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Jobs fürs Spielbein

Sabine Scheltwort
Mal was anderes ausprobieren, ein zweites Standbein schaffen oder einfach Spaß haben - es gibt viele Gründe, weshalb vor allem Gut Qualifizierte nach Feierabend nicht die Füße hochlegen, sondern einem Nebenjob nachgehen.
Mal was anderes ausprobieren, ein zweites Standbein schaffen oder einfach Spaß haben - es gibt viele Gründe, weshalb vor allem Gut Qualifizierte nach Feierabend nicht die Füße hochlegen, sondern einem Nebenjob nachgehen. "Ich habe heute früh einen kleinen Ohnmachtsanfall gehabt und habe etwas Fieber. Ich bleibe daher zu Hause. ... ich komme bestimmt heute noch, wenn auch vielleicht erst nach 12 ins Bureau." So entschuldigte sich 1912 ein Versicherungsangestellter bei seinem Chef. Er ging einem kräftezehrenden Nebenjob nach, der ihn weltberühmt machen sollte: Während er tagsüber störrische Unternehmer von der Notwendigkeit einer Arbeiter-Unfallversicherung überzeugte, saß er nachts am Schreibtisch und schrieb: "Die Verwandlung" zum Beispiel und "Der Prozess".

Man muss nicht Franz Kafka heißen, um das Bedürfnis zu haben, sich neben dem öden Hauptjob anderweitig auszutoben. Knapp 2,2 Millionen taten es im Jahr 2000, sechs Prozent aller Erwerbstätigen, ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Zwei Jahre zuvor waren es noch fast drei Millionen. Grund für den Rückgang war das 1999 verabschiedete 630-DM-Reformgesetz. Doch mit der Einführung der steuer- und sozialabgabenfreien Mini-Jobs zum 1. April werden die Zahlen "deutlich steigen", ist Prof. Johannes Schwarze von der Universität Bamberg überzeugt

Die besten Jobs von allen


Für den Kaviar

Wirtschaftliche Not ist selten der Anlass, sich einen Nebenjob aufzubürden. "Von amerikanischen Verhältnissen, dass die Menschen zwei bis drei Jobs zum Überleben brauchen, sind wir weit entfernt", sagt Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IWD). Denn wer mit seinem Entgelt nah am oder sogar unter dem Existenzminimum liegt, hat Anspruch auf Sozialhilfe oder Wohngeld.

Im Gegenteil: Es sind vor allem gut bezahlte Kopfarbeiter, die in Europa mehrere Beschäftigungen ausüben, stellt eine Studie des IWD fest. Auch in Deutschland kommen die meisten Doppeljobber aus den Reihen der Akademiker. Sie haben mit ihrer höheren Qualifikation mehr Möglichkeiten, einen Nebenjob auszuüben. Klassische Fälle: der Lehrer, der Nachhilfe gibt, oder der Beamte, der als Gutachter fungiert.

Wenn Geld der Hauptantrieb für diese Nebenjob-Elite ist, dann geht es in der Regel um den Kaviar, der nach Feierabend dazuverdient wird, weil das Haupteinkommen nur für Brot und Butter reicht. Dienstreise nach Jamaika

Viele tun's aber einfach aus Spaß. "Selbsterfüllung ist ein ganz wichtiges Motiv, wenn die Freude an der Haupterwerbstätigkeit fehlt", stellt VWL-Professor Schwarze fest. "Der Nebenjob ermöglicht es den Menschen, ihrer wahren Neigung nachzugehen, auch wenn sie es offensichtlich nicht erlaubt, allein davon zu leben."

Wie dem Musikfan Markus Hautmann, der bei gotoBavaria, einer Agentur des Freistaats für Standortmarketing, arbeitet. In seiner Freizeit moderiert der 30-Jährige die Sendung riddim&rude beim Münchener Radiosender M94,5 und schreibt für einen Musikverlag. Lohn der Mühe: eine Dienstreise nach Jamaika.

Die University of West Indies lud den Diplom-Soziologen Anfang des Jahres ein, einen Vortrag über Populärmusik zu halten.

Einen dritten, sehr lukrativen Nebenjob hat Hautmann inzwischen aufgegeben: das Organisieren von Club-Veranstaltungen. "Zwei durchgemachte Nächte in der Woche, da wirkt man morgens doch etwas zerknautscht. Das hat mein Arbeitgeber nicht so gern gesehen."

