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Jeder gegen jeden

Von Julia Leendertse
In vielen Unternehmen herrscht Hauen und Stechen: Ging es früher Oben gegen Unten, Arbeitgeber gegen Arbeitnehmer, so ist sich inzwischen jeder selber der nächste. Die Unternehmen fördern diese Individualisierung auch noch, um nachher darunter zu leiden.
Wenn alle drängeln, geht's bestimmt nicht schneller: Mopedfahrer in Vietnam. Foto: ap
Können Menschen in Konzernen glücklich werden? Svenja Hofert, Manager-Coach in Hamburg glaubt: Nein. Denn je größer das Unternehmen, umso gleichgültiger sind den Mitarbeitern ihre Kollegen und umso kälter ist in schlechten Zeiten das Betriebsklima.Schuld ist allein schon die Größe der Einheit. Denn es ist schon biologisch erwiesen, dass niemand mit mehr als 150 Leuten eine Bindung empfinden kann. Der britische Anthropologe Robin Dunbar von der Universität in Liverpool fand heraus, dass Säugetiere in Herden leben, deren Größe genau mit dem Volumen ihrer Großhirnrinde korreliert. Je kleiner das Großhirn, desto kleiner ist die Herde und umgekehrt.

Die besten Jobs von allen

Die natürliche Größe einer menschlichen Herde liegt bei 148 Leuten. Auch Dörfer von Urvölkern zählen der Regel nicht mehr als 150 Personen. Der Bekanntenkreis von Menschen übersteigt ebenfalls kaum je die Zahl von 150. Kommen neue Bekannte dazu, werden andere aussortiert. ?Das bedeutet ? übertragen auf das Wirtschaftsleben ?, dass die Strukturen, in denen viele heute arbeiten, für das menschliche Großhirn schlicht zu groß sind?, urteilt Autorin Hofert. Sie schrieb das Buch ?Jeder gegen jeden?, das bei Redline Wirtschaft erschienen ist. Als Coach beobachtet sie, dass immer weniger Menschen ? vom Chef bis zum Mitarbeiter ? mit dem täglichen Kampf innerhalb ihrer Unternehmen klar kommen.Gleichzeitig aber stellte Hofert fest, dass ihre Klienten keinesfalls bedauernswerte Opfer von Nieten in Nadelstreifen waren. ?Im Gegenteil ? die meisten verharren entweder im Dienst nach Vorschrift oder beteiligen sich sogar selbst intensiv an den Jeder-gegen-jeden-Auseinandersetzungen.? Hofert folgert: In den Unternehmen ist ein neuer Klassenkampf entbrannt. Ging es früher um Oben gegen Unten, Arbeitgeber gegen Arbeitnehmer, ist die Devise heute ?Jeder ist sich selbst der Nächste.? Kollegialität ist perdu.?Dass ausgerechnet die Kollegen aus dem eigenen Unternehmen zu einem persönlichen Verbund zählen, der einen im Notfall trägt und dessen Mitglieder in dieselbe Richtung denken wie man selbst, ist eher die Ausnahme?, urteilt Kommunikationsexperte Hasso Mansfeld aus Bingen am Rhein. Sein Rezept: Die Fäden des eigenen Handelns in der Hand behalten. Wer schon nach Kollegialität rufen muss, wird sie kaum erhalten.Beim Fortkommen in der Wissensgesellschaft zählen Opportunitäten, so Hofert. ?Und diese Gelegenheiten bieten sich denen, die über Wissen verfügen oder dies zumindest vortäuschen können, und denjenigen, die die Nähe zu Macht und Einfluss haben.? Nur wer möglichst rücksichtslos allein an sich denkt, macht Karriere. Dieter Boch von der Unternehmensberatung Target Consulting, analysiert: ?Mittlerweile ist die Geschäftswelt so stark individualisiert, dass jeder gegen jeden um den Besitz von Jobs kämpft.?Gefördert wird dies von den Unternehmen selbst, die nach wie vor den Teamplayer nur vorgeblich wünschen, aber nicht belohnen. Befördert wird nie der gute Teamcoach, sondern immer nur diejenigen mit den kräftigsten Ellenbogen werden befördert und die sich am besten zu verkaufen wissen ? nach oben. Ein schwerer Fehler. Denn so kommen nur noch Opportunisten und Egoisten nach. Die Unternehmen erfüllt heute ein Klima, in dem auch der brave, fleißige Mitarbeiter im Überlebenskampf um den Job klein gemacht wird ? bis auch der sich resigniert zurückzieht. Denn all diese Mechanismen allein genügen, um ihm als schlechtes Vorbild zu dienen: Wenn nicht Fleiß und Einsatz zählen, sondern in erster Linie die Karrieretaktik.