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Jürgen Heraeus: ?Vertrauen ist das Wichtigste?

Von Peter Brors und Christoph Hardt
Wie Jürgen Heraeus ein uraltes Familienunternehmen mit 188 Gesellschaftern, 10 000 Mitarbeitern und weltweit ungezählten Tochterfirmen zusammenhält.
Jürgen Heraeus
HB HANAU. Sohn sein kann furchtbar sein. An jeder Ecke der zunächst kleinen Welt auf den Schatten des Vaters zu stoßen. Keine Luft zu haben zum Atemholen, keinen Raum fürs eigene Selbstbewusstsein. Das Lächeln der Leute, die einen begrüßen, als wüssten sie immer schon, wer da kommt. Gefährlich nahe liegt hier der Teufelskreis aus hohen Erwartungen und immer größeren Enttäuschungen.Liebe ist es nicht, die anklingt, wenn Jürgen Heraeus von seinem Vater spricht. Sicher, Heraeus hat noch nie seine Gefühle zu Markte getragen. Dennoch verwundert die Distanz, mit der der Aufsichtsratschef des Hanauer Familienkonzerns über seinen Vater redet. Erst später erschließt sich, dass diese Distanzierung Methode hat. Sich die Gefühle vom Leib zu halten, um als Chef nüchtern analysieren und ein weit verzweigtes Familienunternehmen am Leben erhalten zu können. Jürgen Heraeus weiß es längst: ?Das Vertrauen, das mein Vater mir gegeben hat, das war das Wichtigste.?

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Wollte man diesem Mann Böses, würde man das betont Uneitle an ihm als Form der Eitelkeit tadeln, so deutlich schlägt es in der Glamourwelt der Reichen aus der Art. Dabei ist Jürgen Heraeus keiner, der sich versteckt wie die alten Aldi-Krämer aus Mülheim, er nimmt Verantwortung vielfältig und öffentlich wahr, ist als Funktionär und Mäzen präsent, er redet gern und gehaltvoll über Unternehmensethik. Doch spricht er zu den Menschen, dann ist es, als wollte er sein Ego einfach nicht nach draußen lassen, um ganz und gar Funktion zu sein. ?Jürgen Heraeus ist ein bescheidener Mensch?, sagt Unternehmerkollege Randolf Rodenstock.Jürgen Heraeus nimmt es sehr ernst mit der Aufgabe, das Unternehmen als Familienkonzern zu erhalten. Man muss ihn wohl länger und gut kennen, um zu erkennen, wie sehr ihm das auch Freude bereitet. 1963 ist der angehende Doktor der Ökonomie mit Kommilitonen und Professor auf Exkursion, von der Universität München über das Saarland bis nach Hanau, ins Werk der Familie. Heraeus ist als Dozent bei Edmund Heinen unter Vertrag, einem strengen, aber innovativen Experten für Kostenrechnung. Der Empfang im Familienbetrieb ist freundlich, doch der Professor kommt schnell zur Sache. ?Welche Investitionsplanungsmethode bevorzugen Sie?? fragt Heinen Heraeus senior.Die Antwort des Vaters wird der Sohn nie vergessen, in diesem Augenblick würde er am liebsten im Boden versinken. Denn Reinhard Heraeus denkt einen Moment nach und zeigt dem Professor seinen peilenden, nach oben gestreckten Daumen.Wohl auch deshalb gilt das Kostenmanagement des Hanauer Edelmetallkonzerns seit jenem Moment bis heute als vorbildlich. Jürgen Heraeus hat so manche Stunde seines Unternehmerdaseins damit verbracht, die Kostenstellensystematik so weit wie möglich zu optimieren. ?Kosten, da sind wir sehr diszipliniert?, sagt der heutige Aufsichtsratschef.188 Familiengesellschafter hat das Unternehmen, Heraeus und seine beiden Geschwister kommen auf etwa 25 Prozent Stimmenanteil in der Gesellschafterversammlung. Damit kann man allenfalls verhindern, nicht gestalten. In diesem Sinne also hat Jürgen Heraeus nie wirklich Macht gehabt. Und doch hat er in den nunmehr fast 42 Jahren, die er für die Firma mit seinem Namen Verantwortung trägt, so viel bewirkt, dass seine Ära als eine Blütezeit in die nun schon über 150-jährige Firmengeschichte eingehen wird.