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Jürgen allein zu Haus

Von Sven Afhüppe und Klaus Stratmann
Falsche Personalpolitik, widersprüchliche Positionen, Geheimniskrämerei: Noch nie stand ein BDI-Präsident so in der Kritik wie Jürgen Thumann. Die mächtige Unternehmervereinigung befindet sich derzeit in schwerem Fahrwasser. In den Mitgliedsverbänden und Gremien rumort es, die Mitarbeiter sind verunsichert. Und der Auslöser der Krise überschattet das Tagesgeschäft.
Im Präsidium des BDI sorgen widersprüchliche Äußerungen von Jürgen Thumann für viel Unverständnis. Foto: dpa
BERLIN Jürgen Thumann und Klaus Bräunig spielen business as usual. Und das geht so: Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und Bräunig, der sich Sprecher der Hauptgeschäftsführung nennen darf, betreten einen schmucklosen Konferenzsaal im Haus der Deutschen Wirtschaft. Thumann schreitet voran zu den Rednerpulten. Der BDI-Präsident trägt eine Krawatte in gedecktem Rot, dazu strahlt das für ihn unverzichtbare Einstecktuch blütenweiß. Bräunig läuft Thumann hinterher. So gehört sich das.Gemeinsam wenden die beiden nun ihre Blicke in Richtung der sieben TV-Kameras, die vor ihnen stehen. Thumann präsentiert die Reformagenda des Verbandes für die zweite Hälfte der Legislaturperiode. Der BDI-Präsident braucht dazu gut zwanzig Minuten. Bräunig streut einige wenige Sätze ein. Der Präsident kommt zum Schluss seiner Ausführungen: ?Wir dürfen uns keinesfalls auf unseren wirklichen oder vermeintlichen Lorbeeren ausruhen?, formuliert er etwas unglücklich. Adressiert ist der Satz an die Bundesregierung. Doch er gilt auch für Thumann selbst. Beim BDI-Chef handelt es sich allerdings derzeit eindeutig um vermeintliche Lorbeeren.

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Denn der Bundesverband der Deutschen Industrie, die mächtige Unternehmervereinigung, befindet sich derzeit in schwerem Fahrwasser. In den Mitgliedsverbänden und Gremien rumort es, die Mitarbeiter sind verunsichert. Thumanns Kurs schlingert. Und der Auslöser der Krise, die quälend lange Suche nach einem neuen Hauptgeschäftsführer, überschattet das Tagesgeschäft. Am 24. September, dem Tag der nächsten BDI-Präsidiumssitzung, muss Thumann Vollzug melden. Diesen Termin hat er sich selbst gesetzt. Es könnte sein bislang schwierigster Auftritt als BDI-Präsident werden.Es ist ein gutes Jahr her, seit Thumanns Wunschkandidat für den Posten des Hauptgeschäftsführers, der CDU-Politiker Norbert Röttgen, seine Zusage zurückzog. Seither ist die Stelle vakant. Klaus Bräunig bekam nur als Interimslösung die Funktion des Sprechers zugesprochen. Thumann favorisiert einen Kandidaten aus der Politik.Eine untragbare Situation für Bräunig. Doch der 53-Jährige spielt das Spiel geduldig mit. Bräunig ist ein sachlicher, uneitler Mann, der aus dem Stand präzise und zugleich anschaulich formuliert. Er hat die Themen, mit denen sich der BDI befasst, komplett durchdrungen. Bräunig ist einen halben Kopf kleiner als Thumann und legt keinen Wert auf Einstecktücher.