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Jetzt kommt der Unterstützer

Von C. Dohmen, O. Stock; Handelsblatt
Terry Clarke löst Dirk Lohmann als Chef des Schweizer Rückversicherers Converium ab.
ZÜRICH. Warum, so fragte sich ein Manager in der soliden Vorstandsetage eines deutschen Rückversicherers gestern, warum geschieht es erst jetzt? Warum geht Converium-Chef Dirk Lohmann acht Monate zu spät von Bord? Bereits im vergangenen Sommer war der Schweizer Rückversicherer so richtig tief in jene Krise gerutscht, die Lohmann selbst mit zu verantworten hatte. Und warum übernimmt jetzt ein 63-Jähriger namens Terry Clarke dieses Himmelfahrtskommando, fragen sich die lieben Kollegen weiter.Es war im Juni des vergangenen Jahres, als Lohmann entdeckte, dass die Rückstellungen des Versicherers für das US-Haftpflicht-Geschäft nicht ausreichen würden. Der stets zu kernigen Sprüchen aufgelegte Lohmann verstummte. Sein breites Lachen hinter dem Vollbart gehörte mit einem Mal nicht mehr zu seinem Repertoire. Der Aktienkurs des Unternehmens, das bisher als Shooting-Star und willkommene Konkurrenz zu den Branchenriesen Münchener Rück und Swiss Re gehandelt worden war, brach ein. Börsenkapital von mehr als einer Milliarde Franken (657 Millionen Euro) wurde vernichtet. Damit das Unternehmen flüssig blieb, war eine hastige Kapitalerhöhung nötig. Und um zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht, beschloss Converium, sich aus dem US-Geschäft zurückzuziehen.

Die besten Jobs von allen

Das Pikante: Die möglichen Schäden stammen aus einer Zeit, als Lohmann für das US-Geschäft des Converium-Vorgängers zuständig war. Er hätte also den Überblick haben müssen, zumal Lohmann den Maßstab an sich selbst immer hoch ansetzte: Risikoeinschätzung sei absolute Chefsache, hieß stets sein Motto.Warum hat er so danebengelegen, fragte sich damals offenbar auch der entsetzte Verwaltungsrat und entsandte eines seiner Mitglieder in den Vorstand: Terry Clarke. Clarke ist das Gegenteil des hemdsärmeligen Deutsch-Amerikaners Lohmann. Erinnert der eine, Lohmann, von Aussehen und Statur her eher an einen Heldentenor, ist der andere ein Buchhalter: ruhig, man könnte auch sagen steif. Wenn er sich vorstellt, verliert er kein Wort zu viel. Seit dem Jahr 2002 ist er Mitglied des Verwaltungsrates von Converium und behält diesen Posten auch weiterhin. Er wurde im vergangenen September zum Managing Director ernannt und ?unterstützte? nach offizieller Sprachregelung in dieser Position seinen gestern gefeuerten Vorgänger Lohmann. ?Das hält niemand lange aus?, lautete schon damals der Kommentar eines Schweizer Kollegen. Aber Lohmann hielt es aus. Immerhin acht lange Monate. ?Wahrscheinlich war er der Einzige, der den Laden gut gekannt hat. Der Verwaltungsrat traute sich einfach nicht, auf Lohmanns Know-how zu verzichten?, mutmaßt ein Kollege. Der Vorstand stärkte ihm zudem demonstrativ den Rücken. Und Terry Clarke war wie gesagt nur ein Unterstützer.Jetzt verdrängt der Unterstützer den Chef. ?Wir haben uns nicht mit Ruhm bekleckert?, räumt Lohmann ein. ?Ich habe gelernt: Never say never?, sagte er jüngst, als er noch nicht ahnte, wie sich diese Worte bewahrheiten würden. ?Der Verwaltungsrat hält einen Wechsel im Management für erforderlich , um eine langfristige kulturelle Transformation in Gang zu setzen und das Vertrauen der Anteilseigner in das Unternehmen wiederherzustellen?, erklärte Verwaltungsratspräsident Peter Colombo gestern. Aus der Formulierung ?erforderlich? darf geschlossen werden, dass Lohmann nicht von sich aus die Rolle des tragischen Helden abgegeben hat.Clarke soll nun den Neuanfang suchen und zunächst mal die ?Verbesserung der Kommunikation zwischen Verwaltungsrat und Unternehmensleitung? angehen. Lohmann habe zum Schluss vorwiegend schriftlich mit seinem Verwaltungsrat kommuniziert, heißt es von Mitarbeitern. Der Neue ?verfügt über umfangreiches versicherungsmathematisches Fachwissen und langjährige Managementerfahrung in der Versicherungsbranche?, beteuert die Pressestelle des Unternehmens. Bevor Clarke zu Converium kam, war er an führender Stelle im Nordamerika-Geschäft beim Versicherungsberatungsunternehmen Tillinghast-Towers Perrin tätig. Dass damit auch Clarke, der ja schon länger im Verwaltungsrat des Rückversicherers sitzt, die Risiken des Nordamerika-Geschäfts genauer hätte einschätzen können ? darüber schweigt sich das Unternehmen in seiner gestrigen Mitteilung aus.Warum ein 63-Jähriger den Job macht ? auch darüber gibt es nur Spekulationen bei der Konkurrenz. Klar ist, dass der Schleuderstuhl bei dem angeschlagenen Rückversicherer alles andere als ein begehrter Job in der Branche ist. ?Wir werden Zeit brauchen, bis wir das Vertrauen zurückgewonnen haben?, hatte schon Lohmann eingeräumt, als er noch öffentlich auftrat. Wie verzweifelt die Lage ist, zeigt auch die Fahndung nach einem neuen Finanzchef: Sie läuft seit vier Monaten. Bisher ohne Erfolg.Klar ist, dass Clarke nicht für den Neuanfang steht. Er ist vorbelastet. ?Er ist eine Übergangslösung?, räumte ein Analyst ein. Die Börsianer sahen das gestern genauso: Sie ließen die Converium-Aktie erneut zeitweise um fünf Prozent absacken. Gleichwohl wäre es vorschnell, den spröden Engländer zu unterschätzen. Clarke verfügt über ein umfangreiches Fachwissen. Schließlich ist sein Ex-Arbeitgeber Tillinghast eines der Top-Beratungsunternehmen in der Versicherungsbranche.Clarke ist für seinen trockenen Humor bekannt ? eine Eigenschaft, mit der er ab heute die frustrierten Mitarbeiter in der Züricher Converium-Zentrale aufmuntern kann. Der Versicherer hat eine Berg-und-Tal-Fahrt hinter sich. Der Start drei Monate nach den Anschlägen von New York war alles andere als einfach.Doch dann konnten die Schweizer nach der Abspaltung von der Muttergesellschaft Zurich Financial vor allem auf dem deutschen Markt punkten. Je dünner die Luft im vergangenen Jahr wurde, desto klarer wurden jedoch Lohmanns Defizite: Inhaltlich hatte er Risiken unterschätzt, als Patron für gebeutelte Mitarbeiter taugte er nicht.Jetzt ist es Clarkes Job, die Talfahrt zu stoppen. Endlich.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.02.2005