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Heute gehört Heraeus zu den internationalsten Familienkonzernen der Republik.Heute gehört Heraeus zu den internationalsten Familienkonzernen der Republik, das Unternehmen ist vom Edelmetall-Verarbeiter längst zum hoch entwickelten Technologiekonzern geworden, der in vielen Nischen Weltmarktführer ist. Heraeus fertigt Dentalwerkstoffe und Sensoren, Quarzglas und Infrarotstrahler, ist als Zulieferer für die Auto- und Luftfahrtindustrie tätig, für die Telekommunikations- und Chemiebranche, für die Medizintechnik und die Stahlverarbeitung. Der Konzern erreicht mit über 10 000 Mitarbeitern in mehr als 100 Gesellschaften einen Umsatz von über acht Milliarden Euro. Schon Ende der 70er-Jahre setzt die Firma im Ausland mehr um als in Deutschland. Deutlich mehr als die Hälfte der Beschäftigten arbeitet im Ausland.Die Geschichte der Familie ist alt, sehr alt, auch das mag etwas erklären. Am 18. Mai 1611 tritt ein gewisser Johann Heer aus dem Dorf Wetter an der Lahn in das Pädagogikum von Gießen ein. Für die höhere Schule latinisiert er seinen Familiennamen und meldet sich als Johannes Heraeus am Gymnasium an. Später wird Dr. med. Heraeus Karriere machen und, von den Wirren des Dreißigjährigen Krieges durch Deutschland getrieben, als Hofmedikus und Apotheker in der herzoglich-mecklenburgischen Residenz von Güstrow landen. Johannes Heraeus gründet eine Dynastie von Apothekern und Naturwissenschaftlern, der nicht nur der Forschergeist im Blut liegt, sondern, da darf man historischen Quellen Glauben schenken, auch die Sparsamkeit.Johannes? Sohn Isaac lernt beim Vater Apotheker, begibt sich auf Wanderschaft und kommt ins Hessische. In Hanau hat der Tüchtige Glück, er wird Provisor in einer Apotheke und heiratet kurz darauf die erst 21-jährige Witwe seines bisherigen Chefs. Jetzt gehört das Geschäft ihm, nach neun Jahren ist er so wohlhabend, dass er am Hanauer Markt ein großes Haus kauft und dort sein neues Lokal eröffnet. Seiner Apotheke gibt er den Namen ?Zum weißen Einhorn?.Sechs Generationen von Apothekern haben den Stolz auf das Er-reichte weitervererbt, als Wilhelm Carl Heraeus 1851 die ?Einhorn?-Apotheke aus den Händen seines Vaters übernimmt. Das Schmelzen von Metallen gehört für den Apotheker in Hanau damals zum alltäglichen Geschäft. Doch mit einem Metall gibt es Schwierigkeiten: Platin. W.C. Heraeus jedoch nimmt es mit dem extrem hohen Schmelzpunkt (1 772 Grad Celsius) des Edelmetalls auf. Er entwirft dazu einen Ofen, der mit einer Mischung aus Sauerstoff und Wasserstoff arbeitet. Heraeus nutzt die explosive Kraft des Gemischs zur Erzeugung hoher Temperaturen, bald schon wird er als einer der Ersten Platin in industriellem Maßstab schmelzen können. Aus ist es mit den Apothekern, aus der Familie Heraeus werden Fabrikanten.Jürgen Heraeus kommt am 2. September 1936 auf die Welt, er weiß noch, was Krieg bedeutet. Hanau gehört zu den am stärksten vom Bombenkrieg zerstörten deutschen Städten. Wer die Stadt heute besucht, der kann in all der Wirtschaftswunderarchitektur nicht mal mehr erahnen, wie beschaulich es hier einst gewesen sein muss. Auch die W.C. Heraeus GmbH ist wie nahezu die gesamte deutsche Industrie tief ins