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Jörg Klug

Vielleicht denkt Ihr gerade darüber nach, ob sich ein MBA für Eure Karriere lohnt, vielleicht seid ihr schon einen Schritt weiter und fragt Euch, welche Schule für Euch am Besten geeignet ist? Mit meinem Beitrag möchte ich Euch aus erster Hand von meinem MBA Studium an der Sir John Cass Business School berichten um Euch abseits von Hochglanzbroschüren einen subjektiven Eindruck aus Studentensicht von dieser Universität zu vermitteln. Die Informationen über den Kurs, sind diejenigen, die ich gerne gehabt hätte, als meine Entscheidung für eine Schule anstand. Alle Infos beziehen sich auf den Vollzeit MBA 2003/04. Wenn Ihr Fragen habt, schickt mir bitte ein Email: j.klug@city.ac.uk.
Der Schreiber
Die Entscheidungsfindung und Bewerbung
Die Kosten und Finazierung
Die Schule und die Kursstruktur
Block 1
Das Flagship Wochenende
Block 2 und 3
Block 4
Das Strategieprojekt
Das Segelteam
Die Wahlfächer
Das Business Research Project
Und, war es das wert?
Und, war es das wert?

Um noch einmal zu rekapitulieren, der Cass MBA kostet an Studiengebühren etwa so viel wie ein BMW 325i inkl. MWSt., dazu kommen der Verdienstausfall und die hohen Lebenshaltungskosten in London. Die Diskussion über eine Anhebung der Wochenarbeitszeit in Deutschland ist aus sich eines MBA-Studenten bizarr zu verfolgen: wenn während des Kurses Arbeit ansteht, dann gibt es eben keinen Feierabend und kein Wochenende. Und in letzter Zeit mehren sich die Kassandrarufe, die eine Abwertung des Abschlusses vorhersagen, wobei viele deutsche Unternehmen den MBA ohnehin nur als Aufbaustudium im Ausland betrachten, ganz nett zu haben.

Die besten Jobs von allen


Auf der anderen Seite habe ich komprimiert und innerhalb kürzester Zeit Einblick in alle Bereiche des Management erhalten, akademisch rigoros, aber immer an der Praxis orientiert. Der Kurs hat mich ungemein gefordert, aber umso besser und selbstbewusster fühle ich mich jetzt, nachdem die letzte Prüfung geschrieben ist. Ich habe intensiv mit Kollegen aus aller Welt gearbeitet und mir so ein Netzwerk an internationalen Kontakten aufgebaut, dessen Wert ich jetzt erst erahnen kann. Trotz des intensiven Kurses war noch genügend Zeit, mit meinen neuen Freunden das Leben in London zu genießen, zu Segeln und Golf zu spielen.

Doch der eigentliche Test sind die Karrieremöglichkeiten nach dem MBA. Hier darf ich mich glücklich schätzen, denn nach nur wenigen Bewerbungen hatte ich ein attraktives Angebot, bei einem Pharmaunternehmen als Teil eines Weltkonzerns. Ich freue mich sehr auf eine interessante und anspruchsvolle Tätigkeit, sehr dicht an dem, was ich mir vorgestellt hatte. Der Dienstsitz wird zunächst in Deutschland sein, jedoch mit Blick auf eine internationale Karriere. Und ohne MBA wäre die Stelle für mich unerreichbar gewesen.

Also, hat sich der Cass MBA für mich gelohnt?

Das Business Research Project

Die Diplomarbeit bei Cass nennt sich Business Research Project und besteht aus einer etwa 15.000 Worte fassenden Arbeit. Es gibt zwei Möglichkeiten diesen Aufsatz zu schreiben, entweder ein rein akademisches Papier zu einem Management bezogenem Thema je nach Interesse, oder aber als Teil eines Praktikums bei einer Firma. Der zweite Ansatz ist der interessantere aufgrund der vielen Möglichkeiten: Man kann in ein Unternehmen hineinschnuppern, um entweder den Fuß in die Tür für eine Festanstellung zu bekommen, oder sich den Laden erst einmal anzusehen, ein wohlklingender Name macht sich immer gut im Lebenslauf, vielleicht wird ein interessantes Thema angeboten oder die Vergütung des Praktikums ist Balsam auf die Wunden im Geldbeutel nach einem Jahr London (wobei die Spanne an Praktikumsvergütung normalerweise zwischen 0% und 25% der Studiengebühren liegt).

