Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Jenseits aller Grenzen

Von Peter Brors
Klaus Tschira macht gleich zweimal Karriere: erst als Mitgründer des Software-Konzerns SAP und nun auch als Wohltäter. Voller Tatkraft kümmert er sich um seine Stiftung und gibt Millionen aus, um die Naturwissenschaften im Lande zu fördern.
HEIDELBERG. Die Aufgabe, die Klaus Tschira, 66, seinen Besuchern gerne stellt, lautet: ?Verbinden Sie neun quadratisch angeordnete Punkte mit vier geraden Strecken, und das in einem einzigen Zug.? Während der Gast noch grübelt, nimmt Tschira in einem weitläufigen Wintergarten Platz, gießt sich in aller Ruhe ein Mineralwasser ein und sagt: ?Ich bin immer Tüftler gewesen und werde es immer bleiben.?Der Mann mit den freundlichen blauen Augen, die hinter einer, sagen wir, zeitlosen Brille funkeln, dem gepflegten, grauen Vollbart und der insgesamt rundlichen Gemütlichkeit, die an diesem Morgen in einem weißen Fleece-Pullover steckt, hat gleich zwei Karrieren hingelegt, die nahezu ohne Beispiel sind:

Die besten Jobs von allen

Erst gründete der Physiker mit seinen IBM-Kompagnons Dietmar Hopp, Hasso Plattner, Hans-Werner Hector und Claus Wellenreuther 1972 eine Firma namens ?Systemanalyse und Programmentwicklung?, die als SAP groß, bekannt, berühmt und schon bald milliardenschwer wurde. Dann zog sich Tschira mit 57 Jahren aus dem operativen Geschäft zurück.Seither macht er Karriere als Wohltäter und kümmert sich mit voller Tatkraft um seine Stiftung, die er 1995 mit 21 Millionen SAP-Aktien oder dem Gegenwert von damals 1,4 Milliarden D-Mark aus seinem privaten Depot versorgte. Mit der Folge, dass der scheinbar immerzu prosperierende Softwarekonzern aus Walldorf mittels regelmäßiger Dividendenüberweisung in meist zweistelliger Millionenhöhe auch heute noch das gemeinnützige Wirken seines einstigen Vordenkers speist.Dies ist durchaus vielfältig, auch wenn es sich dabei irgendwie immer auch um Tschiras weit gespannte Leidenschaft handelt, die Naturwissenschaften. Also fördert er Forschungsvorhaben aus Informatik und Physik, Mathematik, Astronomie, Biologie und Chemie, am liebsten im eigenen gemeinnützigen Forschungsinstitut EML Research.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er erfüllt die Tagungsräume mit Leben Die mit viel Glas verkleidete und mit modernster Kommunikationstechnik ausgerüstete Forschungsstätte ist Teil der historischen Villa Bosch, die zu den prächtigsten Bauten Heidelbergs zählt. Gelegen hoch über dem südlichen Neckarufer, diente das Anwesen dem einstigen Vorstandschef der BASF, Geheimrat Carl Bosch, ab 1922 als Landhaus. Hier, umgeben von einem in Terrassen angelegten Garten samt Teich und Springbrunnen, ließ der Neffe des Stuttgarter Unternehmensgründers Robert Bosch seine Gedanken schweifen. Hier verbesserte er die industrielle Umsetzung der Ammoniakherstellung; eine Arbeit, die ihm 1931 den Nobelpreis eintrug.Klaus Tschira sagt: ?Dass die Naturwissenschaften auf diesem geschichtsträchtigen Gelände schon immer eine besondere Wertschätzung erhielten, passt zu unserem selbst erklärten Stiftungsauftrag: ,die Naturwissenschaften und deren Wertschätzung zu fördern?.?Heute ist es der Stifter höchstpersönlich, der Tagungs- und Computerräume mit Leben erfüllt. Gehört doch Tschira zu der in Deutschland selteneren Stifter-Spezies, die ihre auf Ewigkeit angelegten Lebenswerke auch selbst führt. So taucht der Gründervater gerne mal bei Besprechungen auf, fragt, hört zu, gibt Anregungen. ?Das führt schon auch dazu, dass man einen gewissen Druck verspürt, Ergebnisse zu präsentieren?, verrät ein EML-Wissenschaftler und nennt die Atmosphäre in der Villa ?irgendwie anstrengend, aber auch leistungsfördernd?.60 Mitarbeiter und Stipendiaten, dazu ungezählte Studierende verwandeln das Villa-Gelände in einen lebendigen Campus samt Kaffee-Ecken und Kantine, in der sich Tschira bei Schnitzel und Rotkohl unter die Doktoranden mischt. Er sagt: ?Obwohl die Grundlagen für künftiges Wachstum in den Naturwissenschaften gelegt werden, wird die Forschung in diesen Disziplinen hier zu Lande sträflich vernachlässigt.? Im Wissen um diesen Missstand, aber auch aus dem Antrieb, endlich Zeit für alle Dinge zu haben, die ihn persönlich faszinieren, entstand früh der Stifter-Gedanke. Ein SAP-Gefährte erinnert sich: ?Klaus war eigentlich immer ein ausgeglichener Mensch, aber seit er das Gefühl hatte, SAP läuft jetzt von selbst, da bekam er den Drang, noch einmal was ganz anderes zu machen, am besten was Nützliches.