Mal was anderes ausprobieren

Wer seine Neigungen und Eignungen noch nicht genau kennt, kann sie mit einem Nebenjob ohne großes Risiko testen. Das ist gerade in Krisenzeiten zu empfehlen, wenn man sich nicht traut, einfach alles hinzuwerfen, auch wenn die Arbeit noch so frustrierend ist.

Solch einen Neuanfang nach Feierabend bereitet die Münchener Vertriebsleiterin Nicole Hachmann (Name von der Redaktion geändert) derzeit vor. Sie will sich eine Existenz als Coach aufbauen und sich damit ein zweites Standbein schaffen. Der Grund: "Ich möchte künftig in einem Job arbeiten, der mir mehr Energie gibt als nimmt. Im Moment ist es umgekehrt.

Seit zwei Jahren bildet sich die Mittdreißigerin nebenbei im Coaching weiter. Demnächst reduziert sie ihre Arbeitszeit um ein Fünftel und jobbt in einer Beratung, um Referenzen zu sammeln. Mittelfristig will sie ihre feste Stelle auf drei Tage in der Woche reduzieren und sich als Coach selbstständig machen, um dann irgendwann ihre feste Stelle ganz aufzugeben. Gründen mit Netz und doppeltem Boden

Mit ihrer Gründung auf Raten liegt Nicole Hachmann im Trend. 940.000 Menschen starteten im vergangenen Jahr nicht Vollzeit in die Selbstständigkeit, sondern probierten es erst mal nebenbei. Das sind schon über die Hälfte der 1,6 Millionen neuen Selbstständigen, stellt der Gründungsmonitor der Deutschen Ausgleichsbank fest - Tendenz steigend

Der Bonner Wirtschaftswissenschaftler Michael-Burkhard Piorkowsky hat 225 Gründungen im Zu- und Nebenerwerb untersucht:

Angestellte, die sich nach Feierabend um ihr eigenes Unternehmen kümmern, und Menschen, die sich neben ihrer Familienarbeit etwas aufbauen. Er stellt fest: "Rund die Hälfte der Gründer im Nebenjob macht die Tätigkeit später zum Haupterwerb. Dabei wollen viele mit der Sicherheit einer festen Anstellung erst mal austesten, ob die Selbstständigkeit funktioniert. Andere haben anfangs gar nicht vor, ihre feste Stelle aufzugeben, und rutschen mit der Zeit in die hauptberufliche Selbstständigkeit hinein."

Als Hauptmotiv sieht Piorkowsky bei den Freizeitgründern die Freude am selbstständigen Arbeiten. "Ich bin eigentlich ein Unternehmertyp, aber als allein erziehende Mutter brauche ich die Sicherheit eines festen Einkommens", sagt zum Beispiel Margit Stockdreher. Die 38-Jährige hat eine 25-Stunden-Stelle in der Kreisverwaltung Euskirchen. Nebenbei arbeitet die Sozialpädagogin freiberuflich als Familientherapeutin und Trainerin in Köln

Dumm nur, dass die Förderpolitik solche nebenberuflichen Selbstständigen kaum berücksichtigt. Bislang gibt es für sie nur das Mikrodarlehen und das Startgeld der Deutschen Ausgleichsbank - unter der Bedingung, dass sie eine Kalkulation vorlegen, nach der sie irgendwann ganz von ihrer Selbstständigkeit leben können.

Ob frei oder fest - ein Nebenjob bietet viel: mehr Geld, mehr Spaß, mehr Chancen. Wer allerdings schon 38 oder mehr Stunden in der Woche arbeitet, sollte sich genau überlegen, ob er sich eine regelmäßige Zweitbeschäftigung tatsächlich zumuten kann, ob nicht die privaten Beziehungen leiden und ob wirklich genügend Freiraum zum Energie-Auftanken bleibt

Der Heidelberger Zeitmanagement-Guru Lothar Seiwert warnt: "Keiner klagt auf seinem Sterbebett darüber, zu wenig fürs Finanzamt geschuftet zu haben. Aber viele bereuen, dass sie nicht genügend Zeit für Hobbys, Familie, Freunde hatten." Und Kafka ist zwar berühmt geworden, aber nicht alt.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.03.2003