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Jürgen David gegen Jürgen Goliath

Von Christoph Nesshöver
Bei Daimler-Chrysler hat das Aufräumen nach den Schrempp-Jahren erst begonnen, auch weil dessen erbittertster Gegner nicht locker lässt. David ist ohne seine Steinschleuder gekommen zur nächsten Runde im Kampf gegen Goliath. Goliath ist daheim geblieben. Schrempp lässt sich von Christian Schertz vertreten. Eine Handelsblatt-Reportage über einen Gerichtstermin von vielen.
HAMBURG. David ist ohne seine Steinschleuder gekommen zur nächsten Runde im Kampf gegen Goliath. Seinen 304-seitigen Bestseller ?Das Daimler-Desaster? hat Jürgen Grässlin nicht dabei, als er im Landgericht Hamburg vor Saal 883 ankommt. Dafür hat Grässlin ein Lächeln mitgebracht für alle und jeden, gespeist wohl aus der Überzeugung, Recht zu haben und Recht zu bekommen ? spätestens vor dem Bundesverfassungsgericht.Goliath ist daheim geblieben. Verklagt worden ist Grässlin von Jürgen Schrempp, bis vor vier Wochen Chef von Daimler-Chrysler, und von dessen Ex-Konzern, Jahresumsatz 2004: 142 Milliarden Euro. Grässlin arbeitet als Lehrer. Schrempp lässt sich von Christian Schertz vertreten. Der ließ sich für seine Webseite von Jim Rakete ablichten, dem Starfotografen, der Stars fotografiert, wie Staranwalt Schertz sie vertritt. Nachher vertritt Schertz an diesem Tag noch Karstadt-Boss Thomas Middelhoff.

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Schrempp gegen Grässlin, Aktenzeichen 324 O 715/05: nur eine Neuauflage des epischen ?Klein gegen Groß?, von dem Bibel und Fußballgeschichte berichten, dass es des öfteren überraschend endet? Nicht ganz.Der Rechtsstreit zwischen Jürgen und Jürgen ist auch eine Baustelle bei den Aufräumarbeiten, die der abrupte Abgang von Schrempp Daimler-Chrysler aufzwingt.Ein Stachel im Fleisch zu sein von Schrempp und Daimler ist längst so etwas wie eine Lebensaufgabe für Jürgen Grässlin. Vor 15 Jahren schon lernte der Pazifist Jürgen Schrempp kennen, als er die Daimler-Tochter Dasa wegen ihrer Waffenproduktion angeht. Schrempp ist Dasa-Chef, und nach Hauptversammlungen steigt er herunter vom Podium und diskutiert mit Grässlin, der wie er aus Freiburg stammt, weiter. Nun kennt man sich. Als Schrempp 1995 Boss bei Daimler-Benz wird, lässt er Grässlin seine Biografie schreiben. Titel: ?Jürgen E. Schrempp ? Der Herr der Sterne?. Darin oszilliert Grässlin zwischen Bewunderung und Verachtung für sein Sujet. Das Buch erscheint kurz nach der Übernahme von Chrysler durch Daimler und wird ein Bestseller. Aber Schrempp gefällt es wohl nicht: Er bricht den Kontakt zu Grässlin ab.Dem kommt zupass, dass die Bilanz Schrempps als Daimler-Chrysler-Chef schlechter und schlechter wird. Verluste bei Chrysler, Ausstieg bei Mitsubishi, Rückrufe Hunderttausender Mercedes-Fahrzeuge, Flops bei Smart und Maybach. Der Aktienkurs, den Schrempp zum wichtigsten Erfolgskriterium erklärt hat, fällt zwischenzeitlich um fast 75 Prozent: Die ?Welt AG?, die Schrempp ausgerufen hat, saust in die Leitplanke.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Grässlin zielt aufs gesunde Volksempfinden - und trifftAll das bemängelt Grässlin als Sprecher der ?Kritischen AktionärInnen? ? er selbst hält eine Daimler-Chrysler-Aktie ? Jahr für Jahr auf den Daimler-Hauptversammlungen. Er verdichtet Bekanntes, wenn auch wie in seinem neuen Buch oft eher auf Volkshochschulniveau ? den schwachen Aktienkurs verbucht er unter ?Bilanz-Desaster? ? und auch widersprüchlich, wenn er die Sanierung bei Chrysler lobt, den Arbeitsplatzabbau aber geißelt.Grässlin zielt aufs gesunde Volksempfinden, und er trifft. Allein steht er längst nicht mehr. Seit 2004 drohen große Investmentfonds der Konzern-Führung, ihr die Entlastung auf der Hauptversammlung zu verweigern ? mit Argumenten à la Grässlin.Grässlin ist der ?Stalker?, der Daimler und Schrempp seit Jahren nachsteigt. So ist er längst zu seiner eigenen Marke geworden. Aber er geifert nicht. Jeden, der im Gang vor dem Gerichtssaal vorbeikommt, begrüßt er vergnügt mit ?Guten Tag?, auch den gegnerischen Anwalt.Drinnen geht es darum, ob Grässlin am 28. Juli 2005 überzog. Morgens kündigte Daimler-Chrysler den Abgang Schrempps zum Jahresende an. Abends behauptete Grässlin im Fernsehen, Schrempp sei nicht freiwillig zurückgetreten, und seine Geschäfte seien ?nicht immer so sauber? gewesen. Ein klarer Fall von Meinungsäußerung, findet Grässlin, geschützt durch Artikel 5 des Grundgesetzes (GG).Falsch, lässt Jürgen Schrempp ausrichten. Grässlin habe die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten verletzt, weil er keine Beweise vorgelegt habe, sagt Daimler-Anwalt Schertz. Es könne nicht sein, dass falsche Tatsachen einfach so ?in den Wind geblasen? würden, das decke auch Artikel 5 GG nicht, sagt Schertz.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Indizien, Behauptungen, einstweilige VerfügungenEs sei ?kein Problem, Zeugen und Dokumente? vorzulegen, sagt Grässlin. In seinem Buch, das im November 2005 erschien, walzt er zwar den Vorwurf von Graumarktgeschäften mit Mercedes-Karossen aus, bietet aber keine Beweise, dass Schrempp oder der neue Konzernchef Dieter Zetsche darin verwickelt sind. ?Bedenkliche Geschäfte und Aussagen? fänden sich zur Genüge in seinem Buch, sagt Grässlin. Auch Zetsche hat ihn verklagt ? das Verfahren dürfte im Frühjahr in Berlin starten.In anderen Fällen wird noch ermittelt, so seit kurzem gegen Daimler-Chrysler-Aufsichtsratschef Hilmar Kopper wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Grässlin sieht das als Indiz, dass etwas faul ist bei Daimler.Dass der Termin des Schrempp-Rücktritts Kennern früh bekannt war, hat Grässlin ebenfalls im Juli 2005 behauptet. Ermittlungen gegen zwei Daimler-Vorstände wegen Insiderhandel wurden aber ohne Ergebnis eingestellt. Dafür ermittelt die Staatsanwaltschaft in gleicher Sache noch immer gegen Grässlin. Aus seinem Buch musste er für die zweite Auflage mehrere Passagen streichen, die Daimler-Chrysler moniert hatte.Auch in Hamburg verliert Grässlin, Schrempp gewinnt. Die Kammer bestätigt die einstweilige Verfügung: Grässlin darf seine Behauptungen einstweilen nicht wiederholen. Man sieht sich in der nächsten Instanz.Vor dem Gerichtssaal hängt ein Zitat von Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky: ?Wenn die Menschen nicht mehr fragen dürfen, dann werden die Dinge fragen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 30.01.2006