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Die Mannschaft stehe geschlossen hinter Bräunig.?Innerhalb des BDI hat sich Bräunig allergrößten Respekt erworben. Niemand zweifelt daran, dass er auch auf Dauer für den Posten des Hauptgeschäftsführers geeignet wäre. Doch Thumann will partout nicht. Im Haus der Wirtschaft, in dem neben dem BDI auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und die Arbeitgebervereinigung BDA residieren, spricht man längst von einer ?unwürdigen Veranstaltung?. Die Mannschaft stehe geschlossen hinter Bräunig, sagt einer, der die Verhältnisse seit Jahren bestens kennt.Doch ein Zurück gibt es für den BDI-Präsidenten nicht mehr. Zu kategorisch hat er sich festgelegt. Bislang kann er keine Erfolge vorweisen. Leute wie der CDU-Außenexperte Eckart von Klaeden gaben dem Verbandspräsidenten einen Korb. Auch mit Kanzleramts-Staatsministerin Hildegard Müller und dem Europa-Abgeordneten Klaus-Heiner Lehne soll Thumann gesprochen haben. Bestätigt wurden die Gespräche nicht.?Das ist alles nicht schön?, sagt ein Präsidiumsmitglied, und es schwingt die Enttäuschung darüber mit, nichts, aber auch gar nichts über Thumanns Pläne zu erfahren. Die Kandidatensuche sei Thumanns ?große Geheimmission?. Dass der BDI-Präsident sich nicht in die Karten schauen lässt und das Thema nur im allerengsten Zirkel überhaupt anspricht, hat einen guten Grund: Thumann hat nur noch eine Patrone zur Verfügung, der nächste Schuss muss sitzen, weitere Pannen bei der Kandidatensuche kämen einer Katastrophe gleich. Würde ein Kandidat vorab bekannt, wäre er womöglich sogleich ?verbrannt?. Also schweigt Thumann vorerst lieber.Dafür reden andere umso mehr. Die Fachwelt spekuliert eifrig, in Berliner Regierungszirkeln ist man bei der Suche nach einem geeigneten Kandidaten mittlerweile auf Bernd Pfaffenbach gestoßen. Der beamtete Staatssekretär von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) wäre tatsächlich eine denkbare Variante. Pfaffenbach, der für Kanzlerin Merkel die Weltwirtschaftsgipfel vorbereitet, hat zuvor in der Wirtschaftsabteilung im Kanzleramt gearbeitet.Dem parteilosen Beamten werden exzellente Kontakte in die Wirtschaft nachgesagt. Auch Merkel könnte den Rückzug ihres Sherpas aus der Politik nach Ablauf der deutschen G8-Präsidentschaft Ende des Jahres verschmerzen. So gibt es Überlegungen, die Sherpa-Aufgaben vom Wirtschaftsministerium wieder ins Kanzleramt zu holen. Doch weder Pfaffenbach noch der BDI wollen sich zu dieser Personalie äußern.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Thumann: Ein untypischer BDI-Präsident.Im BDI-Präsidium heißt es, Thumann agiere unglücklich. Dennoch wird abgewiegelt, wenn die Rede auf eine vorzeitige Ablösung als BDI-Präsident kommt. Die BDI-Mitgliederversammlung hatte Thumann Ende November vergangenen Jahres mit 156 von 162 Stimmen wiedergewählt. Seine zweite Amtszeit läuft bis Ende 2008. ?Das sind alles Gentlemen hier, da stößt niemand dem Präsidenten einen Dolch in den Rücken?, heißt es im Präsidium. Viele der dort vertretenen Manager wüssten im Übrigen nur zu gut, wie es sich anfühlt, geballte Kritik auf sich zu ziehen. Es gibt allerdings auch Präsidiumsmitglieder, die einen ?Showdown? bereits bei der Sitzung Ende September nicht für ausgeschlossen halten.Dabei mag Thumann Streit überhaupt nicht. Das unterscheidet ihn von anderen BDI-Präsidenten. Stets angriffslustig sein, anecken, wenn nötig immer wieder mit kontroversen Positionen auffallen und die Politik vor sich hertreiben, eben die Wünsche der deutschen Industrie in klare Worte fassen: so verstand Michael Rogowksi seinen Job, so füllte vor allem Hans-Olaf Henkel mit seiner endlosen Debatte über den Standort Deutschland das Amt des BDI-Präsidenten aus.Jürgen Thumann dagegen verkörpert einen völlig anderen Typus. Ein Mann, der Maßanzüge trägt, der pompöse Inszenierungen mag und im Umgang mit der Politik lieber Samt- als Boxhandschuhe überstreift. ?Ich analysiere lieber differenziert und artikuliere mich auch so. Gerade wenn man es mit einer Großen