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Jogging für das Flottenreich

Von Gregory Lipinski
Die Übernahme von CP Ships macht Hapag-Lloyd-Chef Michael Behrendt auf einen Schlag zum Lenker eines Weltkonzerns. Der Hanseat bleibt dennoch eher zurückhaltend und meidet Wild-West-Methoden. Privat hat sich Behrendt hingegen gewandelt.
HB HAMBURG. Der Slogan wird für den 54-jährigen Vorstandschef der Tui-Tochter Hapag-Lloyd überraschend zur Realität. Denn mit der milliardenschweren Übernahme des kanadisch-britischen Konkurrenten CP Ships steigt der traditionsreiche, 1847 gegründete Konzern in die Weltliga der internationalen Containerschifffahrt auf. Auf einen Schlag wird Behrendt Herr über ein global umspannendes Flottenreich von 140 Schiffen und knapp 9000 Mitarbeitern. Erstmals fasst der Hapag?Lloyd-Chef, der sich bislang auf die Seewege zwischen Amerika und Europa konzentriert hat, auch im boomenden Asienverkehr Fuß.Der pausbackig wirkende Manager mit dem leicht ergrautem Haar ist für die Übernahme gut gerüstet: Auf Druck des Mutterkonzerns Tui hat er den Hamburger Konzern entschlackt. Konsequent richtete der Sohn eines Spediteurs Hapag-Lloyd auf die Container- und Kreuzfahrtschifffahrt aus. Randbereiche wie die Güterverkehrstochter VTG Lehnkering wurden abgestoßen.

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Damit machte er das Unternehmen vor mehr als einem Jahr fit für die Börse, um mit dem millionenschweren Emissionserlös die Schulden des Touristikriesen Tui abzubauen. Doch im Herbst vergangenen Jahres machte ihm der Tui-Vorstandschef Michael Frenzel einen Strich durch die Rechnung: Überraschend blies Frenzel den Börsengang ab.Enttäuscht und überarbeitet von den Vorbereitungen für die Aktienplatzierung zog sich der gebürtige Hamburger zurück, konzentrierte sich voll und ganz auf das Tagesgeschäft und ließ sich in der Öffentlichkeit kaum noch blicken.Nun kommt dem Hapag-Lloyd-Chef der mühevolle Umbau des Reedereikonzerns für die Übernahme des britische Konkurrenten zugute. Denn die Reederei erwirtschaftete im vergangenen Jahr ein Rekordergebnis von knapp 300 Millionen Euro ? genug Gewinn, damit Behrendt trotz der Übernahme von CP Ships am geplanten Flottenausbau festhalten kann. Er will in den kommenden drei Jahren acht neue Containerschiffe bestellen. Geschätzte Kosten: über 800 Millionen Dollar.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Hanseat ist bei Hapag-Lloyd ein UrgesteinDer zurückhaltende, etwas wortkarge Hanseat ist bei Hapag-Lloyd ein Urgestein. Nach seinem Jurastudium steigt er in die Rechtsabteilung der Preussag-Tochter VTG ein. Schnell interessiert er sich mehr für Management- als für trockene Rechtsfragen. Der Vorstand wird auf ihn aufmerksam: Bereits nach wenigen Monaten erhält er die Leitung des Tanklager-Vertriebs, 1994 steigt er zum VTG-Geschäftsführer auf und wird fünf Jahre später Chef der fusionierten VTG-Lehnkering. Ende 2001 beerbt er überraschend Hapag-Lloyd-Chef Bernd Wrede.Mit dem Amtswechsel löst er intern einen radikalen Kulturwandel aus. Denn während Wrede für seinen selbstherrlichen Gutsherren-Stil bekannt und gefürchtet war, setzt der Hanseat vor allem auf Teamgeist und Kooperation: ?Ich bin zumindest nicht der typisch hanseatische Kaufmann, der patriarchalisch über allem thront?, beschrieb sich Behrendt einmal selbst.Wenn es um Personalfragen geht, meidet er sorgsam Wild-West-Methoden. So nimmt er Stellenstreichungen äußerst behutsam und weitsichtig vor ? beispielsweise im Mai dieses Jahres: Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit kündigt der Vorstandschef an, 40 Stellen bis 2008 zu streichen. Betriebsbedingte Kündigungen kommen dabei nicht in Frage. Die rund 4000 Hapag-Lloyd Mitarbeiter zweifeln deshalb nicht daran, dass er diesen ruhigen Führungsstil auch nach der Übernahme von CP Ships beibehält: ?Ich gehe nicht davon aus, dass es zu einem großen Arbeitsplatzabbau kommen wird?, meint ein Betriebsratsmitglied.Privat hat sich Behrendt hingegen gewandelt. So verzichtet er seit einigen Wochen auf seine geliebten Zigarillos und joggt fast täglich einmal um die Hamburger Außenalster. Seine Familie hat allerdings das Nachsehen: Denn mit seiner Frau, Sohn und Tochter fährt er nicht mehr so häufig in das nahe gelegene Feriendomizil nach St. Peter Ording ? dem Mekka von passionierten Strandläufern und Surffans an der Nordsee. Stattdessen sitzt er nun am Wochenende im Büro, wälzt Akten und bereitet sich auf Gespräche mit Analysten und Bankiers vor.Vor allem bei den Geldhäusern muss Behrendt in den anstehenden Wochen noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Der Grund: Der weltweite Markt der Containerschifffahrt hat seinen Höhepunkt erreicht und droht zu kippen. ?Die Frachtraten haben derzeit die Spitze erreicht. Sie könnten bereits nächstes Jahr wieder sinken?, meint Hans-Heinrich Nöll, Chef des Verbands Hamburger Reeder. Dies werde auf den Ertrag der internationalen Reedereien drücken.Zusätzlich schreitet die Konsolidierungswelle voran. Schiffsfonds wie die Hamburger HCI Capital AG haben diese Entwicklung erkannt. Der Finanzierer von Containerschiffen plant deshalb noch rechtzeitig im Oktober den Gang an die Börse, um von dem derzeitigen Boom an den Schifffahrtsmärkten zu profitieren.Behrendt wird deshalb viel Fortüne brauchen, wenn er angesichts des Marktrückgangs den Ertrag bei Hapag-Lloyd weiter steigern will. Doch dafür hat der Vorstandschef vor seinem Schreibtisch aus Mahagoni bereits einen Glücksbringer aufgestellt ? ein lebensgroßes, rosarotes Schwein.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Michael Behrendt Vita von Michael Behrendt1951 wird er am 19. Juni in Hamburg als Sohn eines Spediteurs geboren. Er studiert später an der Hamburger Universität Jura und beendet sein Studium mit dem Assessorexamen.1984 geht er in die Rechtsabteilung der früheren Hapag-Lloyd-Logistiktochter VTG Vereinigte Tanklager und Transportmittel GmbH.1994 steigt er auf zum Geschäftsführer.1999 wird er Vorstandschef der aus der Fusion von VTG und Lehnkering entstandenen VTG Lehnkering AG und ist gleichzeitig Vorstandsmitglied bei Hapag-Lloyd.2002 wird er im Januar neuer Vorstandsvorsitzender der Hamburger Tui-Tochter Hapag-Lloyd.2004 übernimmt er im Tui-Konzern die Leitung des Geschäftsbereichs Schifffahrt. Behrendt ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.08.2005