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Jobs durch Blogs

Internet-Tagebücher bieten Bewerbern und Berufstätigen schnelle, authentische Informationen über Unternehmen und Jobs. Ein eigenes Weblog kann der Karriere sehr nützlich sein - vorausgesetzt man hält sich an die Spielregeln.
Internet-Tagebücher bieten Bewerbern und Berufstätigen schnelle, authentische Informationen über Unternehmen und Jobs. Ein eigenes Weblog kann der Karriere sehr nützlich sein - vorausgesetzt man hält sich an die Spielregeln.

Als Jochen Robes seinen Job verlor, ließ er die Welt daran teilhaben. In zwei Wochen werde er aus der Deutschen Bank ausscheiden, notierte Robes in seinem Weiterbildungsblog, den er für sein Spezialgebiet E-Learning eingerichtet hatte. Wie es jetzt weitergehen solle, wisse er noch nicht. "Ich habe eine Phase des Nachdenkens und der Neuorientierung eingeplant."

Die besten Jobs von allen


Doch dazu kam es nicht: Kurz nach diesem Eintrag in sein Internet-Tagebuch fand Robes neben vielen aufmunternden Postings seiner 3.000 täglichen Leser zwei Jobangebote in der Mailbox. Im Februar trat er seine neue Stelle als Leiter der Content-Abteilung bei dem E-Learning-Spezialisten X-Pulse im Saarland an. 17 Monate Bloggen hatten sich ausgezahlt.

Heute schon gebloggt?

Weblogs, online gestellte Tagebücher oder Journale, die jeder einsehen und kommentieren kann, entwickeln sich zum Renner im Kommunikationsraum Internet. In den USA, Mutterland der Blog-Welle, werden acht Millionen Weblogs von 32 Millionen Menschen regelmäßig gelesen. Deutschland zählt 50.000 Tagebuchschreiber, und auch hier wächst die Gemeinde rasant: Pro Woche kommen mindestens tausend neue Blogs hinzu.

Das Geheimnis ihres Erfolgs: Weblogs sind authentisch, aktuell und oft hoch informativ. Wie Schiffskapitäne in ihren Logbüchern, notieren Privatleute, was sie bewegt und interessiert. Blogger kommentieren Tagesgeschehen und Trends, bei Spezial- und Nischenthemen sind sie unschlagbar. Weil sie stark untereinander verlinkt sind, werden sie leicht von Suchmaschinen gefunden und stehen auf den Google-Trefferlisten ganz oben. Blog-Leser erhalten Insiderinformationen und können Einträge kommentieren und ergänzen.

Der Informationsvorsprung, den Blogger so gewinnen, nutzt auch ihrer Karriere, wie im Fall von Robes. Wer jetzt auf den Zug aufspringt und einen eigenen Blog startet, hat gute Chancen, sich als Experte für ein Thema zu etablieren, weiß Robes. "Noch sind viele Themen unbesetzt.

Logbücher für alles und Jeden

Und weil das Betreiben von Blogs eine radikal subjektive Veranstaltung ist, unterscheiden sie sich in Größe, Inhalt und Form so wie das Logbuch eines sibirischen Flößers von dem eines amerikanischen Kreuzfahrtkapitäns. Es gibt Blogs privater, halb-professioneller sowie professioneller Natur. Zu den privaten zählen Diaries, persönliche Tagebücher, die häufig unter Pseudonymen veröffentlicht werden. Es gibt Warblogs, in denen oft ausufernde politische Diskussionen geführt werden.

Halb-professionell sind Fachblogs wie das Weiterbildungsjournal, mit dem sich der Privatmann Robes als E-Learning-Spezialist positioniert hat. Es gibt Knowledge Blogs, mit denen Projektteams oder studentische Arbeitsgruppen ein Thema diskutieren, Corporate Blogs zur internen Kommunikation hinter der Firewall sowie Business Blogs, mit denen Unternehmen ihre Kunden zu erreichen suchen. Zu dieser Kategorie zählen auch Blawgs, in denen Anwälte Urteile und Gesetze kommentieren und neue Mandanten akquirieren. Weltweit entstehen täglich 30.000 neue Web-Tagebücher. Und mit ihrer Verbreitung wächst ihr Einfluss. Nachrichten aus der "Blogosphäre" beschäftigen zunehmend Presse, Unternehmen und inzwischen auch die Gerichte. In den USA wirken die Internet-Tagebücher auf die Meinungsbildung, haben schon Unternehmen mit allzu vollmundigen Versprechungen und schlecht recherchierende Reporter zu Fall gebracht. Politiker nutzen Blogs im Wahlkampf, Blogger werden wie Journalisten mit Pressemitteilungen versorgt und zu Pressekonferenzen eingeladen

Die Aufmerksamkeit, die die Online-Journale erfahren, wirkt auf die Internet-Logbücher zurück: Unternehmen lassen die "Blogosphäre" genau beobachten und gehen juristisch gegen unliebsame Schreiber vor. Schon hat Naivität und Dreistigkeit die ersten Blogger zu Fall gebracht

Alarmierte Arbeitgeber

Beispiel Ellen Simonetti. Die Stewardess erlangte zweifelhafte Berühmtheit, weil sie sich für ihr Blog als "Queen of Sky" der "Anonymous International Airlines" mit halb geöffneter Bluse in einer Flugzeugkabine ablichten ließ. Ihr Arbeitgeber Delta Airlines fand die Fotos in hauseigener Tracht nicht witzig und kündigte der Queen of Sky. Seitdem reißen die Sympathiebekundungen für Ellen Simonetti im Netz nicht ab

