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Jetzt für später planen

Von Martin Gerth, Handelsblatt
Die unter 50-Jährigen haben keine Wahl, sie trifft die Schwäche der sozialen Sicherungssysteme besonders hart. Ein besseres Leben im Ruhestand mit luxuriösen Hobbys bleibt für viele künftige Rentner eine Illusion. Jetzt für später sparen ? das ist der einzige Weg, um die Lücke zwischen gewohntem Einkommen und niedriger Rente zu schließen. Doch das ist nicht so einfach.
Jetzt für später sparen ? das ist der einzige Weg, um die Lücke zwischen gewohntem Einkommen und niedriger Rente zu schließen. Doch das ist nicht so einfach. Die Regierung erhöht die Beiträge zu den Sozialversicherungen ? den Bürgern bleibt weniger, um Rücklagen zu bilden. Der Frankfurter Vermögensverwalter Lutz Gebser nimmt es mit Zweckoptimismus: "Sparen ist eine Freude, wenn man sieht, wie das Vermögen wächst.Die Menschen folgen damit einem Urinstinkt." Diesen Instinkt hat der Staat mit seinen nun nicht mehr haltbaren Versorgungsversprechen lange betäubt. Jetzt will er die private Vorsorge wieder ankurbeln ? etwa mit der Riester-Rente. Doch die ist mit zu vielen Zwängen verbunden.

Die besten Jobs von allen

Und gesichert ist der Ruhestand damit keineswegs. In einer Berechnung der Landesbank Baden-Württemberg heißt es, dass die Bundesbürger insgesamt mindestens acht Prozent ihres Bruttolohns für die Altersvorsorge zurücklegen müssten, um die drohenden Lücken zu schließen. Acht Prozent ? das ist doppelt so viel, wie in der Riester-Rente letzten Endes bezuschusst wird.Die gesetzliche Rente wird nicht reichenDoch wie findet der Vorsorgesparer ein Gleichgewicht zwischen nötiger Vorsorge und möglichen Sparraten, damit noch ein finanzieller Spielraum für das Leben vor der Rente bleibt? Die WirtschaftsWoche stellt an drei Beispielen vor, wie Anleger ihr Geld sinnvoll einsetzen, um im Alter eine hohe Privatrente zu bekommen. Der 33-jährige Single geht anders vor als der 40-jährige Familienvater oder der 50-Jährige, der geschieden ist.Gemeinsam ist ihnen nur: Für keinen von ihnen wird die gesetzliche Rente reichen. Bisher bekommen Rentner laut Gesetz noch rund 70 Prozent ihres letzten Nettolohns. Im Jahr 2011 werden es nur noch 64 Prozent sein. Selbst dieses niedrige Niveau erreicht meist nur der imaginäre "Eckrentner", der 45 Versicherungsjahre in die gesetzliche Rentenkasse einzahlt und jährlich den statistischen Durchschnittslohn verdient.Schon Ende der Neunzigerjahre bekamen Ruheständler meist nur 60 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens, weil sie nicht der Fiktion des Eckrentners entsprachen. Ein Beispiel: Der Eckrentner verdient vor dem Rentenbeginn 1531 Euro netto. Seine Rente beträgt dann 1062 Euro, also 70 Prozent davon.Gutverdiener haben im Alter ein ProblemDie normale Berufskarriere verläuft aber anders, von der Lehre bis zum letzten Ausstand steigt das Einkommen Schritt für Schritt. Nur Beamte können sich aber über eine Pension freuen, die 70 Prozent des letzten, also höchsten Nettoeinkommens entspricht.Für Gutverdiener in der Privatwirtschaft ist der Lebensstandard mit der gesetzlichen Rente nicht zu halten. Selbst Arbeitnehmer, die 40 Jahre lang immer den maximalen Beitrag in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben und deren Lohn immer über der Beitragsbemessungsgrenze lag, bekommen heute nur eine monatliche Rente von rund 1790 Euro.Nur wenige Haushalte haben genug gespart, um Rentenlücken zu stopfen. Und wer etwas hat, legt das Vermögen vielfach noch schlecht an, sagt der Reutlinger Finanzanalytiker Volker Looman: "In den Familien dreht sich alles um den Beruf und die Kinder. Um die privaten Finanzen kümmert sich niemand." Maximal fünf Prozent