Ich habe das Glück, bei einer amerikanischen Investmentbank das Arbeiten in der City live zu erleben, eine Welt, die für mich neu ist, in der ich jedoch für mich keine Zukunft sehe. Trotzdem ist es spannend, einmal etwas völlig anderes zu machen, und ohne den MBA hätte ich nicht den Hauch einer Chance auf ein vergleichbares Praktikum gehabt. Die meisten Praktikumsplätze werden über den Karriereservice der Schule vermittelt. Einige Arbeitgeber schicken Repräsentanten zum Cass Projektabend, andere haben sich aus dem Buch mit unseren Lebensläufen (das die Schule zusammenstellt und verschickt) gezielt ihre Wunschkandidaten ausgesucht, andere Mitstudenten sind auf dem konventionellen Weg über Bewerbung und Beziehungen zum Zug gekommen. Zwar haben nicht alle Kollegen letztlich ein Praktikum ergattert, aber doch die allermeisten und das zum Teil bei den allerfeinsten Adressen. So ist es jedem selber überlassen, was er aus der Diplomarbeit macht, die Anforderungen sind zwar auf MBA-Niveau, aber letztlich kein Hexenwerk. Und das eindeutig Wichtigste in der letzten Phase des Kurses ist eindeutig die Jobsuche.

Die Wahlfächer

Nach der Pflicht kommt die Kür, im MBA heißt das erst die Core Courses, dann die Electives. Insgesamt stehen etwa 20 Fächer zur Wahl, daraus sucht man sich sechs frei aus. Je nach Berufsziel steht es jedem Studenten frei, sich entweder spezialisieren oder noch einmal alle möglichen Disziplinen näher unter die Lupe nehmen. So quälen sich jene, die anschließend in der City richtig Asche machen wollen, mit Corpoate Finance und Derivatives, unsere Marketingexperten begeistern sich u.a. bei den Themen Branding oder New Product Development während die kleine aber präsente Guccifraktion den Kurs "Issues in Luxury Markets" belegt.

Ich selber zähle mich eher zu den Generalisten und decke mit Mergers & Acquisitions, International Finance, Business Intelligence (Beschaffung und Analyse von geschäftsrelevanten Informationen), Business Dynamics (Simulation und Szenario Planung), Cases in Strategy (Fallstudienanalyse) und Frontiers of Strategy (Strategien für schnellwachsende Unternehmen) einen ziemlich breiten Bereich ab. Wahlfächer folgen einem weniger starren Muster als die Pflichtfächer, einige sind wahnsinnig vorbereitungs- und arbeitsintensiv, andere dagegen ziemlich entspannt. Highlights für mich waren der Mergers & Acquisitions Kurs, geleitet von Scott Moeller, einem ehemaligen Deutsche Bank und Morgan Stanley Investment Banker, der seine jahrelange persönliche Erfahrung einbrachte, sowie der Kurs Frontiers of Strategy von Prof. Baden-Fuller, der wirklich jeden Kursteilnehmer an seine intellektuellen Grenzen zwingt.

Während der Zeit der Wahlfächer fühlt sich der MBA anders an als davor. Die starren Gruppen, mit denen man bisher viel Freud und Leid erlebt hat, sind aufgelöst und man bekommt die Gelegenheit, die anderen Mitstudenten näher kennen zu lernen. Wie bereits erwähnt, das schöne an Cass ist die überschaubare und doch gut durchgemischte Klasse, man kennt wirklich alle Kommilitonen näher. Spätestens während der Electives sollte auch klar sein, bei welcher Firma man seine Abschlussarbeit schreiben möchte und entsprechend hektisch sind die Bewerbungen der Kollegen, die noch nicht das Richtige gefunden haben. Und mit dem immer näher rückenden Ende des Kurses verschieben sich die Prioritäten: weg von Lunchtime-pints, hin zu Habe-noch-ein-Treffen-mit-einem-Headhunter.

