Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Jetzt oder nie

Von Markus Hennes
Thomas Ludwig bringt heute den Stahlhändler Klöckner & Co. an die Börse. Ein riskantes Manöver, weil viele Anleger verunsichert sind. Im Vorfeld musste er den Ausgabepreis bereits massiv senken.
DÜSSELDORF. Thomas Ludwig sehnt den heutigen Tag herbei. Zwei Wochen lang ist der Vorstandsvorsitzende des Duisburger Stahl- und Werkstoffhändlers Klöckner & Co. durch die halbe Welt gejettet, um Anlegern seine Börsen-Story zu verkaufen.Die Roadshow, wie solche Präsentationen vor Investoren im Branchenjargon heißen, führte ihn nach Frankfurt, München, New York, Zürich, Genf, Mailand und nach London. ?In meinem Bett?, sagt Ludwig, ?habe ich nur am Wochenende geschlafen.? Ludwig ist überzeugt, dass sich der Einsatz gelohnt hat. ?Unsere Botschaft kommt an?, sagt er ? und hofft heute auf einen guten Börsenstart von Klöckner & Co.

Die besten Jobs von allen

Von Nervosität ist ihm nichts anzumerken. Enge Mitarbeiter beschreiben ihren 57-jährigen Chef als scharfen Analytiker, der auch in brenzligen Situationen die Ruhe bewahrt: ?Wir sind gut unterwegs, dass werden die Anleger goutieren.?Riskant ist der Börsengang nicht nur, weil das 1906 gegründete Stahlhandelsunternehmen außerhalb der Branche ein Nobody, sondern auch weil das Marktumfeld schwierig ist. Viele Anleger sind verunsichert, weil der Deutsche Aktienindex Dax seit Mitte Mai 20 Prozent einbüßte. Erst am vorigen Freitag legte der Industriekranhersteller Demag Cranes einen durchwachsenen Start auf dem Börsenparkett hin, obwohl das Unternehmen den Ausgabepreis und das Emissionsvolumen verringerte.Auch Klöckner & Co. hat auf die Talfahrt der Aktienkurse reagiert und den Preis sowie das Emissionsvolumen deutlich gesenkt. Eine Verschiebung des Börsenganges kam nicht in Frage. Maximal 333 Millionen Euro will Ludwig über die Börse einsammeln. Eigentlich sollten es 500 Millionen Euro werden. Anleger konnten die Aktien bis gestern in einer Preisspanne von 15 bis 18 Euro zeichnen. Der Ausgabepreis dürfte etwa in der Mitte liegen. ?Die Emission ist vollständig gezeichnet?, hieß es in Finanzkreisen.Vom Emissionserlös fließt rund ein Drittel auf das Firmenkonto. Der Rest geht an den Finanzinvestor Lindsay Goldberg & Bessemer (LGB), der Klöckner & Co. Anfang 2005 von der WestLB übernahm. Als Kaufpreis zahlte LGB 320 Millionen Euro und übernahm noch rund 800 Millionen Euro Nettofinanzverbindlichkeiten sowie Pensionsrückstellungen. Nach dem Börsengang will LGB noch etwa 60 Prozent der Aktien halten. Ludwig, den ein einstiger Weggefährte als zielstrebig und ehrgeizig beschreibt, will die rund 100 Millionen Euro aus dem Börsengang nutzen, um weitere Schulden abzubauen, und er verspricht neuen Aktionären ?ein jährliches Umsatzwachstum von mindestens fünf Prozent bei steigender Rendite?.Ludwig, der seine gesamte Karriere in der Stahlbranche verbracht hat, geht davon aus, dass der aktuellen Fusionswelle auf Seiten der Produzenten eine starke Konsolidierung auf Seiten der Händler folgen wird. Schließlich gäbe es in Europa mit rund 3 000 und in Nordamerika mit 1 300 Unternehmen im Handel ?noch sehr viele kleine Spieler?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Wir haben eine gewisse Einkaufsmacht"Mit einem Umsatz von knapp fünf Milliarden Euro ist Klöckner & Co. heute der größte produzentenunabhängige Stahlhändler in Europa. Sechs Millionen Tonnen Stahl kauft das Unternehmen pro Jahr direkt bei allen wichtigen Produzenten ein. Das ist mehr, als der Automobilhersteller VW pro Jahr benötigt.?Wir haben also eine gewisse Einkaufsmacht?, sagt Ludwig selbstbewusst. Als Konkurrent der großen Stahlkonzerne sieht er sich aber nicht, eher als Partner. Mit Ausnahme der Automobilindustrie beliefern die Produzenten nämlich keine Endkunden. Vor allem bei der Versorgung kleinerer Abnehmer aus der Bauindustrie und dem Maschinenbau könne Klöckner & Co. sein engmaschiges Netz mit 238 Lagerstandorten als Absatzkanal für die Produzenten ins Spiel bringen. ?Wir bieten eine Vielzahl von Leistungen an, die über die Anarbeitung bis zur Lagerhaltung reichen?, beschreibt Ludwig sein Geschäftsmodell. Seit November 2003 steht der schlanke, mittelgroße Manager mit dem zurückdrängenden, grauen Haar an der Spitze des Unternehmens. Mit 55 wollte Ludwig es noch einmal wissen, nachdem er bei seinem vorigen Arbeitgeber Thyssen-Krupp die höchste Stufe der Karriereleiter erreicht hatte.Als er den Chefposten in Duisburg übernahm, hatte Klöckner & Co. gerade eine existenzbedrohende Krise und zwei Gesellschafterwechsel innerhalb kürzester Zeit hinter sich. Zunächst hatte der Eon-Konzern das Unternehmen an die britisch-iranische Balli-Gruppe verscherbelt. Weil die Finanzierung platzte, landete Klöckner & Co. wenig später bei der WestLB. Zuvor hatte Balli 140 Millionen Euro von den Klöckner-Konten abgeräumt. Die Drahtzieher der Transaktion sind heute rechtskräftig verurteilt.Dass Klöckner & Co. nicht dauerhaft bei der WestLB bleiben würde, war Ludwig schon damals klar. Da traf es sich gut, dass der frühere Thyssen-Chef Dieter Vogel neuer Europa-Statthalter für LGB geworden war. Denn Ludwig und Vogel kennen sich seit der gemeinsamen Zeit bei der Thyssen Handelsunion. Bereits kurz nach dem Verkauf von Klöckner & Co. an LGB schmiedeten die beiden den Börsenplan.Die Kraft für den anstrengenden Job sammelt Ludwig bei der abendlichen Buchlektüre und bei klassischer Musik, vor allem von Bach und Mozart. Außerdem gehört der verheiratete Vater dreier erwachsener Kinder zur Schar derer, die das Düsseldorfer Rheinufer als Jogging-Strecke nutzen. ?Das macht den Kopf frei?, findet Ludwig.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.06.2006