Rendite holen die Deutschen mit ihren Sparstrategien im Schnitt heraus, vermutet Markus Zschaber von der V.M.Z. Vermögensberatung in Köln. Das lässt sich optimieren.96 Rentner werden auf 100 Beitragszahler kommenZum Beispiel für den 33-jährigen Single. Wenn sein Ruhestand im Jahr 2035 vielleicht beginnt, müssen im Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung nach Berechnungen des Verbandes der Rentenversicherungsträger 100 Beitragszahler 96 Rentner finanzieren.Der junge Sparer legt die Latte für seine private Zusatzrente mit gewünschten 3900 Euro im Monat sehr hoch, weil er dem System nicht traut und auch keine betriebliche Altersvorsorge hat. Er befürchtet, dass er sich wegen des Preisanstiegs für diesen Betrag in 30 Jahren nur noch die Hälfte dessen leisten kann, was er heute dafür bekäme. Außerdem könnte der Staat die Rentner künftig stärker besteuern.Zudem kalkuliert er mit einem langen Leben als Rentner, wie es die Statistiken nahe legen. 30 Jahre lang will er die Rente kassieren. Ein ehrgeiziges Ziel, dafür muss er bis zum 65. Geburtstag über 700 000 Euro ansparen. Erzielt er die genannten fünf Prozent Rendite nach Steuern, dann muss er 32 Jahre lang monatlich 800 Euro anlegen. Für den Single, der 70 000 Euro verdient und zielstrebig mit weiteren Gehaltssteigerungen rechnet, ist das zunächst kein Problem.Mit der Familie wird das Vorsorge-Budget knapperWenn er aber später eine Familie hat, wird das Budget enger. Bevor er sich über die Altersvorsorge Gedanken macht, muss er sich für den Fall der Berufsunfähigkeit absichern.Dass der 33-Jährige auch gerne ein eigenes Haus hätte, ist für die Finanzstrategie ebenfalls wichtig: "Vor der langfristigen Geldanlage muss diese Frage geklärt werden, denn sie engt den Sparer in der Auswahl der Anlagen ein", erklärt Tom Friess vom VZ-Vermögenszentrum in München.Der Vorteil der eigenen vier Wände: Im Alter können Immobilieneigentümer mietfrei wohnen und kommen dann mit kleineren Renten über die Runden. Der Nachteil: Zunächst muss die Finanzierung stehen ? zum Zeitpunkt des Immobilienkaufs muss das Eigenkapital pünktlich bereitstehen und dazu sicher auf einem Konto ruhen.Bei der Rendite muss der Sparer Abstriche in Kauf nehmen, etwa mit einem Bausparvertrag. Wegen der hohen Planungssicherheit rät Experte Looman derzeit zu einem Bausparvertrag bis maximal 50 000 Euro, um sich niedrige Zinsen für später zu sichern.Aktienfonds kommen für Immobilieninteressenten nur in Frage, wenn sie risikobereit sind und den Hauskauf notfalls verschieben können. Der erhoffte Betrag steht nach einem Kursrutsch nicht in vollem Umfang zur Verfügung, daher sollte sich der 33-Jährige aus dem Beispiel mit einem Aktienanteil von 15 Prozent an seinen Sparraten begnügen.Wer hingegen kein Haus kaufen will, sollte als junger Sparer die Renditechancen der Börse nutzen. Nach der Faustformel "100 minus Lebensalter" könnte ein 30-Jähriger 70 Prozent des Vermögens in Aktien oder Aktienfonds investieren. Vorausgesetzt, er will das Geld nicht schon mit 40 für eine Investition fest einplanen.Fest einplanen ? das geht erst recht nicht, wenn der Anleger die Rendite mit besonders hohen Risiken aufpeppen will. So rät Peter Martin von der Vermögensverwaltung VM-Gruppe in Düsseldorf Anlegern, einen kleinen Teil ihrer Sparleistung in Aktien von Internetunternehmen zu stecken ? ausgerechnet. "Wer bis jetzt überlebt hat, arbeitet mit einem guten Geschäftsmodell. Die Papiere bieten große Chancen."Branchenfonds eignen sich nichtMarkus Zschaber rät Anlegern zu einem konservativeren Aktienengagement. Er empfiehlt bei einem Anlagehorizont von 15 Jahren welt- oder europaweit anlegende Aktienfonds. Sie sind nicht so riskant wie aggressive Branchenfonds, die