Unrechtsregime verstrickt. Das Unternehmen beschäftigt Zwangsarbeiter, profitiert von den Arisierungen einstmals jüdischer Unternehmen, der Vater von Jürgen Heraeus, Reinhard Heraeus, wird als Wehrwirtschaftsführer für Edelmetall-Beschaffung nach Berlin gerufen und arbeitet an wichtiger Stelle für Hitlers Rüstungsminister Albert Speer. Einerseits. Andererseits macht sich Reinhard Heraeus mit seinem Vetter Wilhelm für das Familienmitglied Werner Canthal stark, der nach den Nürnberger Rassegesetzen Halbjude ist.Von der Fabrik bleibt 1945 kaum etwas übrig ? mit einer Ausnahme: dem Edelmetalltresor, der noch heute das Herzstück des Stammwerks bildet. Unter einer gewaltigen Schutthalde verborgen, entgeht ein großer Teil der Platinvorräte dem Zugriff der Sieger. Die Goldvorräte hat die Firma zuvor rechtzeitig in einen Stollen auf der Schwäbischen Alb ausgelagert. So rettet das Unternehmen ein symbolisches Stammkapital über seine schwerste Zeit.Jürgen Heraeus hat nicht wirklich Hunger gelitten in diesen Monaten, Not schon. Mit Mutter, Schwester und Bruder ist er Ende 1944 in einem Behelfsheim in Untersotzbach, einem Dorf im Vogelsberg-Kreis, untergekommen. Die Mutter verdingt sich als Krankengymnastin, die Familie lebt in zwei Zimmern ohne Bad und Toilette, Jürgen ist für die Lebensmittelbeschaffung verantwortlich. ?Wir haben sogar Maikäfer gesammelt und die beim Bäcker gegen Brot getauscht, der damit seine Viecher fütterte?, erinnert er sich.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Als das Unternehmen 1951 sein 100-jähriges Bestehen feiert, liegt das Ärgste hinter ihm.Aus der Hanauer Fabrik ist zu dieser Zeit keine Hilfe zu erwarten, die Produktion liegt danieder, auch die Geschäftsführer müssen ran, um die Backsteine, die übrig sind, vom Mörtel zu reinigen. Fotos aus diesen Monaten zeigen, wie alle miteinander anpacken. In der Not hilft Heraeus die Fertigung von Produkten für den alltäglichen Bedarf: Kochtöpfe, Siebe, Tauchsieder.Als das Unternehmen 1951 sein 100-jähriges Bestehen feiert, liegt das Ärgste hinter ihm. Der erste neue Fabrikbau ist fertig, zwei Werke in Hanau arbeiten wieder. Leicht hat es der Sohn trotzdem nicht. Die Eltern lassen sich scheiden, er zieht zunächst zu den Großeltern nach Wiesbaden, besucht dort eine Mittelschule, geht erst später auf das Gymnasium in Clausthal, wo er das Abitur macht. Der Vater ist Respektsperson, nicht mehr und nicht weniger.Wie gut, dass Familie weit mehr ist als nur die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Wenn Jürgen Heraeus von den Frauen der Familie erzählt, dann wird deutlich, dass ganz entscheidend sie es sind, die das Gebilde auf ihre Art zusammengehalten haben, bis heute. ?Meine Frau ist die Chefin der Familie.?Überaus wichtig in dieser Geschichte ist Großmutter Bertha. Sie holt ihren Enkel zum Sommerurlaub nach Italien, verwöhnt ihn dort. Eines Tages nimmt sie ihn sogar mit ins Spielcasino nach Baden-Baden. ?Am Roulette-Tisch machten die Croupiers der alten Dame rasch einen Platz frei, und ganz schnell begann sie zu setzen. Sie zwinkerte mir zu und sagte: ,Ich gewinne immer?.? So muss es dann gewesen sein, ein Haufen Chips bleibt übrig, Oma Bertha weiß, wann aufzuhören ist. ?Sie schob mir einige Jetons rüber und sagte, davon kaufst du dir jetzt ein paar neue Schuhe. Der Rest ist für mich.?Jahre später, da ist Heraeus schon angehender Doktor der Ökonomie in München, wird sie ihm telegrafieren: ?Habe gehört, die