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Jentzsch, der „treulose Gesell“

HVB-Finanzmarktvorstand Stefan Jentzsch gilt als eine Koriphäe auf seinem Gebiet. Sein Weggang - vermutlich zum Konkurrenten Dresdner Bank - schmerzt die Münchener sehr, zumal sie fürchten, dass weitere Investmentbanker zusammen mit ihm abwandern werden.
HVB-Vorstand Jentzsch geht - und löst damit eine Führungskrise bei der HVB aus. Foto: dpa
HB MÜNCHEN. Investmentbanker gelten als treulose Gesellen. Winkte ein Konkurrent mit höheren Bonus-Zahlungen oder mit attraktiveren Aufstiegsmöglichkeiten, sind in den vergangenen Jahren oft ganze Teams von einer Bank zur nächsten gewechselt. Zwar ist es zuletzt etwas ruhiger geworden. Nun könnte aber ein spektakulärer Wechsel bevorstehen. ?Es laufen Gespräche?, hieß es am Montag aus der Dresdner Bank.Wo HVB-Privatkundenvorstand Christine Licci bleibt, ist unbekannt. Sie hatte zusammen mit Jentzsch gekündigt - wohl weil der neue Hausherr, Unicredito-Chef Alessandro Profumo, ihre Macht zu sehr beschnitten hatte.

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Bei der Hypo-Vereinsbank und speziell in der Investment-Sparte ist die Enttäuschung groß. ?Hier sind 2000 Mitarbeiter in München, die es am Wochenende kalt erwischt hat?, heißt es in Unternehmenskreisen. Jentzsch sollte nach der Übernahme durch Unicredito eine zentrale Rolle im neuen Konzern spielen und dabei auch die Fahne der Münchner gegen die drohende italienische Übermacht hochhalten. Der Gesamtbetriebsrat erklärte, der Rücktritt Jentzschs sei eine böse Überraschung. Er genieße viel Anerkennung und Respekt bei Mitarbeitern und Kunden. ?Sein Rücktritt kommt umso überraschender und ist schwer nachvollziehbar.?Jentzschs Ressort ?Corporates & Markets? steuerte einen Großteil der Erträge und der Gewinne der Bank bei. Er hat die Sparte unter anderem bei der Begleitung von Anleihe-Emissionen, dem Anleihe- und Aktienhandel und der Finanzierung von Akquisitionen stark gemacht. Bei der HVB das Firmenkundenkreditgeschäft und die Kapitalmarktaktivitäten miteinander verzahnt - etwas, was die Dresdner Bank erklärtermaßen forcieren will. Daher gilt das Interesse der Dresdner in der Branche als verständlich.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jentzschs Wechsel nährt Spekulationen um Abspaltung der Investmentbanking-Sparte bei der Dresdner Bank.?Er hat im Markt einen sehr, sehr guten Namen?, sagt ein HVB-Aufsichtsrat über Jentzsch. Allerdings dürften die Verhandlungen über die Vertragsdetails nicht einfach sein. Jentzsch werde sich sicher nicht so einfach unter Bank-Chef Herbert Walter einreihen. ?Möglicherweise stellt die Dresdner Jentzsch eine Verselbstständigung und einen Börsengang von Dresdner Kleinwort Wasserstein unter seiner Führung in Aussicht?, sagt ein Branchenkenner.Eine größere Eigenständigkeit der Investment-Sparte ist auch bei HVB und Unicredito angedacht. In der Branche wird nicht ausgeschlossen, dass Gespräche mit der Dresdner über eine Zusammenlegung der Einheiten - die es früher bereits gab - eines Tages wieder aufgenommen werden könnten.Was Jentzsch letztlich zu seiner Kündigung getrieben hat, ist weiter unklar. Es habe zwar Streit mit Alessandro Profumo um den Zuschnitt des Ressorts gegeben, heißt es im Umfeld. Angeblich will Profumo vor allem auf den Vertrieb von Produkten für die eigenen Privat- und Firmenkunden setzen, Jentzsch dagegen weiterhin hohes Risiko mit hohen Renditechancen fahren. ?Allerdings waren hier die Entscheidungen noch gar nicht gefallen?, sagt ein HVB-Funktionär. Verwiesen wird auch darauf, dass Jentzschs Familie noch in Frankfurt lebt. ?Allerdings hätte er sich das auch schon im Sommer überlegen können?, heißt es in Unternehmenskreisen.So hinterlässt der Weggang des Managers Verbitterung in der Bank. ?Natürlich denkt man da an das Klischee des seelenlosen Investmentbankers?, sagt ein Unternehmenskenner. Der frühere Goldman- Sachs-Partner Jentzsch habe es zwar finanziell sicher nicht nötig, wegen des Geldes zu wechseln. Es sei aber sicher, dass sich die Dresdner und ihr Mutterkonzern Allianz einen Wechsel Jentzschs einiges kosten lassen würden.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.11.2005