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John Pierpont Morgan: Mächtiger als Rockefeller

Von Helge Hesse
Auf dem Höhepunkt seiner Macht konnte er keinen Schritt tun, ohne dass an der Börse und in der Presse wild spekuliert wurde - John Pierpont Morgan formte den Großkonzern General Electric und rettete mehrmals das US-Finanzsystem.
Auf dem Höhepunkt seiner Macht konnte er ?nicht die Straße überqueren, noch weniger den Atlantik, ohne dass an der Börse und in der Presse wild spekuliert wurde?. So formuliert es seine Biografin Jean Strouse.Der Amerikaner John Pierpont Morgan war in vielerlei Hinsicht bedeutender als etwa John Davison Rockefeller. Er rettete nicht nur mehrere Male das US-Finanzsystem vor dem Zusammenbruch, sondern gründete mit U.S. Steel das seinerzeit größte Unternehmen der Welt und formte den heutigen großen Mischkonzern General Electric. Mit seinem weltweit operierenden Bankhaus ? die Investmentbank J.P. Morgan Chase trägt noch heute seinen Namen ? vollzog er atemberaubende Transaktionen und kontrollierte mehr als hundert Konzerne.

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John Pierpont war der Sohn des einflussreichen Bankiers Junius Spencer Morgan. Der schickte ihn zum Wirtschaftsstudium nach Boston und ins ferne Deutschland nach Göttingen, an eine der damals bedeutendsten Universitäten der Welt.Früh stieg der Junior ins Geschäftsleben ein. Er nutzte die Beziehungen seines Vaters, der den nicht zimperlichen Sohn zunächst noch versuchte unter Kontrolle zu halten. So stellte er ihm 1864 einen seriösen Partner zur Seite. Doch das nützte wenig. Im Amerikanischen Bürgerkrieg hatte er sich, wie damals unter den Reichen üblich, vom Kriegsdienst freigekauft. Seine so gewonnene Zeit nutzte er dazu, ohne Skrupel alle Arten von Geschäften zu machen, die nur möglich waren. Dies tat er so erfolgreich, dass er bald im Ruf stand, ein unpatriotischer Kriegsgewinnler zu sein.Nach dem Krieg investierte Morgan in Eisenbahnlinien und verdiente viel Geld. Als sein Vater 1890 starb, erbte er ein weltweit agierendes Bankennetzwerk, aus dem die Investmentbank J.P. Morgan Chase hervorging.Vor allem seine hervorragenden Verbindungen zum Londoner Finanzplatz versetzten ihn in die Lage, der rasch wachsenden nordamerikanischen Wirtschaft immer wieder das benötigte neue Kapital zuzuführen. Ihm selbst erwuchs daraus eine enorme wirtschaftliche Macht.Was war das für ein Mann, der nur von Geld und Macht getrieben zu sein schien? Tatsächlich war John Pierpont Morgan ein zutiefst zerrissener Mensch. Der übermächtige Vater machte ihm zu schaffen, und er selbst ? er war fast zwei Meter groß ? litt Zeit seines Lebens unter seinem Aussehen. Eine schwere Akne entstellte seine Nase, ließ sie aufquellen. Porträts ließ er retuschieren. Im Umgang mit Menschen blieb er scheu. Immer wieder suchten ihn Depressionen heim. Manchmal ging er monatelang mit seiner luxuriösen Yacht auf Reisen, besuchte fremde Länder, bedeutende Stätten der Menschheit wie Ägypten.Leidenschaftlich sammelte er Kunst und Bücher. Die Morgan Library in New York, die später sein Sohn, dem Wunsch seines Vaters entsprechend, der Öffentlichkeit zugänglich machte, ist eine der berühmtesten Bibliotheken der Welt.In der Finanz- und Wirtschaftswelt gab man ihm wegen seiner Macht den Spitznamen Jupiter, den Namen des größten Planeten unseres Sonnensystems: Ob im Elektrizitäts-, Eisenbahn-, Stahl- und Schifffahrtssektor, kaum eine Branche, die Profit versprach, war vor ihm sicher. Er war Finanzier oder Anteilseigner, oft beides.Die größten Unternehmenszusammenschlüsse seiner Zeit liefen über ihn. 1892 schmiedete er aus Thomas Alva Edisons ?Edison General