Das Segelteam

Klar, der MBA ist ziemlich harte Arbeit, aber das heißt nicht, dass man überhaupt keine Zeit mehr für andere Aktivitäten hat. Im Gegenteil, wer immer nur zu Hause hockt und über Büchern grübelt, schreibt zwar vielleicht die besten Noten, verpasst aber das schönste an der Studienzeit, nämlich neue Leute kennen zu lernen und Dinge zu unternehmen, für die im Berufsleben einfach keine Zeit ist. Module wie Personalwesen habe ich zwei Bier nach der Prüfung schon komplett aus meinem Gedächtnis gestrichen, an unser Segelteam und die Regatta wiederum werde ich mich sicher noch lange erinnern.

Die Kollegen von Cranfield richten jedes Jahr eine MBA Regatta aus, bei der Boote von verschiedenen europäischen Business Schools gegeneinander antreten. Wir waren das erste Cass Boot. Angetrieben vom Enthusiasmus eines Studienkollegen, der mehr oder weniger auf einem Segelboot aufgewachsen ist, hatte sich bereits im Frühjahr das Cass Team formiert. Problem 1, von sieben Crew Mitgliedern konnten nur zwei Backbord von Steuerbord unterscheiden, also tat Training bitter Not. Problem 2, das kostet richtig Geld, das wir nicht hatten. Bevor wir das erste Mal Fuß auf ein Boot setzen konnten, ging es ans Fundraising: Schule anbetteln (die uns auch großzügig unterstützt hat), einen Vortrag mit einem berühmten Segler organisieren (Brian Thompson, der war so freundlich, nachträglich auf seine Gage zu verzichten, weil wir sonst Miese gemacht hätten), Mitstudenten mit Losen auf die Nerven gehen, T-Shirts verkaufen und ähnlich verzweifelte Maßnahmen.

Für zwei Trainings-Wochenenden vor der Isle of Wight hat das Geld dann gereicht. Zwei sehr intensive Trainingswochenenden muss man dazu sagen, mit Teamarbeit pur, in denen wir viel über Segeln, uns und den Mageninhalt einiger Mitmatrosen gelernt haben. Die Regatta war dann das Sahnehäubchen, insgesamt 5 Rennen über zwei Tage. Wir haben uns tapfer geschlagen und belegten am Ende Platz vier von insgesamt 27 Startern, und das trotz Party bis in die frühen Morgenstunden an beiden Tagen, einem gerissenen Spinnaker und einem beinahe Mann-über-Bord-Vorfall, bei dem ein sich an den Auslegerbaum klammernder Kollege bereits bis über die Knie im Ärmelkanal planschte.

Das Strategieprojekt

Theorie und Vorlesungen sind gut und wichtig, richtig interessant wird es aber erst, wenn man die Theorie in die Praxis umsetzen kann. Aus diesem Grund gibt es bei Cass das Strategieprojekt, das sich von Tag eins bis zum Ende der Pflichtfächer zusätzlich zu den regulären Fächern erstreckt. Die Aufgabe für die Lerngruppe besteht darin, die Strategie einer Firma komplett zu analysieren und darauf aufbauend Verbesserungsvorschläge zu liefern

Durch einen persönlichen Kontakt gelang es uns, Cobra Beer als Partner zu gewinnen. Es handelt sich dabei um ein Start-up, das sehr erfolgreich Bier passend zu des Engländers liebster Speise, Indisches Curry, herstellen lässt und vermarktet. In der uns zur Verfügung stehenden Zeit hat unser Team stapelweise an Material gesammelt uns ausgewertet, aus dem Internet, direkt von der Firma, in Interviews mit Lieferanten, Kunden, Distributionspartnern, wir haben alle theoretischen Modelle aus unseren Strategie-Vorlesungen herausgekramt und in der Praxis angewendet.

