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Josef Ackermann ? der kühle Rechner

Von Michael Maisch
Josef Ackermann ist Chef der Deutschen Bank, Deutschland aber fremd geblieben. Der Schweizer gilt als knallharter Rechner, der sein Renditeziel ohne Rücksicht auf Verluste umsetzt.
FRANKFURT. Was treibt Josef Ackermann an? Wie ferngesteuert scheint der 57-Jährige Schweizer seinem großen Ziel hinterherzulaufen ? 25 Prozent Rendite auf das Eigenkapital. Diese Vorgabe, von vielen lange belächelt, wird der Chef der Deutschen Bank am Ende dieses Jahres erreichen ? aber um welchen Preis?Seit gestern ist klar, dass Ackermann mit seiner knallharten Renditepolitik nicht nur in der Öffentlichkeit eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hat. Vieles spricht dafür, dass er auch das Vertrauen des Aufsichtsratsvorsitzenden verspielt hat. Ganz offen räumt Chefkontrolleur Rolf Breuer ein, dass er sich bereits nach einem Nachfolger umsieht. Da nutzt es auch nicht mehr viel, wenn später der gesamte Aufsichtsrat eine Ehrenerklärung für Ackermann hinterherschiebt.

Die besten Jobs von allen

Der Grund für Breuers Affront ist nicht nur das Urteil des Bundesgerichtshofes. Es war Ackermann, der gegen den Widerstand von Vorstandskollegen die rabiate Schließung des größten Immobilienfonds der Deutschen Bank durchsetzte. Bis zur Neubewertung des Fonds kommen 300 000 Anleger nicht mehr an ihr Kapital ? ein in Deutschland beispielloser Vorgang, und eine beispiellose Imagekrise für die Deutsche Bank.Ahnte der Schweizer nicht, was er mit seiner Entscheidung auslösen würde? ?Seit über drei Jahren sitzt Ackermann jetzt in Deutschland, aber angekommen ist er nie?, meint ein Manager der Bank. Vertraute habe er kaum in den Zwillingstürmen an der Frankfurter Taunusanlage. ?Ein brillanter Analytiker, aber das Herz bleibt kalt.? Ackermann und die Deutschen, das war schon immer eine schwierige Beziehung. Spätestens seit er sich vor Eröffnung des Mannesmannprozesses zum Victory-Zeichen hinreißen ließ, wurde er zur Symbolfigur des skrupellosen Kapitalisten. Alles was er seither anpackt, wird gegen ihn verwandt: sein Gehalt, sein Sparprogramm, sein Renditeziel ? und nicht nur von der Linken. ?Wenn man Milliardengewinne macht und gleichzeitig verkündet, man stellt 6 000 Leute frei, dann ist das eine Geschmacklosigkeit?, klagte CSU-Chef Edmund Stoiber.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Den Traditionalisten gehen die Schritte Ackermanns viel zu weit.Ackermann kann das alles nicht verstehen; für ihn wird Deutschland wohl immer ?das einzige Land bleiben, in dem Manager, die Werte schaffen, vor Gericht landen?. Keine Frage, der Schweizer fremdelt in Deutschland, was wohl auch daran liegt, dass er schon immer etwas anders als der Frankfurter Durchschnittsbanker war, ein Intellektueller, ein Feingeist, hochmusikalisch, mit ausgebildeter Tenorstimme. Aber auch ?ein intellektueller Snob?, meint ein Konkurrent, einer, ?der schnell ungeduldig wird, wenn er das Gefühl hat, gelangweilt zu werden?. Ackermann stammt aus Mels, einem Dorf in der Ostschweiz. Seppi rufen ihn dort alle. Zu Joe, dem hochbegabten Aufsteiger, wird er erst als Student an der Elitehochschule St. Gallen. Die Banker-Karriere beginnt als Trainee bei der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA), einer Tochter der Credit Suisse. Rasant geht es aufwärts. Mit 33 Jahren hat Ackermann mehr als 300 Mitarbeiter unter sich, mit 45 wird er Präsident. Doch dann geht Ackermanns Karriere zum ersten Mal zu Ende. Der Banker überwirft