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Stiftungsarbeit verschlingt viel Geld Das ist Tschira ?eindrucksvoll gelungen?, heißt es beim Bundesverband Deutscher Stiftungen. Aber die Stiftungsarbeit verschlingt auch viel Geld, ein Umstand, der eine renditeoptimierte Verwaltung des Stiftungsvermögens erfordert. Als die Stiftung im Frühjahr 2005 aus Diversifikationsgründen für 600 Millionen Euro Aktien verkaufte, sorgten sich Aktionäre, Tschira könnte sich auch von seinen privaten SAP-Wertpapieren trennen. Der aber beruhigt: ?Kommt nicht in Frage.? Immerhin hat er ja als Aufsichtsrat bei SAP auch dem Unternehmen gegenüber eine Fürsorgepflicht, die er mit doppelter Aufmerksamkeit wahrnimmt: ?Geht es der Firma gut, geht es der Stiftung gut.?Mit der hat er noch einiges vor. So stiftet er seit ein paar Jahren den Klaus-Tschira-Preis für verständliche Wissenschaften. Prämiert wird die bundesweit jeweils beste Doktorarbeit, die dazu geeignet ist, einem breiten Publikum eine bedeutsame naturwissenschaftliche Materie nachvollziehbar darzulegen. Mit dem Jugendsoftwarepreis und den naturwissenschaftlichen Aktionstagen ?explore science? möchte er jungen Leuten die Faszination der Naturwissenschaften vermitteln. Er gibt Geld für Forschungsprojekte und die Einrichtung neuer Lehrstühle an Universitäten im ganzen Land. Aber eben auch echte Basisarbeit wie im stiftungseigenen EML Research findet seine Aufmerksamkeit. Dort orientieren sich die Wissenschaftler ausdrücklich an langfristigen Zielen, untersuchen beispielsweise komplexe Probleme der künstlichen Intelligenz oder der Systembiologie.Die Ergebnisse sollen privaten Nutzern und Wissenschaftlern zugleich zugute kommen und Theorie und Praxis zusammenführen. So entwickelten EML-Forscher einen digitalen Schwimmtrainer für Hochleistungssportler. Aber auch die beiden Physiker, die entdeckten, dass sich Tesa-Film als Datenspeicher eignet, erhielten Fördermittel, um ihre Arbeit am EML fortzusetzen. ?Auf all diese Weise glaube ich, dass ich das Geld effektiver einsetzen kann als der Staat die von ihm eingesammelten Steuern?, sagt Tschira.Dabei achtet er auf schlanke Strukturen, die Verwaltung seiner Stiftung kommt mit sechs fest Angestellten aus. Um sich viele Handlungsfreiheiten bei der Verteilung der Gelder zu erhalten, hat er sich für eine gemeinnützige GmbH als Gesellschaftsform entschieden. Die hat den Vorteil, dass sie nur der Kontrolle des Finanzamts unterliegt, nicht aber der Stiftungsaufsicht. ?Natürlich ist das Vermögen in Form der gestifteten SAP-Aktien für immer meinem direkten Einfluss entzogen, aber indirekt möchte ich als Geschäftsführer eben doch, so weit es irgendwie geht, darüber bestimmen, wie das Geld am sinnvollsten investiert wird.?Während er das sagt, steht er im holzgetäfelten Kaminzimmer vor einem großen Ölgemälde, das Carl Bosch gelassen mit einer Hand in der Hosentasche zeigt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Stifter und StiftungZum Abschied deutet Tschira auf ein Symbol, das neben dem Eingang an einer Glaswand hängt. Es zeigt in einem hellblauen Quadrat neun blaue Punkte, die durch eine pfeilförmige Linie miteinander verbunden sind. Es stellt das Logo der Stiftung und die Lösung seines Eingangsrätsels dar.?Sie können die Punkte nur verbinden, wenn Sie über die Grenzen des Quadrats hinaus denken?, klärt Tschira auf. ?Und das ist genau das, was ich auch von meinen Stipendiaten und Forschern erwarte: ,die Suche nach Lösungen jenseits eingebildeter Grenzen?.?Stifter Klaus Tschira wird am 7. Dezember 1940 in Freiburg im Breisgau geboren. Nach dem Physik-Studium in Karlsruhe arbeitet er als Systemberater bei IBM. 1972 gründet er mit Partnern die Softwarefirma, die heute als SAP zu den Großen der Branche zählt. Im Mai 1998 wechselt er vom operativen Geschäft in den SAP-Aufsichtsrat.Stiftung Klaus Tschira Stiftung gGmbH (gemeinnützige GmbH), gegründet 1995.Zweck: Förderung der Naturwissenschaften, der angewandten Informatik und der Mathematik durch Forschung, Schülerprojekte und die Unterstützung der Lehre an Hochschulen in diesen Fächern. Kapital: 818 600 000 Euro; jährliche Ausschüttung: rund 11 000 000 Euro.Kontakt: Geschäftsstelle: Frau Beate Spiegel, Villa Bosch, Schloss-Wolfsbrunnenweg 33, 69118 Heidelberg, Tel.: 0 62 21/53 31 01 Internet: www.kts.villa-bosch.de
Idee und Anregung zur Serie: Nikolaus Turner, Mitglied des Beirats des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und Geschäftsführer der Kester-Haeusler-Stiftung
Dieser Artikel ist erschienen am 30.01.2007