Das Endprodukt bestand dann in einer 15 Minuten Präsentation und fünf Seiten Report, irgendwie ein Antiklimax nach all den Monaten Arbeit? Dennoch, das Strategieprojekt hat uns als Gruppe ungemein gefordert. Es ist eine Sache in einem internationalen Team eine kürzere Gruppenarbeit zu Ende zu bringen, aber ein ganz anderes Kaliber mit den Kollegen aus aller Welt zum Teil unter großem Druck und über längere Zeit intensiv zusammenzuarbeiten. Zum Glück wurde uns unser Beraterhonar in Cobra Dosen ausbezahlt, was der angeknacksten Völkerverständigung im Team sicherlich nicht abträglich war.

Block 4

Block Vier bestand aus zwei Fächern, Strategie und Corporate Governance. Schon von Anfang an hatten wir Strategie-Vorlesungen begleitend zu den regulären Kursen, jetzt zu Ende der Pflichtveranstaltungen diente der Strategiekurs als Klammer, um die vorangegangenen Fächer zusammenzubringen. Kernstück des Kurses waren die letzten Arbeiten am Strategieprojekt, über das ich im nächsten Absatz berichten werde.

Corporate Governance wurde erst in den letzten Jahren in den Kanon der Pflichtfächer gehoben, hauptsächlich als Reaktion auf Firmenpleiten wie Enron und Worldcom. Während diese Blocks ging die Suche nach Firmen richtig los, die unsere "Diplomarbeiten" unterstützen werden. Unserem Karriere-Service muss ich an dieser Stelle ein großes Lob aussprechen, Andy und sein Team haben ganze Arbeit geleistet, diverse Firmen an die Uni zu bringen und als "Sponsor" zu gewinnen. Ich selber hatte Glück, sehr schnell einen Platz bei einer amerikanischen Bank hier in London zu ergattern, und auch die meisten meiner Kollegen haben inzwischen etwas gefunden.

Block 2 und 3
Zu Beginn von Block 2 hatte sich die Hektik der ersten Wochen erst einmal gelegt. Jetzt im nachhinein ist es schon lustig, sich über die Gruppendynamik zu Studienbeginn Gedanken zu machen: zig Stunden Vorbereitung für eine unbenotete 10 Minuten Präsentation, die intellektuelle Nabelschau bei den ersten Fallstudien, die kleinen Grabenkämpfe, wer im Team welche Aufgaben übernehmen darf. St. Paul's Tavern ums Eck hat in dieser Zeit vor lauter "networkenden" Studenten wohl auch seinen Umsatz verdoppelt, nehme ich an.

Die besten Jobs von allen

Zum Glück haben die traditionsbewussten Briten ein Gesetz aus der Zeit des ersten Weltkrieges beibehalten und schließen die Pubs schon um 23.00 Uhr. Damals wurde damit sichergestellt, dass die Arbeiter pünktlich in den Munitionsfabriken erschienen, heute wird damit erreicht, dass kontaktfreudige MBAs das Beste aus ihren Studiengebühren machen.Block 2 stand unter dem Thema Business Environment. Die Hauptfächer Marketing, VWL und Finanzwirtschaft wurden durch eine Serie von Strategievorlesungen und Gastvorträgen ergänzt. Schließlich gab es kurz vor Weihnachten wieder eine Integrationswoche. In den Weihnachtsferien wurde ich von einem permanenten schlechten Gewissen geplagt, jetzt endlich mal die Bücher zur Hand zu nehmen, schließlich standen in der zweiten Januarwoche alle sechs Prüfungen der ersten beiden Blöcke an.Block 3 widmete sich den eher "weichen" Fächern Organisationspsychologie, Betriebsführung und Personalwesen, wiederum unterstützt und erweitert durch Strategievorlesungen, Vorträge von Praktikern sowie der Integrationswoche am Ende.