sich auf eine Sparte spezialisieren.Einen hohen Aktienanteil kann sich der 40-jährige Familienvater, Fall zwei in unseren Beispielen, leisten: mindestens 30 Prozent. Denn er besitzt bereits eine nahezu schuldenfreie Eigentumswohnung und eine Kapitallebensversicherung ? gute Grundlagen fürs Alter.Die Versicherungssumme von 60 000 Euro reicht aber nicht aus, um die Familie zu versorgen, wenn der Versicherte stirbt. Eine Risikolebensversicherung müsste den Fehlbetrag ausgleichen. Zusammen mit einer Prämie für die Berufsunfähigkeitsversicherung und für den üblichen Haftpflicht- und Hausratschutz muss die Familie für die Absicherung tief in die Tasche greifen.Fünf Prozent für Lebensversicherungs-EinzahlungenDamit wird die Luft eng für die Altersvorsorge, denn der 40-jährige Familienvater müsste 540 Euro monatlich zurücklegen und das Geld aus der Lebensversicherung einplanen, um bei einer Rendite von fünf Prozent pro Jahr ab dem Jahr 2028 dann 30 Jahre lang eine gleichmäßige Monatsrente von 2000 Euro zu bekommen.Die Kapitallebensversicherung ist für den 40-Jährigen eine risikoarme und bequeme Anlageform. Bei Lebensversicherungen springen langfristig etwa fünf Prozent heraus, aber Versicherte müssen Nachteile in Kauf nehmen.Eine Rentenversicherung ist die bessere Wahl für Sparer ab dem 50. Lebensjahr. Berufstätige Paare, bei denen beide ab 65 eine eigene gesetzliche Rente erwartet, müssen sich wenig Sorgen machen. Wer jedoch erst spät mit der privaten Vorsorge beginnen kann, muss mit hohen Beträgen vorsorgen.Aktienrisiko nicht überstrapazierenDas gilt für den 50-jährigen Geschiedenen, dessen Einnahmen bisher auch den Unterhalt von Frau und Kindern finanzierten. Die sicherste Variante ist für ihn eine Rentenversicherung mit einer Laufzeit von 15 Jahren. Mit 65 kann er sich dann, nach heutiger Rechtslage, entweder das angesammelte Kapital steuerfrei auszahlen lassen, oder er vereinbart monatliche Rentenzahlungen bis zu seinem Lebensende.Mit einer Mischstrategie ? Einzahlungen in eine Rentenversicherung und in einen Aktienfonds ?, kann der 50-Jährige sein späteres Vermögen erhöhen, wenn sich die Aktienanlage gut entwickelt. Das Aktienrisiko sollten die Sparer aber nicht überstrapazieren: Ihnen bleibt bis zum Rentenbeginn nicht viel Zeit, um lange auf eine Erholung der Aktienmärkte zu warten.Wer sich an die Faustformel "100 Prozent minus Lebensalter" hält und mit 50 Jahren die Hälfte seines Geldvermögens in Aktien investiert, der muss sich darauf einstellen, dass ihm nicht sein ganzes Vermögen mit 65 zur Verfügung steht.Enttäuschungen kann es auch bei guter Planung gebenFür gut verdienende 50-Jährige, die bereits Eigenkapital gesammelt haben, gibt es auch eine Alternative: den Kauf einer Eigentumswohnung zum Vermieten. Das lohnt sich aber nur, wenn der Käufer ein paar Regeln beachtet: "Lage und Ausstattung müssen stimmen, und der Kaufpreis sollte ohne Nebenkosten das 20fache der Jahreskalt-miete nicht übersteigen", rät Looman.Zudem muss der Käufer spätere Kosten für die Instandhaltung einkalkulieren. Die Immobilienschulden sollte der 50-Jährige trotz höherer Monatsraten zügig tilgen, um mit dem Rentenstart schuldenfrei zu sein.Vermögensverwalter Gebser hat 1980 eine Eigentumswohnung im noblen Frankfurter Westend gekauft und je Quadratmeter 5000 Mark gezahlt. "Der Preis ist bis heute nicht wesentlich gestiegen. Ich hatte zu Höchstpreisen gekauft", gibt Gebser zu. Von einer Rendite kann er nur träumen.Profi Gebser weiß: Auch wer seine Finanzen sorgfältig plant, ist nicht vor Enttäuschungen sicher. "Man muss immer wieder die Bereitschaft haben, von vorn anzufangen und darf nie sagen, man sei zu alt."Quelle: Wirtschaftswoche
Dieser Artikel ist erschienen am 14.04.2004