaben. Der gestandene Notenbanker und Währungsfachmann sitzt bald auf einen der einflussreichsten Posten der europäischen Geldpolitik.
FRANKFURT. In der Sache kompetent, politisch und international erfahren, kantig, durchsetzungsstark und meist ernst ? das ist der neue deutsche Vertreter im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB). Jürgen Stark wird das Ernennungsverfahren mit Bravour passieren. Die Qualifikation des gebürtigen Pfälzers ist über jeden Zweifel erhaben.Die gleichen Wechselspiele der Politik, die ihn in der Vergangenheit bei der Besetzung von Spitzenpositionen zwei Mal leer ausgehen ließen, spülen den gestandenen Notenbanker und Währungsfachmann jetzt auf einen der einflussreichsten Posten der europäischen Geldpolitik.

Die besten Jobs von allen

Der damalige Finanzstaatssekretär unter Bundesfinanzminister Theo Waigel wäre wohl Nachfolger von Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer geworden, wenn die CDU 1998 die Bundestagswahl gewonnen hätte. Doch Bundeskanzler Helmut Kohl verlor gegen Gerhard Schröder, und dieser entschied sich für das SPD-Mitglied Ernst Welteke.Als Welteke 2004 zurücktrat, wäre Stark der natürliche Nachfolger gewesen, wenn nicht politische und persönliche Antipathien den Ausschlag gegeben hätten. Er war der Liebling der Finanzmärkte. Bundesfinanzminister Hans Eichel bestand dennoch auf Wirtschaftsprofessor Axel Weber für die Bundesbankspitze. Stark, der in der damals schwersten Krise der Institution diese kommissarisch leitete, blieb die Anerkennung für sein nach innen und nach außen vorbildliches Verhalten versagt. Er setzte sich für die Bundesbank ein, schützte Welteke und suchte die Kooperation mit der Bundesregierung.Für den 57-Jährigen wendete sich das Blatt im Mai mit Schröders Ankündigung, die Bundestagswahl vorzuziehen. Wären Schröder und Eichel noch ein Jahr länger im Amt geblieben, wäre der CDU-nahe Notenbanker bei der Nachfolge von EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing wahrscheinlich erneut übergangen worden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kompromisslos zieht Stark gegen die ausufernde Staatsverschuldung zu Felde und geißelt jede Aufweichung der FinanzmoralAuf internationalem Parkett hatte sich der promovierte Ökonom bereits profiliert, als er 1998 vom Finanzministerium in die Bundesbank wechselte. Als Kohls persönlicher Beauftragter bereitete er die Weltwirtschaftsgipfel vor. Als Waigels Chefunterhändler handelte er den Stabilitäts- und Wachstumspakt mit aus. Und nach der asiatischen Finanzkrise war er von deutscher Seite in die Verhandlungen eingebunden.Aus Bonner Zeiten steht Stark in dem Ruf, ein Mann der Tat zu sein? ein Mann mit Biss, der sich nicht scheute, Pflöcke zur Wahrung deutscher Interessen einzurammen. Den politischen Stallgeruch von damals hat er aber rasch abgestreift. Als Vize der Bundesbank nimmt er deren internationale Beziehungen wahr. Internationale Institutionen bleiben von seiner bissigen Kritik ebenso wenig verschont wie Regierungen.Stark gilt als überzeugter Stabilitätspolitiker ? in der Finanz- und in der Geldpolitik. Kompromisslos zieht er gegen die ausufernde Staatsverschuldung zu Felde und geißelt jede Aufweichung der Finanzmoral. Geldpolitisch ist er fest in der monetaristischen Tradition der Bundesbank verankert, die weder im EZB-Direktorium noch im EZB-Rat viele Anhänger hat. Von daher wird Stark es in seinem neuen Umfeld möglicherweise nicht leicht haben. Auf jeden Fall wird er das Lager der ?Falken? bereichern. Seine Einflussmöglichkeiten in seiner neuen Position werden stark davon abhängen, welche Aufgaben er im Direktorium übernimmt. Dass er Issing beerbt, gilt allerdings als unwahrscheinlich.Stark hat in seiner Frankfurter Zeit an Charme gewonnen. Nach seinem Erfolg könnte er ruhig einmal öfter lächeln ? als Ausdruck europäischer Verbindlichkeit.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.12.2005