Das Flagship Wochenende
Der MBA gewinnt stetig an Beliebtheit und entsprechend wächst die Zahl der Anbieter dieses Studienabschlusses. Die konkurrierenden Business Schools lassen sich einiges einfallen, um sich von der Masse der Wettberber zu differenzieren. Cass bildet hier keine Ausnahme und hat sich zu den Themen Führung und Teamarbeit ein besonderes Schmankerl für seine MBA Studenten ausgedacht, das Flagship Wochenende.Die beiden Bereiche Teams und Führung dürfen in keiner Management-Ausbildung fehlen. In den vergangenen Jahren versammelte sich die Cass Studentenschaft dazu auf einem Landsitz, um unter Anleitung von Trainern sowie Dozenten in Rollenspielen und Übungen diese Themen zu simulieren. Danach wurden diese mit der notwendigen Theorie unterfüttert und vertieft (was mich eher an mein Traineeprogramm bei EnBW erinnert als an einen Universitätskurs). Dieses Jahr setzte die Schule zusätzlich zu diesem Training noch einen drauf und ersetzte den Landgasthof mit einer aktiven Marinebasis der Royal Navy. Herzstück des Wochenendes waren die 45 Minuten im DRIU, dem Schiffsuntergangs-Simulator der Britischen Marine. Vielleicht sollte ich ein wenig ausholen und erklären was es damit auf sich hat.OK, stellt Euch mal folgendes vor: Ein Schiff in schwerer See hat mehrere Treffer erhalten. Durch die Lecks unterhalb der Wasserlinie schießt Wasser in den Rumpf. Die Seeleute versuchen zunächst provisorisch Holzkeile in die Löcher zu treiben, um diese dann mit Balken und Brettern zu verrammeln. Damit nicht für jeden Lehrgang ein neues Schiff versenkt werden muss, verwendet die Royal Navy einen sogenannten DRIU. Es handelt sich dabei um eine originalgetreue Nachbildung eines Maschinenraumes der hydraulisch bewegt werden kann, um Seegang zu simulieren. Er ist dunkel und mit Rauch gefüllt, es ist laut und Wasser schwappt im Takt der Wellen durch den Raum- bis zu schultertief (bezogen auf meine 1,95 m). Nach einer kurzen Einweisung auf dem Trockenen hatte ich die herausfordernde Aufgabe, als Teamleiter eine Gruppe von acht Kolleginnen und Kollegen durch den Maschinenraum zu scheuchen und die anfallenden Aufgaben zu delegieren: Ausrüstung holen, Löcher verkeilen, einen verlorenen Hammer herauftauchen. Kaum ist ein Leck gestopft schießt an anderer Stelle schon wieder eine Fontaine in den Maschinenraum. Ein kollegialer Führungsstil ist aufgrund der stressigen Umstände nicht wirklich angebracht und ich ertappe mich dabei, mein Team mit Kraftausdrücken im Stile eines Arsenal Fans oder City Traders zu belegen. Nach einer dreiviertel Stunde im kalten Wasser waren wir alle ziemlich fertig und wollten nur noch unter die heiße Dusche. Aber schon zwei Stunden später, auf ein Glas Port im Offizierskasino, wird bereits wieder kräftig Seemannsgarn gesponnen und wir sind uns einig, dass wir dieses Erlebnis so schnell nicht vergessen werden.Ich glaube, auf einem echten Schiff wären wir ertrunken. Die technische Umsetzung des Leckstopfens war aber auch nicht wirklich Ziel der Übung, sondern die Erkenntnis, dass unterschiedliche Situationen individuelle, mitunter sehr straffe Führungsstile benötigen. Und wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, braucht man ein gutes Team, auf das man sich verlassen kann. Hätte man diese Erkenntnis auch anders transportieren können? Wahrscheinlich, aber es sind genau diese Veranstaltungen wie das Flagship Wochenende, die den MBA von einem konventionellen Studium abheben.

