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Jeder hat Benimm ? nur der andere nicht

Von Claudia Tödtmann, Handelsblatt
Schlechter Benimm, der ärgert mich richtig,? sagt Konstantin Mettenheimer, Partner der internationalen Top-Anwaltskanzlei Freshfields. Damit meint der Frankfurter nicht das korrekte Vorstellen oder dass man eine Dame vorgehen lässt. Er zielt eher auf Vorfälle wie diesen ab: Dass in einer Runde mit Vorgesetzten der einzige Nachgeordnete keinen Kaffee in seine Tasse eingeschenkt bekommt . ?Als Zeichen mangelnder Wertschätzung und Achtung.?
HB. Schlechter Benimm, der ärgert mich richtig,? sagt Konstantin Mettenheimer, Partner der internationalen Top-Anwaltskanzlei Freshfields. Damit meint der Frankfurter nicht das korrekte Vorstellen oder dass man eine Dame vorgehen lässt.Er zielt eher auf Vorfälle wie diesen ab: Dass in einer Runde mit Vorgesetzten der einzige Nachgeordnete keinen Kaffee in seine Tasse eingeschenkt bekommt . ?Als Zeichen mangelnder Wertschätzung und Achtung.? Dann greift Mettenheimer selbst zur Kanne. Bei der nächsten Runde. Dann gießt er erst dem Übergangenen ein, dem Underdog in diesem Kreis, und erst zuletzt bedient er den Übeltäter. Demonstrativ.Der Fall ist noch harmlos. Tatsächlich spielt sich das Leben im Job-Alltag eher so ab: Da mailt ein Bayer seiner Kollegin als es um einen Fall von Frauendiskriminierung geht: ?Ich kann doch nichts dafür, wenn Sie keine Kinder bekommen.? Oder: Ein Team hat einen weiblichen Gast. Mit ihr stürzen der Chef und sein Vize in den bereits zur Hälfte besetzten Fahrstuhl ? und lassen die verblüffte Teamkollegin vor den sich schließenden Türen draußen stehen. Kurz, Rücksichtslosigkeiten und Schläge unter die Gürtellinie sind Gang und Gäbe. Absichtlich oder nicht.