Callas ist in München. Musst du unbedingt hin, Kosten egal.? Heraeus geht hin und ist im Deutschen Museum dabei, wie die Diva eines ihrer legendären Konzerte gibt. Hinterher speist der Enkel auf Kosten der Oma im Franziskaner.Dass ihm der Erfolg in die Wiege gelegt wurde, lässt sich trotz der Vorzugsbehandlung durch die Großmutter nicht behaupten. Jürgen Heraeus hat hart für seine Karriere gearbeitet, spätestens an der Universität jedoch tankt er so viel Selbstbewusstsein, dass er sich und anderen nicht mehr jeden Tag beweisen muss, was in ihm steckt. Das Studium beendet er pünktlich und gut, als Zweitbester seines Jahrgangs. ?Mein Vater hat mir Zeit gelassen und am Ende immer vertraut, das war das Wichtigste.?Lesen Sie weiter auf Seite 4:Die Promotion zum Doktor oec. publ. folgt 1963, im Januar 1964 schon tritt der Junior in die Firma ein.Da ist es wieder, das Vertrauen.Am Lehrstuhl des strengen Professors Heinen bekommt Heraeus den Job eines wissenschaftlichen Assistenten. Sein erster Unterricht geht ziemlich daneben. ?Eine so schlechte Übung habe ich noch nie erlebt?, antwortet der Professor auf die Frage, wie es gewesen sei. Das wird ihm nie wieder passieren, bis heute hat Heraeus nicht aufgehört, gerade aus eigenen Fehlern zu lernen.Die Promotion zum Doktor oec. publ. folgt 1963, im Januar 1964 schon tritt der Junior in die Firma ein. Die W.C. Heraeus GmbH ist zu dieser Zeit ein wohl geordneter, aber konservativ geführter Konzern, der sich auf einträgliche Nischen konzentriert, die allesamt mit der Metallverarbeitung zu tun haben. Am Anfang ist Heraeus Trainee im eigenen Hause. So lernt er den Betrieb von unten kennen, seine Besonderheiten, Stärken. Dazu zählt zweifellos die Identifikation der Belegschaft mit der Firma. ?Mikis? ist ein Kürzel, das viel sagt über die Firmenkultur. So werden die Kinder von Mitarbeitern genannt, die in zweiter Generation für die Hanauer tätig sind. Im Unternehmen ist es bis heute ein Ehrentitel geblieben.Aus der engen Bindung der Belegschaft ans Unternehmen erklärt es sich auch, dass Jürgen Heraeus bis heute Spaß daran hat, Gewerkschaftsfunktionäre zur Weißglut zu treiben, ohne dass dies seinem Ansehen in der Firma schaden würde. Oft genug hat er gesagt, dass Gewerkschaften in Aufsichtsräten eigentlich nichts zu suchen hätten. Immer wieder schreibt er auch in den Geschäftsberichten gegen die Macht der Funktionäre an, so 1992: ?Die konsequente Umverteilung der Einkommen von oben nach unten und die ebenso konsequente Umverteilung der Arbeitszeit von unten nach oben hat zu einer neuen Dreiklassengesellschaft geführt: Freizeitbürger, Arbeitslose und Workaholics. Die Gewerkschaften beschränken sich darauf, die vermeintlichen Belange der Freizeitbürger wahrzunehmen. Das heißt, ihnen bei vollem Einkommensausgleich noch mehr Freizeit zu verschaffen.?Er sei kein Gegner der betrieblichen Mitbestimmung, sagt Heraeus. Aber wenn es dadurch zu Schwierigkeiten in der Unternehmensführung komme, werde die Geschäftsführung ihre Konsequenzen ziehen. ?Sie müssen ein Unternehmen fest in der Hand halten, das ist keine demokratische Veranstaltung?, sagt er. Erbitterte Arbeitskämpfe sind aus Hanau dennoch nicht bekannt. Dafür gehört der jährliche Betriebsratsausflug bis heute zu den Pflichtterminen des Aufsichtsratsvorsitzenden.1966 verbringt er in den USA und übernimmt 1967 zum ersten Mal Verantwortung als kaufmännischer Leiter und Controller bei der Kölner Tochter