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Werber sind die cholerischsten Völlig neu ist das Phänomen ?Du oder ich nicht?, urteilt Berater und Psychologe Boch. ?Doch mit dem Abbau von Hierarchien ? die einst eingezogen wurden, um für Ordnung zu sorgen ?, ist das soziale Gefüge in Unternehmen brüchig geworden.? Hinzu kommt die unterschwellige Angst jedes einzelnen quer durch alle Hierarchien ? vom Vorstandschef bis zur Aushilfe ?, plötzlich entdecken zu müssen, dass man zu den Globalisierungsverlierern gehört. Dass der Bereich, in dem man gerade arbeitet, abgewickelt wird und man selber auf der Straße steht.So wie Wolfgang Schur, Ex-Vertriebsmanager eines US-Konzerns. Schur lieferte sich regelmäßig Scharmützel mit einem Kollegen. ?Er wendete die üblichen Tricks an, und ich zog mit. Ich sorgte dafür, dass er im schlechten Licht dastand?, erinnert sich Schur: ?Eines Tages wurden wir beide zum Chef zitiert. Mein Konkurrent wurde vor meinen Augen rausgeschmissen. Das war ein bitterer Sieg. In dem Moment wusste ich, dass das kein Spiel mehr war. Wie mit ihm umgegangen wurde, so würde bald auch mit mir verfahren werden.? Schur kündigte lieber vorher selbst.Der Jeder-gegen-jeden-Faktor ist besonders groß in der Werbebranche, aber auch in Banken oder Verlagen. ?Wenn jemand abends nach 22 Uhr auf dem Rücksitz weint, kommt er von Jung von Matt?, heißt es beispielsweise unter Hamburger Taxifahrern. ?Die Werbebranche ist der Wirtschaftszweig mit den meisten Cholerikern?, berichtet Karrierecoach Svenja Hofert. ?Exzentrik wird als zulässiges Nebenprodukt von Kreativität geschätzt. Wutausbrüche, Anschreien und Türenknallen werden keineswegs als schlechter Stil gewertet.? Gleichzeitig gilt: Je exzentrischer der Chef, desto exzentrischer sind auch seine Führungskräfte, und umso zügelloser sind die Mitarbeiter im Umgang mit den Kollegen. Vergleichsweise gering ist der Jeder-gegen-jeden-Faktor in der IT-Branche. Hofert: ?Hier menschelt es schon mehr, und es herrscht ein lockerer Umgangsstil. Status und Machtorientiertheit gibt es zwar auch in IT-Unternehmen, aber sie sind weniger ausgeprägt als etwa bei Banken.?Und es sind nicht nur die einzelnen Leute, die das Klima vernichten. Ganze Abteilungen pflegen sogar bewusst ihr Lagerdenken. Sie arbeiten an Projekten, obwohl sie genau wissen, dass auch andere Abteilungen am Thema dran sind. Mit dem Ziel, am Ende aus dem nach Guerilla-Manier geführten Wettbewerb siegreich hervorzugehen.Ebenso gang und gäbe ist es heute auch, ein und dasselbe Projekt an zwei Teams zu vergeben ? nach dem Motto: Der Bessere gewinnt. ?In Strategie- oder Kreativabteilungen wie im Marketing sind solche Taktiken an der Tagesordnung?, weiß der Berliner Experte für Wissensmanagement Peter Heisig: ?Eben überall dort, wo sich Ergebnisse schlecht messen lassen und Kreativität gefragt ist.? Und wenn eine Firma das Hauen und Stechen als normale Umgangsform akzeptiert, braucht sich keiner zu wundern, wenn es wie bei einer Karambolage auf der Autobahn endet: Dann kommt gar keiner mehr vorwärts.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.11.2006