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Job-Boom bei Wirtschaftsprüfern

Von D. Fockenbrock
Die großen Gesellschaften profitieren von der Umstellung auf internationale Bilanzregeln und Sonderaufträgen.
Personalbedarf bei Wirtschaftsprüfern. Tabelle: Handelblatt
DÜSSELDORF. Das Geschäft der Wirtschaftsprüfer boomt. Verschärfte Bilanzierungsvorschriften, mehr Sanierungsprogramme und steigende Fusionsaktivitäten füllen die Auftragsbücher vor allem der großen Gesellschaften wie KPMG, Pricewaterhouse-Coopers (PWC) oder Ernst & Young. Allein die Big Five in Deutschland wollen deshalb im nächsten Jahr fast 3 500 Mitarbeiter neu einstellen, rund 500 mehr als im laufenden Jahr. Damit scheint eine schwierige Phase der Branche, ausgelöst durch die großen Bilanzskandale, vorerst beendet zu sein.Das sieht auch Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher beim Institut der Wirtschaftsprüfer (IdW), so. Die Imageprobleme der Branche seien Vergangenheit. In der gesamten Branche beobachtet er eine Marktbelebung. Vor allem KPMG und Ernst & Young stocken kräftig auf. Die Prüfungsfirmen müssen sich allerdings inzwischen anstrengen, an den Hochschulen Nachwuchs zu rekrutieren. ?Die Branche war unattraktiv geworden?, räumt der Sprecher einer der führenden Prüfer ein.

Die besten Jobs von allen

Offiziell heißt es bei allen dazu aber nur: Es gebe keine Probleme, die Stellen mit qualifizierten Bewerbern zu besetzen. Zumal bei Gesellschaften wie KPMG jährlich an die 25 000 Bewerbungen für Junior-Jobs und auch für Praktikantenstellen eingehen. Doch in der Branche ist es kein Geheimnis, dass der Imageverlust zuletzt immer mehr Studenten davon abhielt, sich auf Themen wie Steuern, Bilanzierung oder Revision zu spezialisieren. Solche Spezialisten aber suchen die Prüfer.?Die wachsende Nachfrage nach Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern hat jedoch wenig mit einer Konjunkturerholung in Deutschland zu tun?, stellt Herbert Müller, Vorstandschef von Ernst & Young, klar. Vielmehr profitierte die Branche von der verschärften Regulierung, vom neuen Boom bei Transaktionen und von der Restrukturierung vieler Unternehmen.Zudem bringt die Umstellung vieler Konzerne auf die internationale Rechnungslegung IFRS mehr Arbeit. Nur noch elf Prozent der gut 130 Industrie-, Handels- und Dienstleistungskonzerne aus allen Dax-Segmenten legten 2004 Abschlüsse nach dem deutschen Handelsgesetzbuch (HGB) vor. Auch der weltgrößte Chemiekonzern, BASF, wechselt in diesem Jahr.Weil parallel zum IFRS- auch ein HGB-Abschluss erstellt werden muss, ergebe sich zwangsläufig ein ?erhöhter Prüfungsaufwand?, hieß es auf Anfrage. Dazu kämen weitere Prüfungs- und Bewertungsaufgaben, wodurch sich ?für Wirtschaftsprüfer mehr Betätigungsfelder ? ergäben.Auch der heftig umstrittene Sarbanes Oxley Act, den die US-Börsenaufsicht SEC nach den Bilanzskandalen bei Enron und Worldcom eingeführt hatte, schafft in Deutschland mehr Arbeit. Alle an der Wall Street notierten Konzerne, neben BASF auch Daimler-Chrysler, Eon oder SAP, stöhnen unter der Last der zusätzlichen Dokumentations- und Prüfpflichten.Gut für das Geschäft der Bilanzierungsexperten ist zudem das wachsende Interesse ausländischer Investoren am Standort Deutschland. Hiesige Unternehmen oder Konzernteile jeder Größenordnung sind bei internationalen Käufern derzeit gefragt. ?Und überall brauchen Sie Prüfer und Berater?, sagt Müller. Allein dieses Geschäft bringt bei Ernst & Young einen Zuwachs von 20 Prozent.Hinzu kommt: Wirtschaftsprüfer erschließen sich neue Geschäftsfelder. Etwa in der Forensik. Gemeint sind Sonderaufträge rund um das Thema Korruption bei Unternehmen. Bei den ?Forensic Services? konkurrieren sie allerdings mit Anwaltskanzleien und anderen Beratern.In diesem Bereich hat die KPMG in diesem Jahr den dicksten und spektakulärsten Auftrag an Land gezogen: Der Branchenprimus analysiert Vorgänge und Folgen des Sex- und Bestechungsskandals bei Volkswagen. Den Jahresabschluss prüft jedoch der Wettbewerber PWC.In Deutschland gibt es nach Verbandsinformationen rund 12 000 Wirtschaftsprüfer. Doch das Geschäft konzentriert sich zunehmend auf die fünf Großen. So sind die führenden Dax-Konzerne auf KPMG und Co. gebucht. Keiner der mittelgroßen Prüfer wie zuletzt Rölfs und Partner aus Düsseldorf ist mehr mit Dax-Firmen im Geschäft. Zudem richten die großen Prüfungsgesellschaften ihren Fokus auf ein neues Gebiet: den Mittelstand.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.11.2005