Leybold-Heraeus. Der Vater gibt ihm den Tipp: ?Dort, wo der Saustall-Faktor am größten ist, kannst du am meisten ernten.?Schnell lernt Heraeus die rheinische Führungskultur kennen, Arbeitsbeginn ist offiziell um halb acht, die Chefs kommen um halb zehn. Der Junior wehrt sich. Bald beginnt er, seine Version von Firmenkultur zu leben: Sparsamkeit, Kostendisziplin, Verantwortung. ?Ich habe die wichtigsten Zahlen besser im Kopf als die Geburtsdaten meiner Kinder?, sagt er heute. So arbeitet er weiter von Station zu Station, wird 1970 in die Geschäftsleitung der Muttergesellschaft W.C. Heraeus berufen, übernimmt die Ressorts Vertrieb, Finanzen und Personal, er forciert die Internationalisierung und die Diversifizierung. Heraeus wird zum Zulieferer der Raumfahrt, entwickelt neue Metalle und Legierungen, steigt in die Halbleiterindustrie ein. Von 1970 an engagiert sich der Konzern gegen den Willen des Vaters in Ostasien, zunächst in Japan, später in Singapur, dann in China. Dort beschäftigt Heraeus heute 1 400 Mitarbeiter, macht mehr als eine Milliarde Euro Umsatz, die chinesischen Töchter tragen 20 Prozent zum Jahresergebnis bei. Hier produziert das Unternehmen unter anderem Feindrähte für die Chipindustrie und künstliche Zähne.1977 wird Jürgen Heraeus stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung, 1983 deren Vorsitzender. Jetzt hat der Sohn endlich die volle Verantwortung. Heraeus gilt zu dieser Zeit als ?Bauchladen?, selbst Eingeweihte haben Schwierigkeiten, sich in der Fülle der Tochtergesellschaften und Produkte zurechtzufinden. Der neue Chef wagt den Schnitt, der auch die endgültige Emanzipation bedeutet. 1985 organisiert er die grundlegendste Neuordnung in der Geschichte des Unternehmens. Er gründet die Heraeus Holding als strategische Führungsgesellschaft, darunter arbeiten sechs Teilgesellschaften in großer Selbstständigkeit. ?Wir waren das erste Familienunternehmen, das diesen Schritt gewagt hat.?Lesen Sie weiter auf Seite 5:Die Neuordnung ist Ausdruck dessen, was Heraeus unter Führung versteht.Die Neuordnung ist Ausdruck dessen, was Heraeus unter Führung versteht: ?Mikromanagement, das ist meine Sache nicht. Am Ende ist das Vertrauen in das Management entscheidend?, sagt Heraeus heute in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender mit ausdrücklichem Hinweis auf die amtierende oberste Managementebene. Dieses Vertrauen in die Leitung unter Helmut Eschwey beschreibt er ganz einfach so: ?Wir sind sehr zufrieden mit unserer Führungsmannschaft.? Tatsächlich gibt es noch kein einziges Jahr, in dem der Konzern einen Verlust gemacht hätte.Ein enger Mitarbeiter sagt über Jürgen Heraeus: ?Divide et impera, teile und herrsche, das ist das Geheimnis seines Erfolgs.? Er lasse seinen Kollegen große Gestaltungsspielräume und Freiheiten, wisse aber stets, was im hintersten Winkel des Konzerns geschehe. Geht das zusammen mit Heraeus? Behauptung, er verabscheue nichts so sehr wie Denunziantentum in der Firma? ?Es kann nur funktionieren, wenn die Belegschaft dem Chef vertraut. Er ist bis heute eine wichtige Identifikationsfigur, er verkörpert das Unternehmen?, heißt es selbst unter Angestellten, die in den Heraeus-Fabriken im Schichtdienst ihren nicht immer leichten Dienst verrichten. Von sich selbst sagt Heraeus, er sehe sich als Fürsprecher der ?moralischen Werte des ehrbaren Kaufmanns?.Das alles klingt viel zu schön, um wahr zu sein. Und so gibt es natürlich auch unschöne Kapitel