Koalition zu tun hat, ist es schwierig zu diskutieren, wenn man das aggressiv und laut tut?, hat Thumann erst kürzlich in einem Interview gesagt.Als er Anfang 2005 sein Präsidentenamt mit einer Gala am Berliner Gendarmenmarkt antrat, versprach er umfassende Veränderungen in einem Land, das unter steigender Massenarbeitslosigkeit und ausufernder Staatsverschuldung litt. Er werde ?Deutschland die Sporen geben?, kündigte Thumann vollmundig an. Dieses Versprechen hat der BDI-Präsident bis heute nicht erfüllt.Natürlich hat sich der Industrieverband in die Reform der Unternehmensbesteuerung eingemischt, natürlich kämpft Thumann um möglichst moderate Änderungen an der Erbschaftsteuer, natürlich fordert er eine Fortsetzung der Reformagenda in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode. Und dennoch hat man kaum das Gefühl, dass der BDI eine aktive Rolle einnimmt und die Bundeskanzlerin samt Regierungsmannschaft verbal vorantreibt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Neuer Chef für die Öffentlichkeitsarbeit.Diese anhaltende Lethargie beklagen nicht nur einige Mitgliedsverbände. ?Dem Präsidenten fehlt der ordnungspolitische Kompass, das ist das eigentliche Problem?, sagt einer im BDI-Präsidium. Jüngstes Beispiel ist die Positionierung in der Debatte über den Schutz deutscher Konzerne vor ausländischen Staatsfonds. Während Thumann zunächst vor politischem Aktionismus warnte und offenen Finanzmärkten das Wort redete, sprach er sich später für eine Kontrollbehörde nach US-Vorbild aus. In der vergangenen Woche dann korrigierte er diese Position. Nein, sagte er am Dienstag vergangener Woche bei der Präsentation der BDI-Reformagenda, er habe keinesfalls eine Lanze für das US-Modell gebrochen. ?Wir wollen das US-Modell nicht kopieren. Wir wollen es vielmehr studieren, kapieren und nach unseren Bedürfnissen modifizieren.?Im Präsidium sorgen diese widersprüchlichen Äußerungen für viel Unverständnis. ?Mit solchen Vorschlägen wächst der Ansehensverlust des Verbands nur noch weiter?, sagt einer. ?Unter Thumann ist der BDI nicht mehr als die Stimme der Wirtschaft wahrnehmbar?, sagt ein anderer. Doch Thumann weist Kritik zurück. In den Sitzungen von Präsidium und Vorstand fänden längst keine inhaltlichen Diskussionen mehr statt, berichtet ein Teilnehmer der Runde. ?Die Vorschläge des Präsidenten werden nur selten überarbeitet?, heißt es. Sogar von ?Herrenreiter-Allüren? ist die Rede.Zu allem Überfluss hatte Thumann kürzlich versucht, die bestenfalls durchwachsenen Ergebnisse einer Mitgliederbefragung schönzureden. Als die BDI-Geschäftsführung die Auswertung der Befragung mit einem Rundschreiben an die Mitgliedsverbände verschicken wollte, stoppte Thumann das und verlangte Korrekturen an dem Schreiben. So sorgte der BDI-Präsident dafür, dass die Ankündigung, der Industrieverband werde nach der Sommerpause mit ?geeigneten Maßnahmen? auf die Umfrageergebnisse reagieren, gestrichen wurde. Eine neue Sprachregelung musste her.Zur Verbesserung der Kommunikation bekommt der BDI mit Jobst-Hinrich Wiskow immerhin bald einen neuen Chef für die Öffentlichkeitsarbeit. Und bereits seit Januar berät Richard Gaul den BDI-Präsidenten persönlich in Kommunikationsfragen. Gaul war lange Jahre Kommunikationschef bei BMW. Ganz im alten Sprachduktus ließ er bei seinem Amtsantritt verlauten: ?Die Kraft darf nicht im Getriebe steckenbleiben, sie muss auf die Straße kommen.? Doch beim BDI scheint man eher Probleme mit dem Lenken zu haben.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.08.2007