Die besten Jobs von allen

Weit verbreitet ist diese Selbsteinschätzung, die oft noch stolz verkündet wird: ?Ich habe gute Manieren ? wenn es drauf ankommt.? Dabei ?beweist genau diese Einschränkung die schlechte Erziehung des Betreffenden. Denn entweder man hat sie oder nicht. Immer und überall. Umgangsformen sind nichts, was man nur nur im Bedarfsfall zückt?, kommentiert Gabriele Schlegel, Dozentin für Business Behaviour, also Benimm im Geschäftsleben, an der Fachhochschule (FH) Bonn-Rhein-Sieg. Dies ist die erste Hochschule, die in Deutschland Studenten die richtigen Umgangsformen beibringt. Ganz nach dem US-Vorbild, wo junge Menschen an College und Universität in Vorlesungen lernen, wie sie sich kleiden und benehmen müssen, um im Beruf Erfolg zu haben. Jede Uni-Homepage liefert Infos, jede Bibliothek hat Lehrbücher hierzu en Gros.Der interessante Widerspruch hier: Jeder meint von sich, er habe Benimm und Anstand ? nur die anderen leider leider nicht. Dabei sind korrekte Umgangsformen im Berufsalltag von den Unternehmen durchaus gewollt, berichtet Schlegel von ihrer aktuellen Umfrage, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt: Angemessenes Auftreten gegenüber Kollegen und Chefs wünschen sich 100 Prozent der befragten Personalverantwortlichen, 96 Prozent fordern respektvollen Umgang und 85 Prozent erwarten Freundlichkeit und Höflichkeit, die nicht aufgesetzt ist. Befragt wurden die Personalchefs der Dax-30-Unternehmen. Die Antwortquote lag bei stolzen 93 Prozent.Gefragt wurde nach den Wunsch-Eigenschaften ihrer Manager als Aushängeschild des Unternehmens. Das Fazit: Gute Umgangsformen im Job sind wichtig ? da sind sich fast alle Befragten, 93 Prozent, einig. Insbesondere angemessenes Verhalten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten halten alle für entscheidend. ?Ich fürchte, dieser Wunsch wird von der Alltagshektik oft verdrängt,? meint Schlegel.Dies entspricht auch den Erkenntnissen der Zukunftsstudie ?Unternehmen 2010? der Beratungsgesellschaft Ernst & Young in Eschborn: ?Danach sind die entscheidenden Kompetenzen des Managers von Morgen nicht sein Fachwissen, sondern seine Fähigkeit mit anderen umzugehen und sich auf Menschen anderer Kulturen einzustellen,? berichtet der Studienverantwortliche Rudolf Böhlke. Dies gilt umso mehr wegen der zunehmenden Internationalisierung der Unternehmen und weil ?in der heutigen Manager-Generation schon vielen die gute Kinderstube fehlt ? nicht zuletzt weil die Scheidungsrate längst bei 40 Prozent liegt und die Familie als Keimzelle der Gesellschaft fehlt.?Dies stützt auch die Umfrage der FH Bonn-Rhein-Sieg: 96 Prozent der Personalchefs finden Respekt vor persönlichen und kulturellen Unterschieden unerlässlich. ?Etliche Manager haben da Nachholbedarf, es fehlt vielen an Umgangsformen, ? urteilt Schlegel. So kommt es, dass nur elf Prozent der Unternehmen ausdrücklich Wert legen auf die Fähigkeit, Veranstaltungen wie Geschäftsessen vorbereiten zu können. Doppelt so vielen ist es sogar egal. Schlegel bedauert: ?Schade, Kunden wollen auch hier korrekt wahrgenommen werden.? Und international erst recht.Schlegel berichtet von einem Unternehmer, der über Probleme vor allem mit den Ehefrauen seiner Leute klagt. Diese sollen, so der Wunsch des Chefs, Einladungen für Geschäftskunden geben. Doch die Partnerinnen identifizieren sich oft nicht mit dem Beruf des Mannes und wollen keine Gastgeberrolle. Der Grund, so Schlegel, ist vermutlich ein anderer: ?Junge Frauen sind oft unsicher, beherrschen weder Small Talk noch Tischsitten.? Dabei ereile sie ihr Schicksal spätestens bei Entsendungen. Im Ausland ordnen die Menschen die Partner der Expatriats immer dem entsendenden Unternehmen und dem Land zu. Die Ehefrau des Siemens-Mannes repräsentiert das Münchner Unternehmen und die Heimat ? egal wie sie es subjektiv empfindet.Alarmierend ist dieses Ergebnis: Nur zehn Prozent der Personaler legen Wert darauf, dass ihre Leute Small Talk beherrschen. Da besteht Handlungsbedarf. ?Die Fähigkeit zum unverbindlichen Gespräch, das aber dennoch intelligent und unterhaltend ist, ist hier verpönt ? unberechtigterweise. ?Dieses Können ist gerade in Amerika und Asien von zentraler Bedeutung,? so Schlegel. Geht es doch für diese Nationen darum, das Gegenüber abzutasten, ob man ihm auf Dauer vertraut, weiß Schlegel aus ihrer Zeit in Washington und Singapur. Dort musste sie als Ehefrau des Botschafters täglich offiziell repräsentieren.Haben Asiaten keinen persönlichen Draht zum Menschen, wollen sie auch kein Geschäft mit ihm. Deshalb zahlt Daimler-Chrysler seinen Auslandsrepräsentanten in Asien auch die hohen Beiträge für die Clubs, wo das gesamte Freizeitprogramm für die Familie stattfindet. Da mischen sich Freizeit und Job.Dass Small Talk unverzichtbar ist, hat auch Klaus-Peter Gushurst, Chef der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton bei seinem letzten US-Besuch wieder erlebt. Als er auf ein Abendessen im Restaurant mit einem Vorstand eingerichtet war, erschien jener in Jeans und nahm ihn mit nach Hause zu seiner Familie. Dass dort Business-Gespräche tabu waren, ist klar.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.05.2004