Block 1
Am 16. September ging es los. Und zwar gleich richtig... Die ersten zwei Wochen dienten der Orientierung, das heißt einerseits administrative Notwendigkeiten wie Computer einrichten, Ausweise und Bücherei etc. Andererseits begegneten uns die ersten Strategie-Fallstudien und auch die ersten Unterrichtseinheiten in Quantitative Methoden (Statistik).Der wichtigste Bestandteil ist jedoch das Kennenlernen der Mitstudenten, besonders der Gruppe mit der man bis Weihnachten zusammenarbeiten wird. In meinem Fall sind das zwei Engländer, ein Inder, eine Taiwanesin, eine Amerikanerin, ein Schwede und ein Norweger, mit beruflichem Hintergrund u.a. als Unternehmensberater, Marketingfachfrau und ein Spendenbeschaffer für eine Wohltätigkeitsorganisation. Wir haben keine Wahl mit wem wir zusammenarbeiten werden, mit manchen kommt man dann auch besser aus als mit anderen, Gruppendynamik entsteht zwangsläufig und es gilt sich zu arrangieren.Die Fächer des ersten Blocks sind Statistik, Buchhaltung und Informations-Management. Insgesamt haben wir pro Woche etwa 16-18 Stunden Vorlesung; vier Wochen pro Block. Das hört sich nach nicht viel an, aber die Vor- und Nachbereitung der Vorlesungen, die ständig benoteten Arbeiten, Präsentationen und Gruppenaufgaben verschlingen unglaublich viel Zeit. Alle Horrorgeschichten die man über die Arbeitsbelastung während des MBA zu lesen bekommt- zumindest während des ersten Blocks- sind0zutreffend! Die Geschwindigkeit mit der die Professoren vorgehen ist unglaublich, aber die Qualität der Lehre ist erheblich besser als die während meines Studiums in Deutschland, und man selber ist genauso wie die Kollegen hoch motiviert und so bekommt man doch einiges geschafft.Woche fünf eines Blocks besteht aus der Integrationswoche in der anhand von Gruppenarbeiten und Fallstudien das Gelernte vertieft und die Inhalte der drei Fächer miteinander verknüpft werden. Am Ende des vierten Blocks werden dann die Pflichtfächer in einer Integrationswoche zusammengezogen. Sinn und Zweck der Übung ist es, ein umfassendes Bild über die verschiedenen Fachbereiche zu vermitteln. Aufbauend auf diese gemeinsame Wissensplattform besteht dann die Möglichkeit sich mit entsprechenden Wahlfächern bis zu einem gewissen Grad zu spezialisieren. Bereits im ersten Block hatten wir eine ganze Reihe von Gastrednern die mit großer Offenheit aus Ihrer Berufspraxis berichteten: Analysten, Firmengründer, den Finanzchef eines Blue Chip Unternehmens etc.

