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Jobs auf Knopfdruck

Peter Nederstigt
Mit JobTV24 ging Mitte Januar der erste Spartensender für Job und Karriere auf Sendung. Über hippe Studio-Optik im Giga-Design und die Verschmelzung von Fernsehen und Internet will der neue Kanal arbeitsuchende Zuschauer anlocken.
Mit JobTV24 ging Mitte Januar der erste Spartensender für Job und Karriere auf Sendung. Über hippe Studio-Optik im Giga-Design und die Verschmelzung von Fernsehen und Internet will der neue Kanal arbeitsuchende Zuschauer anlocken

Eckige Brille, Denkerstirn und Rollkragenpulli: Rainer Zugehör sieht nicht aus wie jemand, der täglich viele Stunden vor dem Fernseher verbringt. Der 35-Jährige hat promoviert und Bücher zu Themen wie Kapitalismus, Globalisierung und Südafrika geschrieben, bei der Audi AG war er enger Mitarbeiter von Personalvorstand Horst Neumann, dem Hartz-Nachfolger bei VW (siehe karriere 01/2006). Da bleibt wenig Zeit fürs Fernsehen, könnte man denken. Doch gerade die Arbeit brachte Zugehör auf die Idee, einen kleinen Fernsehsender zu gründen

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"80 000 Stunden unseres Lebens verbringen wir mit Arbeit", verrät die Homepage von JobTV24. Da erschien es Zugehör und seinem Geschäftspartner Oliver Christians an der Zeit, dem Thema Job und Karriere einen eigenen Sender zu widmen. Seit dem 11. Januar ist JobTV24 nun on air und präsentiert vorerst über Astra Digital acht Stunden täglich Stellenangebote, Arbeitgeber und Tipps für die Stellensuche (siehe Kasten). "Fernsehen bietet die einzigartige Möglichkeit, Unternehmen erlebbar zu machen", so Zugehörs Idee

Arbeit auf die lockere Art
Heimat des neuen Senders ist die Insel Eiswerder bei Spandau im Nordwesten von Berlin. Über eine alte Eisenbahnbrücke, die in einen Agentenroman von John le Carré passen würde, gelangen Mitarbeiter und Studiogäste auf das kleine Eiland inmitten der eisbedeckten Havel. Früher ließen die preußischen Könige hier Munition produzieren. Die Backsteinbauten zeichnen sich in der untergehenden Sonne gegen den Winterhimmel ab. Auf den ersten Blick wirkt das Gelände ziemlich verlassen.

In der JobTV24-Redaktion herrscht dagegen auch acht Stunden nach Sendestart noch reges Treiben - obwohl derzeit nur eine Stunde Sendezeit pro Tag produziert wird. Gerade hat die Köchin Pasta serviert, die 15 Mitarbeiter scharen sich um einen großen Tisch im Loft. Auch Produktionsleiter Christians ist dabei, nachdem er gerade noch 20 Minuten im Aufzug feststeckte. Im hinteren Teil des Lofts stehen einfache Schreibtische und Schnittplätze, dazwischen eine alte Kamera aus den Zeiten, als Fernsehen noch richtig teuer war. Anfang Dezember hat die Redaktion ihr Domizil bezogen und bis zum Sendestart rund 20 Stunden Material produziert. Vorerst sendet JobTV24 nicht live, zeigt jede Stunde Aufzeichnungen, im Wechsel zwar, aber immer wieder

Einmal pro Woche, jeweils donnerstags, packen die Mitarbeiter - Redakteure, Moderatoren, Maskenbildner - ihre Notebooks ein und ziehen in das Nachbargebäude um, wo das Studio von JobTV24 liegt. Ledersofa, Sprechpult und Schreibtische für die Redakteure vor Backstein-Kulisse - nicht zufällig erinnert das Ganze an das Erscheinungsbild des Jugendsenders Giga TV. "Das haben wir nachgebaut, weil wir die Themen ähnlich locker wie Giga TV vermitteln wollen", geben die beiden Macher unumwunden zu

Am liebsten hätte JobTV24 gleich ganz aus dem Giga-Studio in Düsseldorf gesendet. Doch stattdessen wurde es Eiswerder. "Die Insel bietet viel Platz für ein Unternehmen, das wachsen möchte", so die Begründung für den Standort Berlin. Bis vor kurzem produzierte dort die Firma Eventisland Fernsehproduktionen wie die "witzigsten Werbespots der Welt". Weil das Programm nicht lief und Eventisland Pleite ging, sprangen die JobTV24-Gründer ein. Fernsehen ist eben ein schnelllebiges Geschäft


