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Jürgen Heeg

Wie alles begann
Das erste Trimester

In Oxford angekommen war ich erstmal überwältigt von der Stadt. Wirklich alles hier strahlt diese unbeschreibliche Oxford-Aura aus. In den ersten Tagen hiess es dann natürlich ?meet the class?. Nach diversen Pub-Besuchen kannte ich bereits den Grossteil meiner Kommilitonen ? ?Wow! Das wird ein absolutes Hammerjahr!? dachte ich mir. Der durchschnittliche MBA-Student in meinem Jahrgang ist 29 Jahre alt, hat ca. 50 Staatsbürgerschaften, 6 Jahre Berufserfahrung, hat 220 Persönlichkeiten (22% davon sind weiblich), kann 3 Sprachen und hat vorher bereits als Anwalt, Ingenieur, Soldat, Arzt, Banker, Consultant, Öltankerkapitän, Geologe und Marketingexperte gearbeitet. In seiner Freizeit macht er Fussball, Rugby, Fechten, Yoga, Cricket, Rudern, Jogging, Schach, Golf, Jonglieren, mit seinen Kindern spielen, den Hund ausführen, die Katze kraulen und Kochen. Beeindruckend, oder?! Die erste Woche an der Business School verging wie im Flug mit organisatorischen Dingen und Einführungsveranstaltungen. Und nun sollte es erst richtig losgehen?

Im ersten Trimester belegen alle MBAs Decision Science, Finance I, Developing Effective Managers, Strategy, Financial Reporting und Managerial Economics. Die Vorlesungen waren echt klasse, die Diskussionen genial und die Möglichkeiten immens?aber?der Arbeitsaufwand war einfach umwerfend. Ständig Gruppenarbeiten, Einzelarbeiten, Vorbereitung auf die nächste Vorlesung, etc.; Oxford weiss wie es seine Studenten beschäftigt hält und innerhalb 8 Wochen fast in Zombies verwandelt, die jede Minute Schlaf mit Gold bezahlen würden. Das schwierigste während dieser Zeit war mich täglich aufs Neue zu entscheiden wie ich meinen Tag verbringe. Es gab immer diese Vorlesung zu der ich gehen musste, diese Case Study die ich bearbeiten musste, diese Party auf die ich gehen wollte, diesen Vortrag den ich mir anhören wollte (z.B waren Präsident Musharraf und Richard Gere für Vorträge in Oxford) und diese Recruiting-Veranstaltung zu der ich gehen wollte

Die besten Jobs von allen


Das Trimester ging vorbei wie im Flug und ruckzuck waren auch die ersten 6 Prüfungen durchgestanden (natürlich in Anzug, weisser Fliege, Talar und Blümchen am Revers, wie es sich für einen Oxford-Studenten gehört). Total ausgebrannt, um viele Erfahrungen reicher und stolz, das erste Drittel hinter mich gebracht zu haben, setzte ich mich erstmal in den Flieger nach Deutschland, um Weihnachten mit Familie und Freunden zu verbringen. Wie alles begann

MBA an der University of Oxford - "Where your best isn't good enough since 1117!

Tja, da bin ich nun und kämpfe mich schlafberaubt durch die Tage und Nächte eines MBA-Studiums an dieser altehrwürdigen Universität. Wie es dazu kam? Eigentlich lief für mich bei Siemens alles prächtig. Kraftwerke bauen im kaufmännischen Projektmanagement in einem der grössten deutschen Konzerne mit sehr guten Karriereaussichten ist eigentlich keine schlechte Sache. Doch der Drang nach mehr und die Empfehlung einer meiner Professoren weckten in mir das Verlangen, noch mal zurück an die Uni zu gehen und auf meinen Bachelor-Abschluss in International Management noch einen draufzusetzen

Nach einem überraschenderweise gut gelaufenen GMAT waren die Bewerbungsunterlagen natürlich schnell ausgefüllt und abgeschickt. Doch warum ausgerechnet Oxford? Fest stand für mich jedenfalls dass ich meinen MBA nicht in den USA machen wollte, da ich bereits ein Jahr in diesem wundervollen Land verbringen durfte. Auf meiner Shortlist landeten dann Namen wie Hong Kong University of Science and Technology, National University of Singapore, University of British Columbia, Cambridge und natürlich Oxford. Nachdem ich mich mit einigen damaligen MBA-Studenten über das Internet in Verbindung gesetzt hatte wurde für mich immer klarer, dass die Wahl auf Programme aus Grossbritannien fallen würde

Der entscheidende Punkt dabei war, dass Business Schools in Bezug auf Karrieremöglichkeiten natürlich die besten Verbindungen im regionalen Umfeld haben - also wer in Asien arbeiten möchte, sollte auch in Asien seinen MBA machen, Europa für Europa und Nordamerika für Nordamerika. Europa war dabei meine Wahl und dem Klang von "Oxford" konnte ich nicht widerstehen

Die Tage bis zur Bekanntgabe der Aufnahme oder Ablehnung durch die Uni waren unglaublich lang?und am Bekanntgabetag habe ich glaube ich meine E-mails öfter gecheckt als Bill Gates. Als dann endlich am späten Abend eine E-mail in meiner Inbox lag, las ich nur die erste Zeile: "Dear Juergen, we are delightet to inform you?" Mehr brauchte ich gar nicht zu lesen und schon lagen meine Freundin und ich uns in den Armen. Meine Tage bei Siemens waren damit gezählt

In der Zeit von März bis zum Beginn des MBAs Ende September wurde ich glücklicherweise immer wieder von der Business School mit Informationen gefüttert und bei Laune gehalten. Um nur einige der Infos zu nennen:

  • Organisation der Unterkunft in einem der Colleges
  • Kontakt mit einem Mentor aus dem damaligen Jahrgang
  • Intranet-Forum zum Austausch mit anderen zukünftige Oxford MBAs
  • Inhaltszusammenfassung der Kurse für das erste Trimester


Die Organisation der Finanzierung des MBAs stand während dieser Zeit auch auf meiner ToDo-Liste. Meine Kalkulation war wie folgt (glücklicherweise hat sich bis heute nicht viel daran geändert, da ich von meinem Mentor ziemlich gut informiert wurde):
  • Kosten des MBA: 27,500 GBP
  • College Fee: 3,000 GBP
  • Unterkunft für das Jahr: 3,000 GBP (Unterbringung im College)
  • Lebenskosten: ca. 12,000 GBP

Doch woher das Geld nehmen? Die Uni bot zwar in Kooperation mit einer Bank einen günstigen Kredit an, doch glücklicherweise konnte ich unter anderem auf meine Rücklagen (die eigentlich für einen schönen Sportwagen gedacht waren) zurückgreifen. Verkauf meines geliebten Autos, Abschied von Freunden und Kollegen, letzter Arbeitstag bei Siemens?all das ging vorbei wie im Flug und plötzlich sass ich im Wagen mit 2 Freunden und einem weiteren Deutschen, der mit mir das Abenteuer in Oxford durchmacht

Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2007