Die Schule und die Kursstruktur
Häufig ist zu lesen, dass jeder MBA einen eigenen Charakter und bestimmte Besonderheiten aufzuweisen hat. Cass Business School hat eine der größten Fakultäten im Bereich Finanzwirtschaft in ganz Europa und die vielen hier angebotenen, spezialisierten MSc Programme stehen in den Banken der City hoch im Kurs. Die Lage der Schule mitten im Zentrum der europäischen Finanzwelt hilft sicherlich diese Ausrichtung zu erklären. Entsprechend hat der Cass MBA in der Vergangenheit viele Studenten mit einem Bank-Hintergrund angezogen und auch in meinem Jahrgang finden sich eine ganze Reihe von Tradern und Bankern.Ziel der Schulleitung ist es jedoch für den MBA in Zukunft eine breitere Ausrichtung zu erreichen. So wurden ab diesem Jahr die bislang üblichen zusätzlichen Bezeichnungen je nach Spezialisierung abgeschafft (z.B. ?MBA in Finance?, jetzt nur noch ?MBA?). Die entsprechenden Wahlfächer existieren jedoch nach wie vor. Ein eichen der Diversifizierung sind die 63 Teilnehmer meines Jahrgangs mit ihrem äußerst breit gefächerten Hintergrund: von der egyptischen Investment Bankerin zum norwegischen Theologen, vom englischen Unternehmensberater zum chinesischen Ingenieur.Die Gruppe ist dieses Jahr nur halb so groß wie in den Jahren zuvor (einerseits wurden die Zulassungskriterien verschärft, andererseits gab es aber auch weniger Bewerbungen als in den Jahren zuvor) so dass wir einen sehr intensiven Umgang mit unseren Mitstudenten und Dozenten pflegen können. Diesen Austausch schätze ich sehr und betrachte ihn als Vorteil im Vergleich mit größeren Schulen.Cass ist sehr stolz auf das neue Gebäude der Schule, das erst letztes Jahr mitten im Finanzdistrikt von der Queen eingeweiht wurde. Speziell für den Zweck errichtet ist die Qualität und die Ausstattung der Einrichtungen in der Tat hervorragend. Die Nähe zur City sorgt dafür, dass wir viele Gastredner bekommen, die direkt aus der Praxis berichten. Die Kehrseite der Medaille einer Top Lage ist jedoch ein Platzproblem das sich im Kampf um freie Computer und Besprechungszimmer äußert.Der Cass Full Time MBA dauert ein Jahr, beginnend Mitte September, und ist in fünf Blöcke (je fünf Wochen) sowie ein ?Business Research Project? untergliedert.In den ersten vier Blöcken werden die ?Core Subjects? abgedeckt, d.h. 11 grundlegende Management Disziplinen müssen verpflichtend belegt werden. Grundkenntnisse werden nicht vorausgesetzt, aber die Geschwindigkeit mit der die Themen durchgepeitscht werden ist vielfach atemberaubend. Ziel der ersten vier Blöcke ist es, uns die Grundlagen und Zusammenhänge der Wirtschaft zu vermitteln, so dass wir mit den verschiedenen funktionalen Spezialisten des Arbeitgebers konstruktiv und informiert zusammenarbeiten können.Je nach Gusto können wir dann im fünften Block aus ca. 20 Fächern sechs als Wahlfach belegen und uns so entweder spezialisieren oder inhaltlich mehr in die Breite gehen.Über die ersten vier Blöcke hinweg läuft parallel ein Strategie Projekt bei dem Teams von Studenten in Unternehmen als Berater auftreten und eine Studie für die Firma anfertigen.Die letzten drei Monate sind mit dem ?Business Research Project? ausgefüllt, also auf gut Deutsch der Diplomarbeit. Dabei können wir wählen ob wir diese während eines Praktikums für eine Firma absolvieren (die anschließend hoffentlich einen Job zu vergeben hat), oder ob wir uns klassisch in ein theoretisches Thema vertiefen wollen.Nachdem ich Euch jetzt hoffentlich einen guten grundlegenden Eindruck über die Cass Business School vermittelt habe, werde ich ab dem nächsten Beitrag mehr auf meine unmittelbaren Erfahrungen während des Studiums eingehen.Bis bald, Euer Jörg

Die Kosten und Finanzierung
Für das einjährige Vollzeitprogramm waren im Jahrgang 2003/04 an Studiengebühren £ 21.500 zu berappen. Dies beinhaltet noch keine Lebenshaltungskosten und zusätzliche Bücher. Um den angebotenen Studienplatz zu sichern ist eine Anzahlung von £1.500 erforderlich, die restlichen £20.000 können in zwei Raten bezahlt werden.London ist teuer! Mir wird immer noch schwindelig wenn ich im Pub für das hier so beliebte lauwarme Kaltgetränk zwischen £2,80-£4,00 pro Pint über die Theke reiche. Wirklich schlimm sind jedoch die Wohnungspreise. Zum Glück wohne ich privat, wenn Ihr aber auf Eure gewohnten 100 m2, renovierter Altbau nicht gerne verzichten möchtet, solltet Ihr vorsorglich mal im Lotto gewinnen. Die meisten meiner Kommilitonen sind entweder in den Halls of Residence der Universität untergebracht (und scheinbar recht zufrieden damit), oder sie sie residieren wieder wie zu Studentenzeiten in (MBA) WGs. Ein weiterer Kostenblock ist der eigene Laptop.Was die Finanzierung betrifft ist der Kelch eines Kredites zum Glück an mir vorbeigegangen. Solltet Ihr einen Kredit benötigen empfehle ich dies in Deutschland zu regeln. Als Uniabsolvent mit meinem Traineevertrag in der Tasche haben mich deutsche Finanzinstitute seinerzeit regelrecht mir Visa-Goldkarten beworfen, in England habe ich mehrere Versuche gebraucht eine Bank zu finden die mir ein einfaches Girokonto ausstellen würde.