JobTV24 möchte kein Arbeitslosenfernsehen sein. Aus diesem Grund stellt der Sender vor allem Unternehmen und Branchen vor, die Mitarbeiter suchen, und gibt Tipps für die Stellensuche und die Absicherung des privaten Umfelds. Gegenwärtig sendet JobTV24 täglich von 9.30 Uhr bis 17.30 Uhr über Astra Digital. Das Programm richtet sich an Schüler, gewerbliche Fachkräfte, Akademiker und Selbstständige. Jede Sendestunde ist in vier entsprechende Blöcke unterteilt: Im Starters Club finden Schüler und Einsteiger Hilfe bei Berufsentscheidung, Studienwahl und Start ins Jobleben. Die Job-Fabrik präsentiert Jobs für gewerbliche Fachkräfte in Deutschland wie auch im europäischen Ausland und gibt Tipps für Zeitarbeit und das richtige Timing für einen Jobwechsel. In der Karriere-Lounge werden vor allem Studenten und Nachwuchsführungskräfte bedient. Hier stellt JobTV24 Stellenangebote für Hochqualifizierte vor und gibt Hinweise zu Themen wie erste Führungsaufgabe, Arbeitszeugnis und Sabbaticals. Die Gründerwerkstatt bietet Starthilfe für den Gang in die Selbstständigkeit und stellt Netzwerke für Jungunternehmer vor. Aufbereitet werden die Themen in redaktionellen Beiträgen, Studiogesprächen und bezahlten Unternehmens- und Stellenporträts. Einzelne Berichte stehen im Internet zum Download zur Verfügung. Außerdem können dort kostenpflichtige Beratungsangebote bestellt werden.

Prominente Partner
Schnell ging es auch mit ihrem Projekt voran. Über die Arbeit an Audi TV, einem Betriebsfernsehen für den Autohersteller, lernten sich Zugehör und Christians, der bereits Erfahrung im Fernsehgeschäft mitbrachte, kennen. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, dem Stellenmarkt, der in den vergangenen zehn Jahren bereits das Internet erobert hat, eine dritte Dimension hinzuzufügen. Innerhalb weniger Monate stand die Finanzierung, Kooperationspartner waren ebenfalls schnell gefunden

So gibt etwa Berufsberater Jürgen Hesse gute Tipps zum Thema Jobsuche, und auch die karriere-Redaktion wird mit ihrem geballten Know-how zu sehen sein. Zu den Geldgebern zählt Roland Metzger, Gründer des Stellenportals Jobpilot und Hauptgesellschafter der Web-Börse Worldwidejobs, deren Angebote nun auch über die Internet-Seite des neuen Senders einzusehen sind. "Ausschlaggebend für meine Beteiligung waren die Synergien zwischen Internet und Fernsehen", lobt Metzger die JobTV-Idee

Fernsehen multimedial
Ex-RTL-Chef Helmut Thoma, der im Beirat des neuen Senders sitzt, spricht gar vom Anbruch einer neuen Ära in der Fernsehlandschaft: "Es wird eine ungeheure Zahl von Sendern entstehen. Vor allem bei Lebenshilfeprogrammen wie Gesundheits- oder eben JobTV gibt es einen unheimlichen Bedarf."

Ausschlaggebend für den prognostizierten Boom ist die neue Digitaltechnik, die zum einen die Geräte zur Produktion von Filmen erschwinglich macht und zum anderen erlaubt, viel mehr Sender als früher auszustrahlen. So sendet auch JobTV24 zuerst tagsüber über Astra Digital und könnte damit nach eigenen Angaben bis zu zwölf Millionen Menschen erreichen - sofern sie tagsüber vor dem Fernseher sitzen. In den nächsten Monaten will der Sender auch in die Regionalprogramme der lokalen Kabelnetze, um seine Reichweite erheblich zu erhöhen.

Große Erwartungen setzen Zugehör und Christians außerdem in die Sendeplattform Internet: "Über Internet-TV ist die Reichweite nahezu unbegrenzt." So wird auf der Online-Plattform neben Stellenanzeigen und Beratungsangeboten das Fernsehprogramm als Stream, also laufendes Programm, oder zum Runterladen angeboten. "Die Zukunft der transnationalen Kommunikation liegt im Internet, denn im Vergleich ist der Satellit trotz Digitaltechnik noch immer teuer", prophezeit auch Christoph Lanz, Direktor des Fernsehprogramms der Deutschen Welle, die ihr Programm bereits seit Jahren parallel im Internet anbietet. Für einen Komplettumstieg allerdings sieht Lanz den Zeitpunkt noch lange nicht gekommen. Zu schlecht sei die Sendequalität, zu groß die Bandbreite, die Fernsehen via Internet erfordert

Skeptisch steht Lanz daher den Werbezügen des Münchener Unternehmens Artvoice gegenüber, das ein Patent auf das so genannte IP-TV hält, einen Übertragungsstandard, der laut Artvoice-Gründer Ingo Wolf billiger als herkömmliche Internetstreams ist, mehr Leute erreicht und bessere Bildqualität bietet. "Wir können sogar schon in hochauflösendem HDTV senden", sagt Wolf, der 220 Internet-Kanäle wie Arbeitsrechts-TV aufgebaut hat

Sicher ist, dass die Medien Internet und Fernsehen verschmelzen und im Zusammenspiel neue Möglichkeiten bieten. Bis dahin wollen Rainer Zugehör und Oliver Christians JobTV24 zur ersten Anlaufstelle bei der Jobsuche im Fernsehen entwickeln - und es weiter gebracht haben, als es Eventisland in seinen Studios schaffte

Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2006