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Jeder vierte Industriearbeitsplatz in Gefahr

Jeder vierte Industriearbeitsplatz in Deutschland droht druch die Abwanderung von Firmen in Niedriglohnländer wegzufallen. Im schlimmsten Fall gehen zwei Millionen Arbeitsplätze verloren.
HB BERLIN. Bis zum Jahr 2015 könnten im schlimmsten Fall zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gehen, hieß es in einer am Donnerstag veröffentlichten Studie der Boston Consulting Group (BCG). Dabei sei der Bevölkerung die Gefahr der Verlagerung von Fertigung ins billigere Ausland noch immer nicht ausreichend bewusst: ?Nur eine Minderheit verfolgt die Entwicklung aufmerksam.? Als Rezepte gegen den Verlust von Industriearbeitsplätzen schlägt die BCG vor, neue Arbeitszeitmodelle zu verwirklichen und Lohnverzicht zu üben. Außerdem müssten als Ausgleich neue Jobs in Zukunftsbranchen und im Dienstleistungssektor entstehen.Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach zufolge registrieren zwar 64 Prozent der Deutschen die Abwanderung einer großen Zahl von Unternehmen und erwarten 62 Prozent, dass die Abwanderung zunimmt. Gleichzeitig sehen aber nur 40 Prozent den Standort Deutschland dadurch ernsthaft in Gefahr. ?Die überwältigende Mehrheit interessiert dieses zukunftsentscheidende Thema nur begrenzt?, erklärte die BCG.

Die besten Jobs von allen

Industriebranchen unterschiedlich von Verlagerung betroffenDabei stehe die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland erst am Anfang, sagte BCG-Geschäftsführer Peter Strüven. So hätten sich die Importe aus Osteuropa und Asien binnen sechs Jahren bis 2003 auf sechs Prozent der Industriebeschaffung verdoppelt. Der Umfang und das Tempo der Verlagerung hänge dabei in hohem Maße von den Gesamtkosten und der Verlagerungsfähigkeit des jeweiligen Produktes ab, weshalb einzelne Industriezweige unterschiedlich betroffen seien. Neben Kostenvorteile spielten auch Risikoüberlegungen, die Liefergeschwindigkeit und die Struktur der Zulieferermärkte eine wichtige Rolle.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Politik muss Bildungsoffensive starten?Am stärksten von der Verlagerung betroffen sind weitgehend standardisierbare, arbeitsintensive, gut zu transportierende Produkte, bei denen Lieferzeiten und Risiken zu kontrollieren sind?, sagte der Mitautor der BCG-Studie, Ralf Spettmann. Dazu zählten etwa Elektrogeräte oder Sofas. Variantenreiche Produkte wie Autositze könnten aber auch künftig wettbewerbsfähig in Deutschland produziert werden, ebenso Lebensmittel oder Medizin. Kühlschränke, Schuhe und Fernseher würden dagegen bald nahezu ausschließlich in Osteuropa oder Asien hergestellt werden.Nach den Worten Strüvens kostet die Produktion eines Fernsehers in Deutschland rund 251 Euro, in China nur 190 Euro. Die Lohnkosten betrügen in Fernost ein Sechstel, die Kosten für Teile weniger als die Hälfte des deutschen Vergleichswertes. Folglich würden die Apparate zunehmend in Asien gefertigt: ?Der Konsumententrend Geiz ist geil verstärkt diese Tendenz.?BCG: Politik muss Bildungsoffensive startenAus Sicht der BCG sind Innovation und die Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen die entscheidenden Voraussetzungen dafür, die Abwanderung von Industriearbeitsplätzen aufzuhalten oder zu verlangsamen. Von der Politik müssten zudem der Niedriglohnsektor weiter geöffnet werden und eine Bildungsoffensive gestartet werden. ?Die Antwort liegt nicht darin, auf chinesische Lohnniveaus herunter zu gehen?, sagte Strüven. An Wochenendarbeit, erfolgsabhängigen Löhnen oder Lohnverzicht führe in einigen Branchen aber kein Weg vorbei.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.10.2004