in der Erfolgsgeschichte: Unglücke, Streit, Managementpannen. So besteht kein Zweifel, dass Heraeus ein Unternehmer ist, der im Zweifel auch harte Entscheidungen zu treffen weiß. Aber auch das gehört zu dem, was er unter seiner Pflicht versteht. Er prahlt nicht mit seinem Entscheidertum, pflegt im Gespräch lieber den Habitus des Nachdenklichen. Gerne fährt er sich mit der Rechten zunächst an die Stirn und dann durch das immer noch recht volle Haar, eine Formulierung, einen Satz überdenkend.Er wird im September 70 Jahre alt, das sieht man ihm beileibe nicht an. Er sitzt auch noch im Präsidium des BDI, ist Vorsitzender im Arbeitskreis China der Deutschen Wirtschaft, leitet die ?Bertha Heraeus und Kathinka Platzhoff Stiftung?, sitzt dem Aufsichtsrat der Gea Group seines Freunds Otto Happel vor, tummelt sich in Universitätsgremien.Das alles klingt, als habe er sein Feld in der Firma längst bestellt. Das aber stimmt nicht. Die Führungsmannschaft arbeitet zwar gut. Aber wo ist das künftige Bindeglied zur Familie im Unternehmen? Immerhin hat er die Devise ausgegeben, dass der Konzern auch in 50 Jahren noch ein Familienbetrieb zu sein hat.So pflegt er eine bemerkenswerte Binnenkultur, es gibt das organisierte Familienleben mit Treffen der Junggesellschafter, die offiziellen Gesellschafterversammlungen und den Wandertag wie jüngst im Harz ? all das organisiert meist seine Frau.Und so ist das, was Heraeus in der fünften Generation zusammenhält, mit Sicherheit mehr als nur Geld. Die jährliche Ausschüttung ist mit 25 Prozent des Gewinns eher bescheiden. Woher kommt also diese Kontinuität in Familie und Firma, die der Urgroßvater vor 154 Jahren gegründet hat?Die Antwort liegt in einem Begriff verborgen, den keine Kapitalgesellschaft je anzuhäufen im Stande wäre. Er heißt Vertrauenskapital.Lesen Sie weiter auf Seite 6:Sein Leben.Sein Leben: Jürgen Heraeus HerkunftJürgen Heraeus wird am 2. September 1936 in Hanau geboren. Er besucht das Realgymnasium in Wiesbaden, dann die Robert-Koch-Schule in Clausthal. Nach dem Abitur studiert er BWL in Freiburg und München. Als wissenschaftlicher Assistent promoviert er mit einer Arbeit über ?Direct Costing als Grundlage kurzfristiger Unternehmensentscheidungen?.Karriere1964 tritt er in die familieneigene W.C. Heraeus GmbH ein. Die Firma geht auf den Chemiker und Apotheker Wilhelm Carl Heraeus zurück, der 1856 ein Verfahren zum Schmelzen von Platin erfunden hat.Nach mehreren Stationen im Unternehmen wird Jürgen Heraeus 1970 zum Finanzchef berufen, 1977 zum stellvertretenden Vorsitzenden der Geschäftsleitung, deren Vorsitz er schließlich 1983 übernimmt. Er internationalisiert die Firma, diversifiziert und gibt ihr eine Holdingstruktur.Unter seiner Leitung steigt der Umsatz von drei auf acht Milliarden Euro. 2000 wechselt er als Vorsitzender in den Aufsichtsrat. Seitdem führen familienfremde Manager die Firma.UnternehmenDie Heraeus-Gruppe gehört heute 188 Gesellschaftern der Familie. Jürgen Heraeus und seine Geschwister besitzen knapp 25 Prozent der Anteile.Heraeus fertigt Dentalwerkstoffe und Sensoren, Quarzglas und Infrarotstrahler, ist als Zulieferer für die Auto- und Luftfahrtindustrie tätig, für die Telekommunikations- und Chemiebranche, für die Medizintechnik und die Stahlverarbeitung. Der Konzern erreicht mit über 10 000 Mitarbeitern in mehr als 100 Gesellschaften einen Umsatz von über acht Milliarden Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.12.2005