Die Entscheidungsfindung und Bewerbung
Also MBA, soweit so gut. Sobald ich die grundsätzliche Entscheidung getroffen hatte, musste ich mir in einem nächsten Schritt darüber klar werden, welche Schule meine folgenden Kriterien am Besten abdeckt:
1.) voll akkreditierte, in Rankings gelistete und angesehene Universität,
2.) max. 12 Monate in Vollzeit,
3.) internationale Ausrichtung,
4.) englischsprachiges Ausland.
Nach intensiver Suche in Internet und dem Besuch einer MBA Messe kristallisierten sich einige britische Business Schools heraus, die diese Punkte abdeckten. Und wenn schon England, dann wollte ich nach London, aus persönlichen Gründen weil es eine faszinierende Stadt ist und aus beruflichen Gründen weil London ein hervorragendes Sprungbrett für eine internationale Karriere ist. Die Schule, die all meine Kriterien am Besten erfüllt ist die Sir John Cass Business School als Teil der City University London.
Nachträglich kann ich mir nur auf die Schulter klopfen weil ich es ausnahmsweise mal geschafft habe, rechtzeitig mit der Vorbereitung für die Bewerbung begonnen zu haben, konkret bereits vor Weihnachten 2002 für den Studienbeginn im September 2003. Es gibt eine ganze Menge zu tun vor der Bewerbung. Zunächst mal muss man nach dem guten Studienabschluss erst mal mindestens drei Jahre arbeiten. Cass verlangt 2 Referenzen, eine akademische, eine von einem Arbeitgeber. Der GMAT will vorbereitet und abgelegt werden, die Latte liegt ca. bei 600 Punkten, der Durchschnitt in unserem Jahr bei ca. 630 Punkten, Tendenz steigend. Ein gutes TOEFL Resultat ist notwendig wenn man seine hervorragenden Englischkenntnisse nicht anderweitig nachweisen kann. Nachdem ich meine Bewerbung losgeschickt hatte wurde ich innerhalb von vier Wochen zu einem Interview gebeten (das entweder telefonisch oder vor Ort erfolgen kann), innerhalb einer weiteren Woche hatte ich dann das schriftliche Angebot eines Studienplatzes.

Der Schreiber
Bevor ich über den Cass MBA berichte, möchte ich gerne einige kurze Worte über meine Person anbringen und schildern warum ich mich für einen MBA entschlossen habe.Nach meinem Sinologiestudium sammelte ich erste Berufserfahrung im Traineeprogramm der EnBW, dem drittgrößten deutschen Stromversorger. In 15 Monaten durchlief ich mit meiner Traineegruppe ein sehr intensives Ausbildungsprogramm, mit einer Sequenz aus Theorie und Praxis und vor allen Dingen einer ganzen Menge Teamarbeit. Ich erwähne dies deshalb, weil mich der MBA jetzt stellenweise eher an das Traineeprogramm erinnert, als an mein Studium an der LMU München. Dazu später mehr. Nach knapp zwei weiteren Jahren im Key Account Management meines ehemaligen Arbeitgebers hatte ich trotz viel Spaß an der Arbeit zwei wertvolle Einsichten gewonnen: 1.) Stromverkaufen kann der Karriereweisheit letzter Schluss nicht sein, 2.) ein geisteswissenschaftlicher Studienabschluss allein reicht nicht aus um mittelfristig internationale Managementaufgaben ausfüllen zu können. Ergo: MBA!Von diesem Abschluss verspreche ich mir, dass er wie eine Klammer meine internationale und meine Berufserfahrung zusammenbringen wird und mir darüber hinaus in intensiver Form alle Grundlagen des Managements vermitteln wird. Außerdem erwarte ich, dass mir dieser international bekannte und anerkannte Abschluss in Zukunft Berufswechsel wesentlich erleichtern wird.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.03.2004