Im Januar feuerte das Internet-Unternehmen Google seinen Produktmanager Mark Jen, der in seinem Weblog die Arbeitsbedingungen bei Google mit denen seines vorherigen Arbeitgebers Microsoft verglich. Doch Mark Jen kann es nicht lassen: Seit März arbeitet er beim kalifornischen US-Software-Unternehmen Plaxo - und bloggt munter weiter. Auch in Deutschland gibt es erste Blogs über Interna und Firmen(un)kulturen, aus denen Beobachter Dinge erfahren, die woanders nicht stehen: Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi betreibt ein Blog über Lidl, in dem sich Mitarbeiter über das Betriebsklima beim Lebensmitteldiscounter auslassen. Das Berliner Call Center Novitel scheiterte mit einer Klage gegen den Provider Dirk Olbertz von blogger.de, die Identität derer preiszugeben, die unter Pseudonym haarklein über die Arbeitsbedingungen bei Novitel berichtet hatten

Manche Leute seien schlicht naiv in ihren Blogs, meint Weiterbildungsblogger Jochen Robes. "Wenn Sie ein Flugblatt produzieren, auf dem Sie Interna ausplaudern, müssten Sie mit denselben Konsequenzen rechnen." Man solle nicht die Chefs beim Namen nennen oder über Kollegen lästern. Auch Betriebsfinanzen hätten in einem Blog nichts zu suchen. Auch Robes blieb nur deshalb unbehelligt von seinem Arbeitgeber Deutsche Bank, weil er die Blog-Gesetze kannte. "Wer sich an die Spielregeln hält, kann von einem Blog profitieren.

EigenWerbung via Blog

In den USA raten Experten wie der Unternehmer J. Scott Johnson Absolventen dazu, einen Blog im Hinblick auf einen Job zu beginnen: "Schreiben Sie ein Blog über Ihre Kenntnisse oder Ihre Interessen", rät Johnson. Damit erregten Kandidaten auch ohne Berufserfahrung bei Unternehmen Aufmerksamkeit. Tim Bray, Technology Director von Sun Microsystems, listet zehn Gründe auf, warum Bloggen gut für die Karriere ist. Die wichtigsten: Blogger sind besser informiert - auch über neue Jobs - und machen sich einer breiten Öffentlichkeit bekannt

Nicht immer wird wie bei Jochen Robes gleich ein Job rausspringen. Für viele Personaler, die von karriere auf das Thema angesprochen wurden, sind Weblogs noch Bücher mit sieben Siegeln. Doch das kann sich rasch ändern, und auch Robes schreibt eisern weiter. "Ich weiß ja, es zahlt sich aus." Auch in der E-Learning-Szene hat er sich so einen Namen gemacht, Professoren sprechen ihn auf Konferenzen an. "Das Netzwerken über das Blog hat sich schon über den Job hinaus gelohnt.

Astrid Oldekop
Ab in die Blogosphäre
Facts & Figures
blogstats.de erfasst über 47.000 deutsche Weblogs. Hier findet sich die Hitparade der Top 100. Man erfährt, zu welchen Tageszeiten gebloggt wird und wie viel Blogs pro Woche hinzukommen.
www.blogplan.de zeigt, wo Blogger wohnen. 1.300 haben sich bislang auf der Landkarte eingetragen.

Suche
www.technorati.com Suchmaschine speziell für Blogs.
liste.blogger.de listet deutsche Weblogs nach Themen gegliedert auf.
newkidsontheblog.de verweist auf Blogs, die jünger als 30 Tage sind

Themen-Blogs
www.weiterbildungsblog.de Jochen Robes schreibt über Studien, Forschungsergebnisse und Artikel zum Thema E-Learning.
bildung.twoday.net Das Bildungsblog informiert über Bildung, Lernen und Lehren, nur registrierte Nutzer dürfen schreiben.
www.lawblog.de Der Düsseldorfer Anwalt Udo Vetter schreibt über den Alltag eines Juristen und kommentiert Urteile.
www.verdi-blog.de/lidl Im Gewerkschafts-Blog tauschen Lidl-Mitarbeiter ihre Erfahrungen aus.
bewerberleben.blogg.de Pieter van Tongen bloggt über die Leiden von Bewerbern.
www.ichkannsonichtarbeiten.net/blog/ Die Beraterin Stephanie Dann schreibt über Burnout-Syndrome.
www.jobblog.ch Der Schweizer Coach gibt in seinem Jobblog Tipps für den Berufsalltag.
www.bildblog.de ist ein Weblog über die Bild-Zeitung. Vier Journalisten überprüfen in ihrer Freizeit den Wahrheitsgehalt des Boulevard-Blattes.
blogs.sun.com/roller/ listet über 40 Blogs von Mitarbeitern des Unternehmens Sun Microsystems auf.
blogs.msdn.com/heatherleigh/ Heather Hamilton, Recruiting-Manager bei Microsoft, schreibt über ihren Job

Selber bloggen
Die meisten Anbieter hosten Blogs kostenlos und öffnen den Weg zum eigenen Blog in drei Clicks: Daten eingeben, Blog benennen, einloggen.
www.myblog.de; www.blogg.de; www.20six.de; www.twoday.net; www.blogigo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 27.05.2005