sich mit seinem Mentor, dem Credit-Suisse-Chef Rainer Gut, und muss die Bank verlassen. Das war im Juli 1996.Nur wenige Monate später hat Ackermann einen neuen Job. Der damalige Vorstandssprecher Hilmar Kopper holt den Schweizer nach Frankfurt. Schnell gewinnt er beim deutschen Branchenprimus an Einfluss. Als Koppers Nachfolger Breuer im Jahr 2000 die Deutsche Bank mit der Dresdner Bank fusionieren will, scheitert der Deal am Widerstand der Londoner Investmentbanker unter Ackermanns Führung. Breuer ist nach der geplatzten Fusion angeschlagen; schon im September 2000 wird Ackermann zum Nachfolger gekürt. Als er im Mai 2002 offiziell an die Spitze rückt, hat er den ersten Machtkampf bereits gewonnen. Die neue Führungsstruktur ist ganz auf ihn zugeschnitten.Mit harter Hand vollendet der neue Vorstandssprecher den unter Kopper und Breuer begonnenen Umbau zur internationalen Investmentbank mit angehängtem Privatkundengeschäft. Er verkauft die Wertpapierverwahrung, den Versicherungssektor und das Beteiligungsgeschäft. Gleichzeitig treibt er die Internationalisierung voran, stärkt Asien, New York und vor allem London. Immer wieder muss sich die Bank gegen Spekulationen wehren, sie wolle ihren Sitz an die Themse verlegen. Nur gut ein Drittel der Mitarbeiter sitzt noch in Deutschland, zwei Drittel der Einnahmen kommen aus dem Ausland.Den Traditionalisten geht das viel zu weit. Vor allem Ulrich Cartellieri, die graue Eminenz im Aufsichtsrat, warnt vor seinem Rücktritt, die Bank gehe wegen der Dominanz der Investmentbanker zu hohe Risiken ein, in der Heimat sei die Deutsche dagegen schwach. Doch Ackermanns Strategie scheint aufzugehen. Im dritten Quartal 2005 erzielt die Deutsche einen Rekordgewinn von 1,9 Mrd. Euro. Verantwortlich dafür ist vor allem das exzellente Abschneiden im Investment-Banking. Allerdings warnen Skeptiker, dass die Gewinne schnell wegbrechen können, wenn es an den Märkten nicht mehr so gut läuft wie in diesem Jahr. ?Unter Ackermann hat die Bank an Klarheit und Glaubwürdigkeit gewonnen?, meint ein Ex-Manager des Instituts. Der Schweizer habe klare Ziele gesetzt, an denen er sich messen lasse. ?Das ist ein großer Fortschritt. ?Aber er hat auch die deutschen Wurzeln der Deutschen Bank gekappt.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Vita des kühlen Rechners. 1948: Josef Ackermann wird in Mels im Schweizer Kanton St. Gallen geboren.1977: Promotion zum Dr. oec. nach Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Beruflicher Start bei der Schweizerischen Kreditanstalt.1993: Ackermann wird Präsident der Kreditanstalt. Er ist damit zweitmächtigster Mann im Credit-Suisse-Konzern, zu dem die Kreditanstalt gehört.1996: Ackermann verlässt überraschend den Konzern. Er tritt in den Vorstand der Deutschen Bank ein.2000: Ackermann ist als Aufsichtsrat bei Mannesmann mitverantwortlich für die Gewährung umstrittener Prämien.2002: Ackermann wird Chef der Deutschen Bank. Er strafft die Führung und trimmt den Konzern auf Steigerung der Rendite.2003: Das Landgericht Düsseldorf nimmt die Klage der Staatsanwaltschaft Düsseldorf in Sachen Mannesmann an.2004: Es wird bekannt, dass Ackermanns Gehalt 2003 um 60 Prozent auf elf Millionen Euro gestiegen ist. Der Mannesmann-Prozess in Düsseldorf führt zunächst zum Freispruch. Die Deutsche Bank bringt die Postbank an die Börse und erwägt zugleich eine Übernahme, entscheidet sich aber dagegen.2005: Ackermann gibt einen Stellenabbau zeitgleich mit guten Bilanzzahlen bekannt.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.12.2005