Electric? und der ?Thompson-Houston Electric? die ?General Electric Company?, den heutigen Riesenkonzern. Dank seines Freundes Edison besaß Morgan das erste voll elektrifizierte Haus in New York.Und 1901 gelang Morgan jene Fusion, die bis heute, rechnet man die Summe auf ihren heutigen Gegenwert um, als größte der Wirtschaftsgeschichte bezeichnet werden kann: Er kaufte Carnegie Steel und verschmolz sie mit seinen eigenen und weiteren Stahlwerken zur US Steel, dem damals größten Unternehmen der Welt.Der Kapitalist Morgan wurde schließlich zum Retter des amerikanischen Finanzmarktes. Denn als es 1893 zum Börsenkrach kam, war er es, der um den Preis noch größeren wirtschaftlichen Einflusses das Eisenbahnsystem neu ordnete. Als das Finanzsystem zwei Jahre später erneut zu kollabieren drohte, gelang es ihm, ein Syndikat zu schmieden, das die Deckungsreserve des Schatzamtes auffüllte und so ein Zusammenbrechen des Marktes abwendete.Die USA hatten seinerzeit keine Zentralbank. US-Präsident Andrew Jackson hatte sie in den 1830er-Jahren aufgelöst. Morgan wurde nun in der Krise quasi zu ihrem Ersatz. In den Finanzkrisen von 1901 und 1907 war er abermals der Retter. Er war, wie Jean Strouse bemerkt, ?für einen Moment ein Nationalheld. Menschenmengen feierten ihn, wenn er die Wall Street hinunterlief.?Er hatte seine besondere Methode, um bei Konflikten eine schnelle Einigung zu erzielen. Er schloss die Streitenden einfach ein. So ließ er in den Räumen seiner Privatbibliothek die Vertreter der US-Finanzwelt so lange schmoren, bis sie eine Lösung für die Finanzkrise gefunden hatten.Seine Macht, sein Einfluss und sein Reichtum waren schließlich so groß, dass es hieß, er und Rockefeller seien die eigentlichen Eigentümer der Vereinigten Staaten. Und so gerieten vor allem diese beiden Tycoons im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ins Visier der Politik. Nur wenige Wochen vor seinem Tod musste Morgan zu einer Anhörung vor den US-Kongress. Man warf ihm vor, er habe gegen das Anti-Trust-Gesetz verstoßen.Morgan hatte wieder Depressionen und ging auf Reisen. Er starb schließlich 1913 in Rom. Im gleichen Jahr wurde in den USA ein neues Zentralbanksystem aufgebaut.?Kein Mensch, dessen Leben Gegenstand eines Biografen war, wurde so gegensätzlich beurteilt ?? Diese Worte stammen nicht etwa aus einer Biografie, sondern aus einem Schulaufsatz des jungen John Pierpont Morgan über Napoleon. Sie könnten auch ein Kommentar zu seinem eigenen Leben sein.Chronik1837: John Pierpont Morgan wird am 17. April in den USA in Hartford/Connecticut geboren.1857: Sein Vater schickt ihn zum Studium nach Boston und ins ferne Deutschland zur damals berühmten Universität Göttingen. Danach arbeitet er in der Bank des Partners seines Vaters.1862 bis 1865: Während des Amerikanischen Bürgerkriegs verdient er mit allen nur denkbaren Geschäften viel Geld und erwirbt so den Ruf eines Kriegsgewinnlers.1871: Er wird Partner der Bank ?Drexel and Company?.1877: Morgan wird Partner in der Bank seines Vaters.1890: Nach dem Tod des Vaters wird er alleiniger Gesellschafter und führt nun ein weltweites Bankennetzwerk, aus dem JPMorgan Chase hervorgegangen ist.1892: Er zieht die Fäden bei der Entstehung des US-Konzerns General Electric.1893: Er ordnet das Netz der teilweise zusammenbrechenden amerikanischen Eisenbahnlinien neu.1895: Er rettet das amerikanische Finanzsystem wie auch 1901 und 1907.1901: Er formt den Stahlkonzern U.S. Steel.1913: John Pierpont Morgan stirbt am 31. März auf einer seiner Reisen in Rom. Zuvor hatte ihm der US-Kongress den Verstoß gegen das Antitrustgesetz vorgeworfen.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.05.2005