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Jürgen Hogrefe steht für neue Generation von Lobbyisten

Von Dieter Fockenbrock, Berlin
Dunkle Hinterzimmer meidet Jürgen Hogrefe. Dann schon eher das ?Café Einstein? an Berlins Flaniermeile Unter den Linden. Dort ist nichts geheim ? ein geeigneter Arbeitsplatz für den 55-Jährigen. Hogrefe ist Lobbyist und steht dazu. Dabei hat es sein Berufsstand derzeit schwer.
HB DÜSSELDORF. Hogrefe ist Lobbyist und steht dazu. Dabei hat es sein Berufsstand derzeit schwer. Mauschelei und Schieberei sollen sie betreiben, die Einflüsterer, die im Unternehmensauftrag in die Hauptstadt gesandt werden. Affären um Abfindungen und nebulöse Zweitjobs für Politiker wirken nach.Hogrefe scheut trotzdem nicht die Öffentlichkeit: Er steht für eine neue Generation hauptberuflicher Interessenvertreter.

Die besten Jobs von allen

Im ?Einstein?, ganz hinten an den weiß eingedeckten kleinen Bistrotischen jenseits der Bar, lässt es sich in Ruhe plaudern. Geheim ist der Treffpunkt auch nicht: Das Café ist der Zoo-Ersatz für Hauptstadttouristen, die statt Löwen lieber Volksvertreter sehen wollen. Am liebsten natürlich einen Minister ? damit lässt sich daheim wunderbar prahlen.Diese Mischung aus politischem Treffpunkt und Attraktion ist nicht jedermanns Sache. Doch die wachsende Schar der modernen Lobbyisten mag das. Ihre offiziellen Berufsbezeichnungen sind so vielfältig wie blumig. Hogrefe fungiert als ?Generalbevollmächtigter Leiter Wirtschaft, Politik und Gesellschaft? des Karlsruher Energiekonzerns EnBW. Sein Kollege Hansgeorg Hauser von der Commerzbank trägt den schönen Namen ?Beauftragter des Vorstands? und ist zugleich stellvertretender Chef der Berlin-Repräsentanz. Der Siemens-Cheflobbyist Edward Krubasik beeindruckt gar mit dem Titel eines Mitglieds im Zentralvorstand.Ohne Glaubwürdigkeit kein EinflussDer Berufsstand der Lobbyisten ringt um seine Reputation. Nicht nur, dass ?da unter dieser Berufsbezeichnung viele Kriminelle unterwegs sind?, beklagt Hogrefe unter Hinweis auf den Waffenhändler Karlheinz Schreiber. Auch die jüngsten Affären um Gehaltszahlungen und Abfindungen für Berufspolitiker wie Laurenz Meyer (CDU) oder Jann-Peter Jansen (SPD) schaden dem Image der hauptberuflichen Repräsentanten deutscher Konzerne. Für Hogrefe zeigen die lukrativen Nebenjobs der Politiker nur eines: ?Das völlig falsche Verständnis mancher Unternehmen von Interessenvertretung. Verdeckte Lobbyarbeit?, sagt der gelernte Journalist, ?ist Lobbyismus von gestern.?Marco Althaus, Direktor des Instituts für Public Affairs in Potsdam, pflichtet ihm bei: Die Geheimniskrämerei um bezahlte Berufspolitiker nähre nur den Generalverdacht gegen einen ganzen Berufsstand.Dabei brauchen die Lobbyisten vor allem eines: Glaubwürdigkeit. Denn sie wollen Einfluss nehmen, bei Politikern und Ministerialbeamten, um die Gesetzgebung in ihrem Interesse zu beeinflussen. Und in der breiten Öffentlichkeit, um das Image ihrer Arbeitgeber zu verbessern.Boomende BrancheFür Hogrefe heißt das nicht nur Überzeugungsarbeit bei den Ministern Clement oder Trittin wenn die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes ansteht. Es ist zugleich Schwerstarbeit, wenn EnBW und seine Wettbewerber wegen Strompreiserhöhungen als Abzocker angeprangert werden.Die Branche boomt. Etwa 100 Firmen, schätzt Lobbyexperte Manuel Lianos, haben seit dem Regierungsumzug in Berlin eine Repräsentanz eröffnet. Manche üppig, wie Bertelsmann mit der wieder aufgebauten Stadtkommandantur gegenüber dem Zeughaus. Andere, wie der Stromkonzern Eon, residieren in einer Altbauetage ? immerhin aber mit der Topadresse ?Unter den Linden?. Kleinere Firmen begnügen sich mit einfachen Bürohäusern. Aber alle suchen die Nähe zur Macht, drängen in das neue Zentrum der Stadt. Und mittendrin liegt das ?Einstein?.Allein die Unternehmen beschäftigen mehrere hundert Mitarbeiter für politische Kontakte in Berlin, hinzu kommen 1 900 Verbände und Organisationen mit ihren Geschäftsführern oder Repräsentanten. Die Branche ist inzwischen so dicht besetzt, dass sich sogar ein eigenes Fachmagazin lohnt. ?Politik + Kommunikation? heißt das Blatt, dessen Chefredakteur Lianos ist und das regelmäßig über Trends und vor allem Personalien aus der Szene berichtet.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Netzwerke sind allesNetzwerke sind in diesem Job alles. Die hat Hogrefe in 18 Jahren beim ?Spiegel? knüpfen können. Auch die Deutsche Telekom oder der Autokonzern Daimler-Chrysler haben die Posten ihrer Cheflobbyisten mit Journalisten besetzt. Ex-FAZler Michael Inacker ist jetzt in Sachen Automobilbau unterwegs, Peter Heinacher, einst beim Handelsblatt, vertritt Telekom-Interessen.Andere Konzerne setzen auf Politiker. Monika Wulf-Mathies, ehemalige Gewerkschaftsführerin und EU-Kommissarin, arbeitet für die Post, Reinhard Klimmt, früher Ministerpräsident und Bundesverkehrsminister, für die Bahn.Sie alle stehen vor der Frage: Wann muss ich an den richtigen Schrauben drehen? Hogrefe bezeichnet sich deshalb lieber als ?Maschinist? denn als Lobbyist.Und dabei geht es nicht nur darum, Politiker im Sinne seines Arbeitgebers zu beeinflussen. Sein Job sei es auch, gesellschaftliche Veränderungen rechtzeitig aufzuspüren und zu transportieren ? darauf legt Hogrefe großen Wert. ?Der Gesellschaft ist es nicht mehr gleichgültig, wie es in den Unternehmen zugeht.? Schon deshalb müsse die ?Lobbyarbeit aus den Hinterzimmern raus?.Vita von Jürgen Hogrefe1949 wird er am 21. April im niedersächsischen Bergen geboren.1978 schließt er sein Studium der Publizistik, Politik und Lateinamerikawissenschaften an der FU Berlin ab und volontiert bei der ?Hannoverschen Zeitung?.1980 beginnt er, Radio- und Fernsehdokumentationen für die ARD zu drehen. Schwerpunkt: Entwicklungspolitik.1983 vertritt er ein Jahr lang als Pressesprecher die Grünen im niedersächsischen Landtag.1985 startet er beim ?Spiegel?, zunächst im Büro Hannover, später als Redakteur in der Hamburger Zentrale und für vier Jahre als Nahostkorrespondent in Jerusalem.2003 übernimmt er die Leitung des Bereichs Wirtschaft und Politik für den Stromkonzern EnBW in Berlin.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.01.2005